Nadja Benaissa
© Getty Images Nadja Benaissa

Nadja Benaissa Reue verflogen

Nadja Benaissa sprach in der Talkshow "Beckmann" zum ersten Mal über ihren Prozess - und schien viel ihrer vor Gericht gezeigten Reue verloren zu haben

Es war kein sympathischer TV-Auftritt: Nadja Benaissa sprach in der Talkshow "Beckmann" am vergangenen Montag (4. Oktober) zum ersten Mal über ihren Gerichtsprozess. Auffallend war, dass sich die 27-Jährige aufgrund der massiven medialen Berichterstattung stark in der Opferrolle sah und über ihr eigenes Fehlverhalten kaum mehr ein Wort verlor.

Wegen gefährlicher Körperverletzung hat sich die ehemalige "No Angels"-Sängerin im August vor Gericht verantworten müssen, dort wurde sie zu zwei Jahren auf Bewährung und 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Hintergrund: Die Sängerin hatte vorsätzlich einen Mann (laut Urteil "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit") mit dem HI-Virus angesteckt. Im Zuge des Verfahrens wurde ihre Erkrankung ohne ihr Wissen an die Öffentlichkeit getragen.

Während Nadja Benaissa vor Gericht noch Schuldbewusstsein zeigte ("Es wird mir immer leidtun. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und es ungeschehen machen."), wies sie im Gespräch mit Moderator Reinhold Beckmann bei der Frage nach der Verantwortung auf die Mitschuld ihres Sexualpartners hin: "Solange man weiß, dass es diese Krankheit gibt und dass man sich anstecken kann, ist man irgendwo eigentlich auch dafür verantwortlich, bestimmte Vorkehrungen selber einzuleiten, dass dies nicht passieren kann, dass dies einem selbst nicht passieren kann."

Hinzu kam eine unpassend selbstgefällige Haltung: Sie nickte bei polemischen Phrasen ihres Anwalts ("Die Staatsanwaltschaft hat eine mittelalterliche Hexenjagd ausgelöst"), wirkte arrogant und trotzig, als sie vom ehemaligen "Bild"-Chefredakteur Udo Röbel auf ein Gerichtsurteil vom Kammergericht in Berlin angesprochen wurde, welches die Berichterstattung zu ihrem Fall ausdrücklich erlaubte.

Klar ist: Nadja Benaissa ist Täter und Opfer zugleich. Die zuständige Staatsanwaltschaft hat womöglich vorschnell intime Details über das Verfahren an die Öffentlichkeit preisgegeben, die Berichterstattung ging sicherlich häufig unter die Gürtellinie. Doch selbst Benaissas Anwalt wies bei "Beckmann" darauf hin, dass das Gericht die mediale Berichterstattung als strafmildernd gewertet hat. Sätze von Benaissa wie "Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine Beweise", erscheinen kleinlich, wenn man bedenkt, dass sie schließlich schuldig gesprochen wurde.

Nicht vergessen werden darf zudem, dass ihr nach dem Prozess eine durchaus wohlwollende Berichterstattung zu Gute kam. Beispielsweise wurde ihr Schritt, sich bei der "Deutschen-Aids-Gala" zu outen, durchweg als positiv bewertet. Die Tatsache, dass sie das erst tat, als sie keine andere Wahl mehr hatte - nämlich nach ihrer Verhaftung - blieb meist unerwähnt.

Schade, dass Nadja Benaissa bei ihrem TV-Auftritt so einseitig blieb und zudem die Chance nicht nutzte, um nicht nur an die Gesunden, sondern auch an die Infizierten zu appellieren, sich und ihre Partner verantwortungsbewusst zu schützen.

Sarah Stendel