Leonardo DiCaprio

Ernste Zeiten für Leonardo

Leonardo DiCaprio ist das jungenhafte Image leid, das ihm seit seinem "Titanic"-Erfolg anhaftet. In zwei neuen Filmen beweist er, dass er jetzt zur Liga der harten Kerle und Leinwandhelden gehört

Leonardo di Caprio

Leonardo di Caprio

Das Einkaufen im Supermarkt wird für Leonardo DiCaprio gelegentlich zum Spießrutenlauf - nicht etwa, weil er als Hollywood-Star ständig von Fans bedrängt wird und kaum dazu kommt, seine Lebensmittel im Körbchen zu verstauen. Nein, Leo muss immer wieder seinen Personalausweis an der Kasse zeigen: Ohne den Beweis, dass er schon über 21 Jahre alt ist, gibt's bei manchen Kassierern kein Bier. Jugendlicher Charme hat seine Schattenseiten. Ein Problem, mit dem viele seiner Kollegen gerne kämpfen würden. Doch dem Star mit westfälischen Wurzeln wird dieser Zustand allmählich zu albern. "Ich bin kein Kind mehr! Die Leute sollten endlich begreifen, dass "Titanic" schon fast zehn Jahre hinter mir liegt", so DiCaprio im Gespräch mit GALA in Los Angeles. Seit Jahren sucht der junge Mann, der sich auch mit 32 Jahren noch immer keinen Vollbart stehen lassen kann, auf den Filmsets von seinem Lieblingsregisseur nach Anerkennung - als erwachsener Schauspieler. Das sollte bereits in "Gangs of New York" passieren, aber hier stahl ihm ein reiferer die Schau.

In "Aviator", zwei Jahre später, funktionierte es schon besser: Die Kritiker schienen in DiCaprio plötzlich die Qualitäten eines oder zu sehen. Eine Oscar-Nominierung folgte. "Das tat gut. Endlich war ich nicht mehr der kleine Junge, der auf dem Bug der Titanic den 'King of the World' hinausposaunte", freut sich DiCaprio. Aber erst in klassischem Mafia-Epos "The Departed - Unter Feinden" und in dem schonungslosen Thriller "The Blood Diamond", der vom brutalen Diamantengeschäft in Afrika handelt, wird sich DiCaprio in diesem Jahr wohl endgültig von den Postern pubertierender Fans in die Gewichtsklasse von Weltmeistern wie und Al Pacino hocharbeiten können.

Die beiden Filme, mit denen er dieser Tage siegessicher ins Oscar-Rennen einsteigt, sind nicht nur zwei verheißungsvolle Filme. Vielmehr sind es Werke, die "Babyface Leo", wie ihn die Zeitschrift "Teen People" einmal nannte, vom Bübchen zum Kerl graduieren lassen. Schon rein äußerlich wirkt der in Kalifornien aufgewachsene Schauspieler jetzt irgendwie anders. "Leo hat seinen Babyspeck endgültig abgelegt. Er nimmt immer mehr die kantigen Züge eines Steve McQueen an", sagt Graham King, der als Produzent schon mehrfach mit DiCaprio zusammengearbeitet hat. Und auch hat bemerkt, dass "Leo heute auf der Leinwand reifer wirkt, fast so, als habe er den Schritt vom Kind zum Mann endlich vollzogen". Dennoch weiß natürlich auch einer wie DiCaprio, dass er Teil einer Industrie ist, die Jugendlichkeit pflegt und zelebriert - nirgendwo sonst wird der "boyish man", der jungenhafte Mann, so bejubelt wie in Hollywood. Daher gelten auch Showgrößen wie , , oder , die allesamt mittlerweile über 40 Jahre alt sind, immer noch als echte Teenie-Idole. "Leo ist schon heute dieses Images müde, und er ist zehn Jahre jünger", betont King.

Schon lange sträubt sich gegen den Stempel des Saubermannes und zeigt zunehmend Ecken und Kanten. Geprägt hat ihn dabei nicht zuletzt seine Kindheit in einem eher rauen Stadtteil von . "Echo Park war eine Gegend, die von Gangstern und Drogendealern durchsetzt war", erläutert Leo, "vielleicht bin ich auch deshalb so von guten Kriminalgeschichten fasziniert". Dabei begann seine filmische Karriere recht harmlos, als ihn Mutter Irmeline als Fünfjährigen zu einem Vorsprechen für eine Milchwerbung brachte. Der kleine Leo bekam den Job. Es folgten Engagements in TV-Serien und eine erste große Rolle neben Johnny Depp in "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa". Mit diesem Part rückte DiCaprios Traum, seine unwirtliche Nachbarschaft zu verlassen, in greifbare Nähe: "Filme haben mich aus der Realität von Echo Park in eine Phantasiewelt gezogen", erinnert er sich heute - eine Welt, die DiCaprio nie wieder verlassen wollte. Der Kassenknüller "Titanic" veränderte denn auch das Leben des Schauspielers Leonardo DiCaprio praktisch über Nacht. "Ich war gar nicht in den USA, als der Film wie eine Bombe einschlug", erinnert er sich. "Erst viel später erfuhr ich, was wir mit dem Streifen bewirkt hatten." "Titanic" ist bis heute der meistgezeigte und erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten.

Leo will erwachsen werden

Leo will erwachsen werden

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass sich DiCaprio mit Titanic-Regisseur trotz des Erfolgs nicht besonders gut verstand. "Leo kann sehr bockig sein", verrät im GALA-Gespräch. Und deutet an, was auch andere Kollegen immer mal wieder anmerken: DiCaprio ist kein einfacher Mensch. Fragen nach dem Privatleben lässt er meist gar nicht erst zu. Seine langjährige Liebesaffäre mit Supermodel Gisele Bündchen, 26, hätte er am liebsten für immer vor den Fotografen versteckt. Und auch seine Beziehung zum israelischen Model Bar Rafaeli, 21, hütet er wie einen Schatz. "Ich werde wie Freiwild behandelt", verteidigt er seine Reserviertheit in fast akzentfreiem Deutsch. Und wieder zeichnet sich ab, dass er mit dem öffentlichen Image eines Superstars noch immer seine Schwierigkeiten hat. "Wenn du berühmt bist", sagt DiCaprio, "fühlst du dich immer auch ein wenig isoliert vom Rest der Welt. Aber ich möchte das Leben in allen Facetten fühlen und erleben, deshalb will ich mich nicht verstecken", erklärt Leo. Sobald es darum geht, sich politisch zu engagieren, scheut er allerdings kein Rampenlicht mehr. Sein Einsatz für den Demokraten John Kerry bei der Wahl zum US-Präsidenten 2004 ist noch gut in Erinnerung. Auch interessiert er sich sehr für alternative Energien, er fährt ein Hybrid-Umweltauto und kritisiert die Bush-Regierung immer wieder ob ihrer Abhängigkeit von Rohöl. Außerdem kämpft er auf seiner Homepage gegen die Abholzung des Regenwaldes und die Erderwärmung. Um die geht es auch in dem von ihm selbst konzipierten, produzierten und vertonten Dokumentarfilm "11th Hour", der Anfang nächsten Jahres in die amerikanischen Kinos kommen soll. "Es ist eine Schande, dass wir als reichste Nation der Welt noch immer unseren Planeten plündern und systematisch vernichten", wettert Umweltaktivist DiCaprio. Doch politische Diskussionen sind in Hollywood bei vielen Studiobossen verpönt. "Schauspieler haben Angst, dass sie als 'schwierig' abgestempelt werden, wenn sie auch abseits der Leinwand etwas zu sagen haben", findet er - und lässt durchblicken, dass es genau diese kleine Rebellion ist, die ihn reizt, weiterzumachen. Leo will anders sein. Leo will mitreden.

Ein neues Projekt mit seinem Mentor Martin Scorsese steht bereits an: Als nächstes soll er den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt verkörpern - eine Rolle, die viel Reife erfordert. "Vor zwei, drei Jahren hätte ich mir den Part nicht zugetraut", gibt DiCaprio zu. Dabei hatte ihm die "New York Times" längst "virtuose Verwandlungsfähigkeit attestiert. Wahrscheinlich meinten sie nicht die Wandlung vom Jungen zum Mann, dabei ist das durchaus eine Leistung.

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