Günter Grass

Klassiker und Skandalwerke

Günter Grass war nie unumstritten, dafür immer streitbar. Mit seinen Büchern löste er oft gesellschaftliche Diskussionen und Skandale aus.

Den verstorbenen (1927-2015) konnte man lieben oder hassen, aber nie ignorieren. Jede Veröffentlichung war ein kulturelles Ereignis, fast jedes seiner Bücher sorgte für eine breite öffentliche Debatte oder gleich einen handfesten Eklat.

"Die Blechtrommel"

Das bekannteste Buch von Grass blieb stets sein Debüt-Roman: "Die Blechtrommel", 1959, gilt längst als eines der wichtigsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur. Die surreal-ausufernd erzählten Erlebnisse des ewigen Dreijährigen Oskar Matzerath und seiner Familie in der Nazi- und Nachkriegszeit trafen in der Kritik auf ein durchaus gespaltenes Echo, dem weltweiten Erfolg tat das keinen Abbruch. Auch Verfilmung der "Blechtrommel", 1979, war ein internationaler Hit und wurde mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film und der Goldenen Palme ausgezeichnet.

"Der Butt"

In seinem fünften Roman "Der Butt", 1977, widmete sich Grass einem ganz großen Thema: Der Menschheitsgeschichte von der Steinzeit bis zur Gegenwart und dabei insbesondere dem Verhältnis zwischen Mann und Frau. Auf der einen Seite hinterfragt Grass Rollenklischees und erklärt die von den Männern gemachte Geschichte für gescheitert. Auf der anderen Seite widmete er sich aber auch der zeitgenössischen Emanzipationsbewegung auf satirische Weise, die zu erwartende feministische Kritik nahm er im Roman gleich vorweg. In der Frauenbewegung kam "Der Butt" dann auch tatsächlich nicht gut weg, Zeitschrift "Emma" kürte Grass im Juli 1977 zum "Pascha des Monats".

"Im Krebsgang"

In der Novelle "Im Krebsgang" widmete sich Grass 2002 einem vieldiskutierten Gebiet der Erinnerungskultur: Dem Umgang mit den deutschen Opfern des Zweiten Weltkriegs. Grass beschäftigt sich mit der Versenkung des mit ostpreußischen Flüchtlingen beladenen Dampfers "Wilhelm Gustloff", dem nationalsozialistischen Namenspatron des Schiffes sowie der Vereinnahmung des Gedenkens an die Katastrophe durch Neonazis. "Im Krebsgang" wurde auf der einen Seite als Meilenstein der Vergangenheitsbewältigung gefeiert, Kritiker warfen Grass dagegen vor, den Holocaust zu relativieren.

"Beim Häuten der Zwiebel"

Um seine eigenen Erinnerungen drehte sich Grass' Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel", 2006. Für Aufsehen sorgte der Schriftsteller vor allem dadurch, dass er in dem Roman offenbarte, in der Waffen-SS gedient zu haben. Für viele hatte er mit dem späten Bekenntnis seinen Anspruch, als moralische Instanz aufzutreten, verwirkt. "Ich würde nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen von diesem Mann kaufen", ätzte etwa Joachim Fest in der "Bild". Einige Stimmen forderten Grass zur Rückgabe seines Nobelpreises auf.

"Was gesagt werden muss"

Ein letztes Mal schlug Grass 2012 mit dem Gedicht "Was gesagt werden muss" größere Wellen. In dem in Deutschland zuerst in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichten Text kritisierte der Schriftsteller die Politik Israels und warf dem Land vor, den Iran auslöschen zu wollen und den Weltfrieden zu gefährden. Zahlreiche Literaturkritiker, Schriftstellerkollegen und Politiker attackierten Grass dafür und warfen ihm eine einseitige Betrachtungsweise des Konflikts zwischen Israel und dem Iran sowie Antisemitismus vor. Das israelische Innenministerium verhängte ein Einreiseverbot gegen Grass, offiziell wegen seiner früheren Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Grass wehrte sich gegen die Antisemitismus-Vorwürfe, relativierte das Gedicht aber in Teilen auch. In einem Punkt sollte er recht behalten: "Mit letzter Tinte" habe er es geschrieben, heißt es in "Was gesagt werden muss" - und tatsächlich war dies sein letzter großer Skandal.

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