Powerfrauen Die neuen Powerfrauen

Erfahrung und gelebtes Leben werden immer attraktiver. Im Rennen um den Oscar liegen dieses Jahr Hollywoods Best Ager vorn. War's das mit dem Jugendwahn im Filmbusiness?

Nicht Scarlett Johansson, Lindsay Lohan oder ein anderer Jungstar dürfte am Sonntag auf dem roten Teppich vor dem Kodak Theatre das größte Blitzlichtgewitter entfachen, sondern eine ältere Dame mit grauem Haar. Nachdem Helen Mirren schon bei den Golden Globes im Dezember, den SAG Awards im Januar und zuletzt bei der Bafta-Verleihung in London den Preis für die beste weibliche Hauptrolle abräumte, richten sich nun bei der Oscar-Verleihung alle Augen auf die 61-jährige "Queen"-Darstellerin. "Helen Mirren ist die heißeste Favoritin, die Wetten stehen zwölf zu eins", sagt William Hill, Sprecher der Vereinigung britischer Buchmacher. "Dies ist das deutlichste Ergebnis, das wir je hatten." Erstaunlich vor allem deshalb, weil die reife Britin so gar nicht in das Klischee der typischen Hollywood-Diva passt. In den vergangenen Jahren gelang es keiner Frau über 35, die Trophäe als beste Hauptdarstellerin zu ergattern. Reese Witherspoon, Hilary Swank, Halle Berry, Charlize Theron, Nicole Kidman und Julia Roberts verkörperten das Ideal jugendlicher Schönheit. Umso be-merkenswerter, dass in diesem Jahr neben Helen Mirren noch zwei weitere Best Ager nominiert sind: Judi Dench und Meryl Streep, 72 und 57 Jahre alt. Dass die jüngeren Konkurrentinnen Kate Winslet, 31, und Penélope Cruz, 32, gegen diese Powerfrauen eine echte Chance haben - damit rechnen in Hollywood nur wenige Filmfachleute.

Ist der Jugendwahn in der Filmbranche etwa vorbei? "Früher hieß es, dass mit 35 für Frauen Schluss sei in Hollywood. Ich glaube, das hat sich geändert", sagt Naomi Watts, die vor drei Jahren ihre erste Oscar-Nominierung erhielt. Den Wandel kann die 38-Jährige nur begrüßen: "Wenn man älter wird, werden die Rollen glücklicherweise immer interessanter. Je länger das Leben dauert, desto tiefgründiger werden doch die Charaktere und desto reicher erscheint ihre Geschichte." Diese Erkenntnis hat sich auch unter Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseuren herumgesprochen. Mit "The Queen", "Tagebuch eines Skandals" und "Der Teufel trägt Prada", den drei Filmen, für die Mirren, Dench und Streep nominiert sind, kamen im vergangenen Jahr überzeugende Werke mit Damen "im besten Alter" ins Kino. Solche Parts angemessen zu besetzen, dürfte die geringste Sorge gewesen sein. "Wenn man eine Rolle für eine Frau jenseits eines gewissen Alters schreibt, dann gibt es so viele gute Schauspielerinnen, dass man keine Probleme hat, jemanden zu finden", erläutert Autor und Regisseur Doug McGrath. Für die Hauptrolle in seinem jüngsten Film "Infamous" engagierte er die 57-jährige Sigourney Weaver. "Ich spreche von großartigen Leuten, die wirkliche Schauspieler sind, nicht nur Stars. Ich ermögliche ihnen zu zeigen, was sie auf dem Kasten haben."

Doch Helen Mirren und ihre Altersgenossinnen werden nicht allein aufgrund ihrer Schauspielkünste verehrt. Auch das Äußere beeindruckt. Sie sind attraktiv - nicht trotz ihres Alters, sondern gerade weil ihnen ihr Alter so gut steht. Schönheitsoperationen, Liftings und dergleichen kämen für diese drei Schauspielerinnen wohl kaum infrage. "Es gibt verrückte 40-Jährige, die versuchen, wie 20-Jährige auszusehen", so die Einschätzung von Regisseur Richard Eyre, der Judi Dench für "Tagebuch eines Skandals" auswählte. "Ich finde es ermutigend, dass Erfahrung und zumindest der Anschein von Weisheit neuerdings begrüßt werden. Allgemein werden Leute interessanter, je älter sie werden." Und Erfolg macht zusätzlich sexy. So wurde Helen Mirren kürzlich in einer Umfrage der Internetplattform "Lovefilm.com" zur attraktivsten älteren Schauspielerin gekürt. Sie verkörpere den wachsenden Trend "Sexy after sixty", lautete die Begründung.

Und wie erklärt Helen Mirren selbst diese Entwicklung? "Es gibt eine wachsende Akzeptanz der Tatsache, dass Frauen generell etwa 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen und dass Frauen meiner Generation eine wirtschaftliche Kraft darstellen", erläuterte sie in einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift "Entertainment Weekly". Und Meryl Streep ergänzte: "Sehr viele Frauen in unserem Alter gehen regelmäßig ins Kino und geben damit auch das Geld für ein Ticket aus, viel mehr als die jüngeren Leute." Es werde Zeit, "dass man den Markt auf uns zuschneidet und zusieht, dass wir was zum Anschauen bekommen".

Mittlerweile hat auch die Kosmetikindustrie die Strahlkraft älterer Damen ent-deckt. Und ihre Kaufkraft. Statt wie bisher das Altern mit allen Mitteln zu bekämpfen, versuchen die Marketing-Strategen, Reife positiv zu besetzen. "Pro Age statt Anti Age", so die Devise der Firma Dove, die ihre neue Produktserie mit unbekleideten älteren Frauen bewirbt. L'Oréal bat die 61-jährige Diane Keaton, für die Pflegeserie "Age-Perfect" zu werben. Und der Kosmetikriese Mac kürte Raquel Welch, 66, zur aktuellen "Beauty Icon". Ihre Vorgängerinnen: Frankreichs Superstar Catherine Deneuve, 63, und Soul-Legende Diana Ross, 62. Sogar in der Mode holen die Damen jenseits der 60 kräftig auf. Für Stil-Guru Mr Blackwell zählt Oscar-Favoritin Helen Mirren zu den "Fabulous Fashion Independents for 2006", während Youngster wie Lindsay Lohan, 20, Paris Hilton und Britney Spears, beide 25, auf seiner gefürchteten Liste der am schlechtesten gekleideten Frauen landeten.

"Helen ist eine großartige Schönheits-Ikone, was in einer Kultur, die von Jugend besessen ist, eine Erleichterung ist", schwärmt die argentinische Modedesignerin Liliana Casabal, die Mirrens Kleid für die SAG Awards entwarf. "Sie ist toll in Form, und es macht Spaß, sie einzukleiden." Während jüngere Stars sich einem harten Fitnessregime unterwerfen, sich manchmal fast zu Tode hungern, um attraktiv zu bleiben und gegen Konkurrentinnen im Job bestehen zu können, legen die Älteren Gelassenheit an den Tag. Judi Dench: "Das ist einer der Vorteile am Älterwerden. Ich bin so froh: Glücklicherweise stehe ich heute nicht am Anfang meiner Karriere." Helen Mirren sieht das ähnlich: "Ich habe das große Glück, eine gute Konstitution zu besitzen. Ich gehe nur selten ins Fitness-Studio, aber ich bekomme viel Bewegung, wenn ich mit meinen Hunden rausgehe." Spätestens bei solchen Aussichten dürften sich Hollywoods Jungstars um die dreißig auf die nächsten Jahrzehnte so richtig freuen.