Sarah Palin Hockey-Mom macht weiter

Auch ohne Amt und Würden erklärt Sarah Palin den Amerikanern, was falsch und was richtig ist

Die Umarmung war lang und fest, von Verachtung oder gar Feindschaft keine Spur. Schließlich hängt US-Talkqueen Oprah Winfrey, 55, seit Wochen im Quotentief, da kommt ihr eine wie Sarah Palin als Plaudergast gerade recht - selbst wenn die Ex-Vize-Präsidentschaftskandidatin und Ex-Gouverneurin von Alaska politisch gesehen zur anderen Seite gehört, zur streng konservativen Anti-Obama-Fraktion. Außerdem geht es dieser Tage bei Gesprächen mit der streitfreudigen Ex- Politikerin sowieso um alles Mögliche, aber kaum wirklich um Politik.

Denn Sarah Palin hat ein Buch geschrieben, ihre Autobiografie „Going Rogue: An American Life“ (zu Deutsch: "Außer Kontrolle: Ein amerikanisches Leben"). Auf 413 Seiten erklärt die 45-Jährige ihre Sicht der Dinge. Für diesen potenziellen Megaseller bekam sie angeblich vorab 3,3 Millionen Euro Honorar. Schließlich ist Palin, seit sie an der Seite von John McCain im Wahlkampf gegen Barack Obama wetterte, eine Reizfigur in den USA. Ein Image, das sie mit ihrem Buch weiter pflegt: Die bodenständige Hockey-Mom schreibt von konservativen Werten, von ihrem Vorbild Ronald Reagan, von Gott, der Jagd und von Yoga-Stunden bei minus 20 Grad Celsius. Immer bissig, immer angriffslustig.

Aber da ist noch mehr, nämlich eine Menge persönliches Drama - und da sind private Fehden, zum Beispiel der Kleinkrieg zwischen Palin und Levi Johnston, 19, ihrem Ex-Beinahe-Schwiegersohn. Der Elektriker hatte ihre damals gerade mal 17 Jahre alte Tochter Bristol geschwängert. Doch anstatt flugs zu heiraten, wie es sich für einen guten Jungen und ein gutes Mädchen im konservativen Alaska gehört, trennte sich das Paar. Schlimmer noch: Levi will nicht länger als Elektriker arbeiten, sondern lieber im Fahrwasser der Palins reich und berühmt werden. So berichtete Levi, Sarah Palin würde ihren jüngsten Sohn Trig als "mein behindertes Baby" bezeichnen - der Junge wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Die angeblich eiskalte Mama konterte, indem sie erklärte, es sei "herzzerreißend zu sehen, welchen Weg Levi eingeschlagen hat". Der hatte sich in der Zwischenzeit nämlich nackt für das Magazin "Playgirl" fotografieren lassen, weshalb Palin angeblich für ihn betet.

Es sind diese Momente zwischen maßloser Übertreibung und tiefster Überzeugung, in denen Sarah Palin als Hardlinerin glänzt. Sie wirkt sogar noch souveräner als in den Zeiten, da ihr die Wahlkampfmanager einen Maulkorb verpasst hatten. Das muss auch Oprah Winfrey zugeben: "Ich war angenehm überrascht, wie offen und intelligent Sarah Palin aufgetreten ist." Genau wie Palin selbst kann sich auch Oprah gut vorstellen, dass die wehrhafte Fünffach-Mama, die ihre Munition im Nachtschrank aufbewahrt, 2012 noch einmal antreten wird. Dann aber nicht als Stellvertreterin, sondern um selbst für das höchste Amt in den Vereinigten Staaten zu kandidieren.