Auch sie litt unter Depressionen: Julia Roberts
© Jordan Strauss/Invision/AP Auch sie litt unter Depressionen: Julia Roberts

Depressionen Deshalb sprechen Promis darüber

"Depressionen können jeden treffen" - Autorin Sandra Maxeiner erklärt im Interview, warum es hilft, wenn betroffene Promis darüber sprechen.

Mit "Dr. Psych's Ratgeber Depressionen" (Jerry Media Verlag, 360 Seiten, 24,95 Euro) hat Dr. Sandra Maxeiner zusammen mit Hedda Rühle ein Buch geschrieben, dass diejenigen in den Mittelpunkt stellen soll, die es betrifft: depressive Menschen und ihre Angehörigen. Betroffene sprechen darin über ihre Gefühlswelt, ihren Alltag mit der Erkrankung, ihre Hoffnungen und Wünsche und darüber, wie ihre Familien und ihr Umfeld darauf reagieren. Auch wie man eine Depression erkennt und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erklärt der Ratgeber. Für die Rettung entscheidend seien oft andere Menschen, verrät Maxeiner im Interview - und auch was es bringt, wenn Prominente mit der Krankheit an die Öffentlichkeit gehen.

"Es kann jeden treffen"

"Depressionen können jeden treffen, jederzeit, unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialer Stellung - ob prominent oder nicht", sagt die Expertin. Prominente verfügten häufig über eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur: "Einerseits suchen sie die Aufmerksamkeit und den Kontakt zu Medien, wollen im Licht der öffentlichen Wahrnehmung stehen, andererseits lässt sich jedoch genau das, je mehr Erfolg sie haben, nicht mehr kontrollieren." In weniger erfolgreichen Zeiten lauert dann laut Maxeiner die Gefahr, dass sie in "ein tiefes Loch" fallen. Hinzu komme, "dass auch der Druck von außen auf prominente Persönlichkeiten immer weiter zunimmt, je erfolgreicher sie sind. Denn schließlich erwarten alle stets großartige Leistungen von ihnen".

Von Julia Roberts bis Justin Bieber

Viele Stars haben auch über die Krankheit gesprochen: "Die Liste der Prominenten, die sich zu ihrer Depression bekannt haben, ist lang", sagt Maxeiner. "Sie reicht vom ehemaligen Take-That-Sänger Robbie Williams über die Schauspielerin Julia Roberts, die US-Schauspielerin und Verlobte von Boxweltmeister Wladimir Klitschko, Hayden Panettiere, die Sängerinnen Lady Gaga und Sarah Connor bis hin zum Jungstar und Mädchenschwarm Justin Bieber."

Lady Gaga: "Geschichten teilen"

Einflussfaktoren, die sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken können, sind laut Maxeiner vor allem ein stabiles familiäres Umfeld, eine funktionierende Paarbeziehung, eine offene Kommunikation über die Krankheit und eine erfolgreiche Therapie. Beim Sänger Robbie Williams waren es "wohl vor allem seine Familie und ein soziales Umfeld, die ihm aus seinem Seelentief herausgeholfen haben". Die US-Schauspielerin Hayden Panettiere, die an einer Wochenbettdepression leidet, habe sich in ein Behandlungszentrum begeben. "Lady Gaga, die an Depressionen und Ängsten litt und noch immer leidet, hat es geholfen, über ihre Erkrankung zu sprechen. Mit ihrer Stiftung, der "Born This Way Foundation", möchte sie anderen Betroffenen Mut machen und ihnen sagen: "Ihr müsst keine Opfer sein! Wenn wir unsere Geschichten teilen und zusammenhalten, dann sind wir stark.""

Julia Roberts hatte "ständige Selbstzweifel"

Auch die Schauspielerin mit dem wohl bezauberndsten Lächeln der Filmgeschichte, Julia Roberts, habe über ihre Depression offen gesprochen, weiß Maxeiner, und Roberts sagt heute: "Das Wichtigste ist, offen darüber zu reden." Die Ursachen für ihre Depression sieht Roberts vor allem in ihren ständigen Selbstzweifeln. "Immer glaubte sie, nicht gut genug oder zu alt für neue Rollenangebote zu sein. Inzwischen hat sie zu einer positiven Lebenseinstellung zurückgefunden, auch weil sie erkannt hat, dass der einzige Mensch, der sie vom Glücklichsein abhielt, sie selbst war. "Jetzt gehe ich mit dem Leben um wie ein Kind mit Süßigkeiten umgeht. Das Leben ist kurz, deshalb lebe heute!""

Rettungsinseln finden

"Egal, ob prominent oder nicht", so die Expertin: "Jeder muss seinen ganz eigenen, individuellen Weg finden, mit dieser Krankheit umzugehen. Eines jedoch ist für alle depressiven Menschen essenziell, nämlich dass sie ihre "Rettungsinseln", ihre "Anker" oder "Rettungsringe" finden - kurz: Dinge, die ihnen Kraft geben und bei denen sie Energie tanken können. Der Sänger Bosse sagte dazu: "Wir müssen Rettungsinseln schaffen, müssen das Thema öffentlich machen. Und Rettung geht immer über Kommunikation mit Menschen, die dir helfen in Situationen, in denen es dir nicht gut geht." Welche Rettungsinseln und "Energiespender" Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, helfen, ist dabei sehr unterschiedlich. Waren es bei Kerstin vor allem ihre Freunde und ihre Familie, die ihr beistanden, war für den 25-jährigen Tim sein Chef der "rettende Engel". Ein weiterer wichtiger "Rettungsring" sind Kinder. Auch für Katja ist ihre Tochter lebenswichtig, obwohl sie weiß, wie belastend es für sie ist, für ihre depressive Mutter zu sorgen."

Den Sinn dahinter erkennen

Vielen Depressiven hat laut Maxeiner auch ihr Glaube geholfen. "Jeder Mensch braucht schließlich etwas, woran er glauben kann - ob es nun die Wissenschaft ist, eine Religion, eine ganz eigene Spiritualität oder eine Philosophie. Und natürlich kann es auch ausgesprochen hilfreich sein, sich mit der Erkrankung Depression nicht nur auseinanderzusetzen, sondern auch ihren Sinn zu erfassen. Anselm Grün schrieb in seinem Buch "Wege durch die Depression": "Wenn wir sie ablehnen und uns selbst abwerten, weil wir depressiv sind, werden wir den Sinn der Krankheit nie erkennen. Im Gegenteil: Sie wird stärker. Sie wird zum Feind, der uns im Griff hat. Nur das Mitfühlen mit der Krankheit kann sie wandeln.""

"Eine andere Perspektive"

"Dr. Psych's Ratgeber Depressionen" soll einen unverstellten, unvoreingenommenen Blick in das Innenleben depressiver Menschen und in die Gefühlswelt ihrer Angehörigen geben: "Wir sind der Überzeugung, dass man depressiven Menschen nur dann helfen kann, wenn man in der Lage ist, sich in die Gefühlswelt Betroffener und deren Angehöriger hineinzuversetzen, wenn man echtes Mitgefühl entwickelt und ein gewisses Grundverständnis für ihre Situation aufbringt. Leider haben die wenigsten wirklich eine Ahnung davon, wie sich depressive Menschen fühlen, was in ihnen vorgeht, was sie bewegt, wie sehr sie jeden Tag mit sich selbst kämpfen und welchen Vorurteilen sie tagtäglich begegnen. Deshalb haben wir für unser neues Buch bewusst eine andere Perspektive gewählt, um erstmals die Gefühlswelt, den Alltag, die Hoffnungen und die Wünsche depressiver Menschen und ihrer Angehörigen erlebbar, erfahrbar und damit nachvollziehbar zu machen", sagt die Autorin.

Hilfe bei Depressionen bietet die Telefonseelsorge unter der kostenlosen Rufnummer: 0800/111 0 111