Debra Milke ist wieder frei. 23 Jahre lang saß sie unschuldig in der Todeszelle
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debra milke "Meine Seele war immer frei"

23 Jahre saß Debra Milke unschuldig in einer Todeszelle. Im Interview mit spot on news sagt sie, dass sie nur körperlich im Gefängnis saß.

Als am 2. Dezember 1989 der vierjährige Junge Christopher Milke spurlos verschwindet und wenig später tot in der Wüste von Arizona ermordet aufgefunden wird, beginnt ein unfassbarer Leidensweg für die deutschstämmige Amerikanerin Debra Milke. Ein Leidensweg, der bis heute anhält.

Die jetzt 51-Jährige wurde für den Mord an ihrem Sohn verantwortlich gemacht und von einem Gericht zum Tode verurteilt. 23 Jahre saß Milke in einer Todeszelle in Arizona. Bis ein Anwalt das Unmögliche wahr machte und Milke aus den Klauen der Justiz befreien konnte. Das Urteil wurde aufgehoben und Milke 2013 in die Freiheit entlassen.

Jetzt erscheint ihre Geschichte in Buchformat auf dem deutschen Markt. Die US-Journalistin Jana Bommersbach hat jahrelang den Fall Milke verfolgt und die Details jetzt in dem Buch "Ein geraubtes Leben" zusammengefasst.

Die Nachrichtenagentur spot on news hat Bommersbach und Milke in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona besucht und mit den Frauen über die anhaltende Tortur durch die Wirren des amerikanischen Justizsystems und das Gefühl, aus einer Todeszelle befreit zu werden, gesprochen.

Frau Bommersbach, warum dieses Buch über Debra Milke?

Jana Bommersbach: Das ist einfach zu beantworten, weil sie ein halbes Leben lang unschuldig im Gefängnis saß. Es ist ein Justizskandal der ersten Güte. Und das muss einfach erzählt werden.

Frau Milke, Sie sitzen hier auf dem Sofa und trinken einen Kaffee. Sind Sie verbittert, dass Sie das halbe Leben praktisch nur auf einer Betonpritsche schlafen konnten?

Debra Milke: Nein, ich habe keine Lust, verbittert durchs Leben zu gehen. Ich wusste immer, dass ich unschuldig bin. Ich bin froh, dass es die Welt heute auch weiß. Aber im Herzen trage ich natürlich noch immer eine sehr tiefe Trauer. Mein Sohn ist tot. Den bringt mir niemand mehr zurück ins Leben.

Wie lernt man mit den Jahren, mit einer solchen traurigen Tatsache umzugehen?

Milke: Der Mensch kann viel einstecken. Das habe ich gelernt über die letzten Jahrzehnte. Du härtest ab, verinnerlichst den Schmerz, aber mein Überlebensinstinkt war immer da. Ich wollte raus aus dem Loch, aus meiner Zelle. Und heute bin ich ein freier Mensch.

Frau Bommersbach, Sie haben mit vielen involvierten Juristen und Ermittlern im Fall Milke gesprochen. Hat sich bis heute eigentlich mal jemand bei Frau Milke entschuldigt?

Bommersbach: Nein, sie wurde entlassen ohne ein Wort der Entschuldigung, ohne irgendwelche Kompensation. Das Justizsystem in Arizona ist sehr veraltet und verschroben. Kein Ermittler hat bis heute gesagt, dass er einen Fehler gemacht hat.

Dabei leben Sie doch im klagefreudigen Amerika. Warum gibt es bis heute keine Anklage von Frau Milke gegen den Bundesstaat?

Bommersbach: Das ist immer noch ein schwebendes Verfahren, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Aber Debra darf und wird darüber nicht sprechen können.

Frau Milke, wovon leben Sie heute eigentlich? Und warum um Gottes Willen sind Sie noch immer in Phoenix. Immerhin ein Ort, der doch nur schreckliche Erinnerungen für Sie hat?

Milke: Ich arbeite in der Kanzlei meines Anwalts, mache da die Abrechnungen. Das tut mir gut. Ich gehe gerne einer geregelten Arbeit nach. Es gibt mir ein Stück Normalität zurück. Danach habe ich mich so viele Jahre gesehnt. Und warum noch immer Phoenix? Ganz einfach, es ist mein Zuhause. Hier habe ich meine Freunde.

Sie haben deutsche Wurzeln. Schon mal darüber nachgedacht, nach Deutschland zurückzukehren?

Milke: Ja, das habe ich tatsächlich. Ich war zu Weihnachten im letzten Jahr da. In Berlin. Es hat mir sehr gut gefallen. Ich könnte mir gut vorstellen, nach Deutschland zu ziehen.

Wie überlebt man eigentlich eine Todeszelle in den USA? Immerhin wurde dort auch mehrfach ihre Exekution geprobt. Das ist doch der blanke Psycho-Terror...

Milke: Ja, aber meine Willenskraft war stärker. Ich habe mir immer geschworen, nicht im Gefängnis zu sterben. Ich war vielleicht physisch in Perryville in der Zelle, aber meine Seele war immer frei. Das hat mir geholfen.

Frau Bommersbach, als Sie den Fall das erste Mal beobachteten und Frau Milke im Gefängnis das erste Mal besuchten, haben Sie da sofort an ihre Unschuld geglaubt?

Bommersbach: Nein, das hatte ich nicht. Wie auch. Alle Medien in Arizona hatten Sie vorverurteilt, hatten geschrieben, dass sie eine eiskalte Killerin sei. Das prägt, das hinterlässt Spuren. In unseren Gesprächen und in meinen Recherchen habe ich dann aber gemerkt, dass hier viele Fehler bei den Ermittlungen gemacht wurden.

Der größte Fehler?

Bommersbach: Dass der damalige Ermittler das angebliche Geständnis von Debra nicht auf Tonband aufgenommen hatte und auch keinen weiteren Zeugen nennen konnte. Das scheint heutzutage einfach nur unglaublich, aber es ist noch immer Gesetz in Arizona, dass ein Ermittler seine Verhöre nicht auf Tonband aufzeichnen muss. Vor dem Richter stand dann das Wort des Polizisten gegen Debra Milke.

Frau Milke, was hat sich am meisten bei Ihnen verändert seit der Entlassung aus der Todeszelle?

Milke: Jahrelang habe ich nicht zugelassen, zu weinen. Ich wollte stark sein. Für mich, für meinen Sohn. Heute lasse ich es auch ab und zu mal zu, einfach nur traurig zu sein, mich fallen zu lassen. Ich brauche das, muss tief durchatmen, damit ich weiter durchs Leben marschieren kann. Das schulde ich mir, das schulde ich meinem Sohn.