Sara Nuru

Begegnungen in Äthiopien

Eine Woche lang reiste Germany's amtierendes Topmodel Sara Nuru durch das Heimatland ihrer Eltern. Gala-Redakteurin Nina Anika Klotz war mit dabei

Sara Nuru in Äthiopien

Sara Nuru in Äthiopien

Auch wenn es erst ihr dritter Besuch in Äthiopien ist

, fühlt sich dem Land doch auf besondere Art und Weise verbunden. Eine Woche lang reiste Germany's amtierendes Sara Nuru durch das Heimatland ihrer Eltern - als Jugendbotschafterin des Projektes "Generation ABC-2015" der Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen". "Als ich aus dem Flieger ausgestiegen bin, wusste ich, ich bin zuhause", sagt sie. Ein Großteil ihrer Familie lebt hier, Großmütter, Tanten, Cousins, allerdings hat Sara bisher noch nicht viele von ihnen kennen gelernt. Die Landessprache Amharisch spricht sie nur gebrochen, aber das macht nichts: Dafür ist ja Papa Hussein dabei, der übersetzt. Und wenn jemand mit Grübchenlächeln und fröhlicher Neugier durch Ostafrika reist, bedarf es eigentlich auch gar nicht vieler Worte, um den tollsten Menschen zu begegnen.

Ein Protokoll Saras schönster Begegnungen:

Samstag, 5.09.2009, 19:30 Uhr Bole Airport, Addis Ababa

Beim Besuch der Schule in Degele fließen bei Sara Nuru Tränen der Rührung

Beim Besuch der Schule in Degele fließen bei Sara Nuru Tränen der Rührung

Schwer zu sagen, ob der deutsche Außenminister hier so viel besser ausgesehen hätte. Vielleicht schon, vielleicht ist er ja Klum-Fan und hat immer gern jeden Donnerstag "Germany's Next Topmodel" geguckt. Möglicherweise hätte aber auch er so seine Probleme damit gehabt, das Prinzip "Topmodel" zu begreifen. Der äthiopischen Außenminister jedenfalls gibt sich alle Mühe: "Also sind Sie so eine Art Miss Germany?" fragt er die 20-Jährige Sara Nuru, die soeben in gelandet ist und neben ihm auf einer abgewetzten, alten Couch im VIP-Berich des Flughafens von Addis Ababa sitzt. Mh, ja, vielleicht kann man es so stehen lassen. Hauptsache er hat verstanden, dass Sara zur Schönsten der Schönen erwählt wurde, vor Tausenden anderen Mädchen.

Henok findet das sehr beeindruckend. Henok Tadele ist Reporter der äthiopischen Nachrichten Agentur ENA. Bis vor ein paar Tagen hat er noch nie etwas von dieser Sara Nuru gehört, doch jetzt so von Angesicht zu Angesicht mit der äthiopischen Quasi-Miss-Deutschland sagt er: "Ich finde es toll, dass ein Mädchen mit äthiopischen Wurzeln in Deutschland einen Modelcontest gewinnen konnte. Ich meine: Klar sind die Äthiopier für ihre Schönheit bekannt, aber ich hätte nicht gedacht, dass das den Geschmack der Deutschen trifft", so der Journalist ganz diplomatisch. Und dass er es schrecklich bedauerlich findet, Sara nicht schon viel früher kennen gelernt zu haben, das sagt Henok auch.

Montag, 7.09.2009, 09:30 Uhr Mettu Karl Hospital, Illubabor

Beim Besuch der Kinderstation im Krankenhaus von Mettu wurde Sara Nuru von ihren Gefühlen überwältigt

Beim Besuch der Kinderstation im Krankenhaus von Mettu wurde Sara Nuru von ihren Gefühlen überwältigt

"We love she", keucht Geletarebi ganz aufgeregt. "We love she, Sara!" Der 19-Jährige, der eine am Mettu "Karl" Hospital einen Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert, kommt sofort angelaufen, als die drei "Menschen für Menschen"-Jeeps auf den Hof gefahren waren. Sara und ihre Begleiter wollen die von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen" renovierte und erweiterte Klinik besuchen. "Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, weil sie gestern im Radio gesagt haben, dass Sara heute hierher kommt. Und nun möchte ich ihr sagen, dass ich sie liebe. Mann, sie ist so hübsch!" Ein ganzer Pulk von Halbstarken hat sich um Geletarebi, eindeutig den Mutigsten unter ihnen, geschart. Erst brüllt er nur von der Ferne: "Hello Sara, I love you", dann traut er sich ein bisschen näher ran. Und weil Sara ja ohnehin keine Berührungsängste hat, posiert er dann bald für ein Handy-Foto mit ihr. "Amazagenalo", sagt sie, "danke" auf amharisch und lächelt Geletarebi freundlich an. Dabei ist er es doch, der zu danken hat. "Amazagenalo, Sara Nuru, amazegenalo."

Dienstag, 8.09.2009, 10:30 Uhr Gesamtschule, Degele nahe Mettu in den Westäthipischen Bergen

Noch regnet es nicht. Aber der Himmel ist dunkeldunkelgrau, die Wolken hängen tief über dem Dörfchen Degele und lang wird es wohl nicht mehr dauern, bis es wie aus Kübeln schütten wird. Dann wird Sheweynish ihren Nachhauseweg antreten, eineinhalb Stunden, durch Matsch und Pfützen, steil bergauf und das alles in Schlappen. Jeden Morgen steht sie um sechs Uhr auf, erzählt die 12-Jährige Sara. Dann macht sie das Frühstück für ihre ganze Familie, packt ihre Sachen und läuft zur Schule. Um neun Uhr beginnt der Unterricht, um drei Uhr nachmittags ist er zu Ende. "Und dazwischen esst ihr zu Mittag?", fragt Sara. "Nein", antwortet Sheweynish, "wir essen nie zu Mittag."

Beim Backen des landestypischen Fladenbrots Indschera hilft Sara Nuru gerne mit

Beim Backen des landestypischen Fladenbrots Indschera hilft Sara Nuru gerne mit

Die Schule in Degele ist alt und heruntergekommen. Viel zu viele Schüler sitzen an viel zu wenig Tischen in düsteren, zugigen Lehmhütten. Es ist feucht und kalt. In manchen Klassenzimmern gibt es gar keine Tafel, in anderen ist sie kaputt. Sara Nuru ist hier, um etwas zu verändern. Genau hier, in Degele, will sie eine neue Schule errichten, die Sara Nuru Schule. Das nötige Geld dafür wird sie als Botschafterin des "Menschen für Menschen"-Projekts "Generation ABC-2015" in sammeln. Wie nötig ihr Einsatz ist, wird ihr bei ihrem Besuch in Degele eindrucksvoll bewusst. Sara ist ganz erschüttert von den Unständen unter denen die Kinder hier lernen, sie weint sogar. "Ich denke gerade an meine kleine Schwester, die vor ein paar Tagen eingeschult worden ist. Was haben wir uns da Gedanken gemacht: welches Mäppchen, welcher Ranzen ... - und hier sind die Kinder schon froh, wenn sie einfach einen Bleistift und ein Blatt Papier haben."

Als Sara sie fragt, was sie später einmal werden will, muss Sheweynish lange nachdenken. "Lehrerin", antwortet sie schließlich verschämt. Lehrerin wollen auch alle ihre Klassenkameradinnen werden. Es ist der einzige Beruf, den die Mädchen hier kennen. Model ist ab jetzt eine weitere Option.

Dienstag, 8.09.2009, 14:00 Uhr In einem kleinen Dorf in Illubabor

Sara möchte sich ein Bild machen, wie die Schüler, die schon bald auf "ihre" Schule gehen werden, eigentlich so leben. Deshalb besucht sie Alem Saley. Die 31-Jährige lebt mit ihren vier Kindern in einer einfachen Lehmhütte. Immerhin: Sie hat ein Wellblechdach. In Äthiopien gilt das als Statussymbol. Nur wer es sich leisten kann, deckt seine Hütte mit Wellblech, alle anderen leben unter einem Strohdach.

Alem führt Sara in ihr Haus. Zwei Zimmer, eines das Wohnzimmer: zwei flache Bänke, Zeitungspapier als Tapete an den Wänden. Sonst nicht. Kein Fernseher, kein Couchtisch, keine Bücher. Das zweite Zimmer ist die Schlafkammer, eine große Liegematte und ein paar Decken. Zu Fünft schlafen sie hier. Die Luft ist feucht und klamm. Es ist kühl hier in den Bergen von Illubabor in Westäthiopien. Besonders während der Regenzeit. Draußen hinter dem Haus kocht Alem für ihre Familie. Saras Papa Hussein hilft seiner Tochter, übersetzt ihre Fragen. Wovon Alem und ihre Kinder leben, will die 20-jährige Münchnerin wissen. "Ich bin Händlerin", erzählte Alem. "Manchmal verkaufe ich Suppe, manchmal Kaffe. Je nach dem." Wo denn ihr Mann sei, fragt Sara. Da fängt Alem an zu weinen. "Er ist gestorben", übersetzt Hussein und möchte nachfragen, wann und woran. "Papa, nicht! Bitte!" hält Sara ihn zurück und streichelt Alem den Arm.

Donnerstag, 10.09.2009, 15:00 Uhr Flughafen Jimma, Illubabor

Als Botschafterin von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" reiste Sara Nuru zu ihren Wurzeln

Als Botschafterin von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" reiste Sara Nuru zu ihren Wurzeln

Er wollte es nicht zugeben, obwohl es doch so offensichtlich ist. Doch als Saras Vater Hussein Augen zwinkernd nachfragt, gibt Alex, Saras Fahrer, der sie die vergangenen vier Tage überallhin chauffiert hat, es dann doch zu: "Ja, es ist Liebe im Spiel", sagt er und blickt zu Boden. Alex hat sich in die schöne Sara verliebt. In ihr glucksendes Lachen und ihre süße Stimme (auch wenn er oft kein Wort verstanden hat, meistens spricht das Model ja Deutsch), in das makellose Gesicht des jungen Mädchens. Wenn die anderen Fahrer zusammensitzen, Karten spielen und ratschen, während das "Menschen für Menschen"-Team Schulen, Kinderheime oder Wasserstellen besichtigt, läuft Alex immer dem Trupp hinterher. Oder vielmehr: Seiner Sara läuft er hinterher, treu ergeben, sie andächtig anhimmelnd. Er fotografiert sie mit seinem Handy, immer und immer wieder. Und als die Reise der 20-Jährigen sich dem Ende zuneigt, klammert er sich an ihr Versprechen: Sie wird wiederkommen, hat sie gesagt. Ganz bestimmt. Und Alex wartet. Sehnsüchtig.

"Man definiert Glück ja so unterschiedlich", resümiert Sara gegen Ende ihrer Reise, kurz bevor es für sie geradewegs zur New York Fashion Week geht, von dort aus weiter zum Shooting nach Berlin, dann nach Mailand, dann aufs Münchner Oktoberfest. "Klar bin ich nach wie vor stolz darauf, das Finale von 'Germany's next Topmodel' gewonnen zu haben. Aber wenn man es sich so überlegt: Eigentlich hab ich damit ja nichts Großartiges geleistet. Dagegen die Leute von "Menschen für Menschen", die arbeiten wirklich, um zu helfen und nicht um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist so viel wichtiger." Große Gedanken für so ein zartes Persönchen. Für einen kurzen Moment stimmen sie Sara auch etwas traurig, bevor sie sich damit tröstet, dass ja auch sie hier ist um etwas zu bewegen.

Sara Nurus ganz persönliches Reisetagebuch können Sie unter www.IchwillGerechtigkeit.de lesen. Dort finden Sie außerdem mehr Informationen und Hinweise, wie auch Sie Sara und den Bau ihrer Schule in Äthiopien unterstützen können.

Nina Anika Klotz

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