Stalking
© Getty Images/Splashnews.com Stalking

Stalking Ganz nah dran

Die Angst vor Stalking wird bei Prominenten immer größer. Die Hemmschwelle für No-Names, ihren Idolen nachzustellen, ist heute so niedrig wie nie zuvor

Vor Han Cong Zhao ist Jennifer Lawrence erst mal sicher. In über 200 Anrufen, Mails und SMS hatte er ihrer Familie seit April gedroht, es würden "schlimme Dinge passieren", wenn sie ihm nicht ein Date mit der Schauspielerin verschafften. Der 23-jährige Kanadier bleibt im Knast von Louisville, Kentucky, bis ihm der Prozess gemacht wird. Doch bringt das der Schauspielerin Erleichterung? Irgendwo da draußen hat der nächste Psychopath sie vielleicht schon ins Visier genommen.

Die Bedrohung durch übergriffige Fans war für Prominente noch nie so extrem wie heute. Und durch die Omnipräsenz von Stars und Sternchen in Internet, TV und Zeitschriften gewinnt das Thema Stalking eine neue Dimension: Nicht nur Liebeskranke mit einer Persönlichkeitsstörung überwinden die natürlichen Grenzen zu ihren Angebeteten; der zur Schau gestellte Luxus-Lifestyle von Celebritys weckt offenbar Begehrlichkeiten bei denen, die weniger haben. Die Grenze zwischen VIP und No-Name ist durchlässig geworden.

Stalking: Unbelehrbar: Jack Jordan konnte trotz einer Bewährungsstrafe nicht von Uma Thurman lassen.
© Splashnews.comUnbelehrbar: Jack Jordan konnte trotz einer Bewährungsstrafe nicht von Uma Thurman lassen.

Uma Thurman weiß, dass aus harmloser Schwärmerei zwanghaftes Nachstellen werden kann. Jack Jordan, ein Mitschüler aus Highschool-Zeiten, machte ihr zwei Jahre lang das Leben zur Hölle. Schickte unzählige Briefe und Mails, tauchte immer wieder plötzlich vor ihrem Haus in New York auf und drohte mit Selbstmord, falls sie sich mit anderen Männern als ihm verabrede. "Meine Hände könnten jederzeit auf deinem Körper sein" stand auf einem Plakat, das er ihr einmal unvermittelt vor den Kopf stieß. 2008 wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, gegen deren Auflagen er verstieß. Jack Jordan ist krank. "Stalker sind überzeugt davon, im Recht zu sein. Wer im Liebeswahn ist, kann beispielsweise glauben, von Gott auserwählt zu sein für diese Liebe", sagt Jens Hoffmann. Er leitet das Darmstädter Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement und berät Prominente und Polizei. Wenn diese Menschen, wie bei Brad Pitt, George Michael oder P. Diddy geschehen, in die Villa ihres Idols eindringen, sich dort aufs Sofa legen oder ein Bier aus dem Kühlschrank holen, glauben sie, ohne jegliches Unrechtsbewusstsein, dass genau dort, in dieser fremden Wohnung, ihr Platz sei.

Stalking: Immer dabei - und mittendrin: Während ihres England-Trips im Juli 2013 wich ein unbekannter Fan nicht von Rihannas Seite. Zwölf Tage lang stand er mit gezücktem Smartphone vor Hotel- oder Bühnenausgängen bereit, um möglichst nah an die R&B-Ikone ranzukommen. Rihanna blieb unentschlossen: Mal machte sie mit, mal wirkte sie wie ferngesteuert. Über Twitter bekommt der Fan auch weiterhin Botschaften von seinem Star, wie Millionen andere
© Splashnews.comImmer dabei - und mittendrin: Während ihres England-Trips im Juli 2013 wich ein unbekannter Fan nicht von Rihannas Seite. Zwölf Tage lang stand er mit gezücktem Smartphone vor Hotel- oder Bühnenausgängen bereit, um möglichst nah an die R&B-Ikone ranzukommen. Rihanna blieb unentschlossen: Mal machte sie mit, mal wirkte sie wie ferngesteuert. Über Twitter bekommt der Fan auch weiterhin Botschaften von seinem Star, wie Millionen andere

Doch woran sollen Prominente erkennen, ob ein Fan oder ein Psychopath vor ihnen steht? Während ihrer World Tour in diesem Sommer stieß beispielsweise R&B-Star Rihanna immer wieder auf den gleichen Bewunderer. In England lauerte ihr ein unbekannter Mann mehr als zwölf Tage lang vor jedem Hotel- oder Bühneneingang auf, drängelte andere Fans zur Seite, um ein Foto oder, besser noch, eine Umarmung mit seiner Angebeteten zu bekommen. Rihanna wirkte unentschlossen: Mal grimassierte sie in die Kamera, dann wieder wirkte sie steif wie eine Schaufensterpuppe - die Augen, das Fenster zu ihrem Innenleben, hinter einer XXL-Sonnenbrille verborgen. Sie hat ihn nicht dazu aufgefordert, stundenlang hinter Absperrgittern zu campieren. Oder doch? Es gibt Tage, an denen Rihanna rund um die Uhr Fotos twittert: private Ansichten, gern auch von unterm Sweatshirt. Damit ist Projektionsflächen Tür und Tor geöffnet.

Stalking: Ein bisschen Ruhm im Schatten der ganz Großen: In "The Bling Ring" spielt Emma Watson Star-Stalkerin Nicki.
© PREin bisschen Ruhm im Schatten der ganz Großen: In "The Bling Ring" spielt Emma Watson Star-Stalkerin Nicki.

Celebritys gaukeln Nähe vor, deren Ausmaß sie nicht abschätzen können. Natürlich wollen sie gemocht und geliebt werden, das ist ihr Job. Aber wie kann man zugleich nahbar und sympathisch wirken und trotzdem seine Grenzen deutlich klarmachen? Dazu erklärt Stalking-Experte Jens Hoffmann: "Niemand wird prominent geboren. Manchmal ist es für Berühmtheiten ein richtiger Schock, wie groß die Bewunderung oder auch der Hass ist, der ihnen plötzlich entgegenschlägt. Das muss man innerlich verarbeiten. Wir raten deshalb unseren Klienten, sich ab einem gewissen Punkt sehr genau zu überlegen, was sie von ihrer privaten Seite preisgeben wollen."

Gala: Die neue GALA ist ab Donnerstag, 01. Dezember im Handel!
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Hier finden Sie das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe von Gala. Das Heft ist ab Donnerstag, 01. Dezember 2016, am Kiosk erhältlich. Zum GALA-Abo Passendes Angebot auswählen und bestellen

Nicht leicht in einem Business, das davon lebt, das eigene Image optimal zu vermarkten. Von Hollywood-Diva Greta Garbo gab es wenige, edle, immer perfekte Bilder. Sie wurde "die Göttliche" genannt - allein die Bezeichnung sorgt schon für respektablen Abstand. Heute kann es ein Justin Bieber gar nicht oft genug sagen: "I love you all!" In der bildergewaltigen Showbiz-Welt von heute gehört es für Stars und Sternchen zum täglichen Job, für Aufmerksamkeit in eigener Sache zu sorgen. Und dabei achten sie sehr genau darauf, sexy, erfolgreich und makellos zu wirken.

Ein Idealbild, auf das sich diejenigen stürzen, denen ein gesundes Selbstbild fehlt. "Stalker sind Identitäts-Vampire", sagt Jens Hoffmann. Und es ist auch ein Idealbild, das Begehrlichkeiten weckt. Gerade lief "The Bling Ring" im Kino, die wahre Geschichte über orientierungslose Teenies, die in die Häuser ihrer Stars eindringen. Um ein bisschen Make-up, Schmuck und Klamotten für sich abzuzweigen und sich damit ungeniert bei Facebook zu posten. Unter www.stalkersarah.com zeigt die 17-jährige Sarah rund 6000 Fotos von sich und ihren Stars. Kürzlich übersah sie in L.A. TV-Sternchen Hillary Duff. Die lief ihr tatsächlich nach und bat Sarah um ein Foto. Verkehrte Welt!