Campino
© Senator Campino

Wim Wenders + Campino Freundschaftsspiel

Wim Wenders und Campino kennen und schätzen sich schon lange. Im Interview sprechen sie über ihren ersten gemeinsamen Kinofilm, was Wim an Campino nervt und warum der Ärger mit der Friedhofsverwaltung hat

Schon der Geburtsort verbindet sie:

Wim Wenders kam vor 63, Campino vor 46 Jahren in Düsseldorf zur Welt. Beide sind Fußballfans, halten trotz der Begeisterung für internationale Vereine bis heute zu Fortuna Düsseldorf (3. Liga). 1999 drehte Wenders ein Musikvideo mit Campinos Band, den Toten Hosen, und versprach seinem Freund, er werde ihn eines Tages ins Kino bringen. Jetzt wurde der Plan umgesetzt: Campino spielt in "Palermo Shooting" einen Fotografen in der Sinnkrise - laut Untertitel "ein Film um Liebe und Tod". GALA befragte die beiden zu diesen großen Themen. Das Ergebnis: auch hier viele Übereinstimmungen.

Gala: Warum gehört Campino ins Kino?

Wim Wenders: Er hat eine Gabe, die man auch als Schauspieler nicht unbedingt lernen kann: Präsenz, Charisma, das Talent, eine Beziehung zur Kamera aufzubauen. Das hat man oder hat man nicht. So wie Campino bei jedem Auftritt der Toten Hosen auf die Bühne kommt, als wäre es das letzte Konzert, das er jemals geben wird - so habe ich mir meinen Schauspieler gewünscht. Dass er genau so jeden Tag vor die Kamera tritt.
Campino: Ich habe mir erhofft, dass ich lerne, anders - besser - mit Sprache umzugehen. Irgendwo bin ich ja auch ein Geschichtenerzähler. Das verbindet mich mit Wim. Ich muss nichts beweisen, und ich erwarte auch keinen Applaus dafür. Mir geht es ums Spaßhaben und darum, mein Leben zu bereichern.

Gala: Was schätzen Sie am meisten aneinander?

Wenders: Campino ist geradeheraus, eine wirklich ehrliche Haut. Und wenn er sich erst mal entschieden hat, gibt er alles. Er ist glaubhaft, er muss nichts glauben machen.
Campino: Wim ist ein Besessener. Er kämpft für die Freiheit, seine Geschichten erzählen zu dürfen und sich nicht von Geldgebern gängeln zu lassen. Das ist in der heutigen Zeit schon was Romantisches. Es mangelt uns nie an Gesprächsstoff - ob es die Musik ist oder einfach die Fußballergebnisse aus der 3. Liga. Aber Wim ist kein begnadeter Smalltalker, das schätze ich sehr an ihm. Er kleistert nichts mit Worthülsen zu, nur um peinliche Pausen zu vermeiden.

Gala: Sind Sie sich auch mal auf die Nerven gegangen?

Wenders: Campino liebt das Risiko, und das war für den Film auch gut so. Als es darum ging, Laternen hochzuklettern oder ins Hafenbecken zu stürzen, musste ich ihn nicht zweimal fragen. Allerdings gibt es bei seinen Konzerten immer einen Moment, wo ich nicht hinsehen kann oder rausgehe: sein Hang, an irgendeinem Mast hochzuklettern, sogar mit Gipsfuß, und dann noch auf der regennassen Plane da oben rumzuspringen - da habe ich ihn echt verflucht! Diese Liebe zum Risiko finde ich dann doch übertrieben nervenaufreibend. Aber er hat versprochen, sich zu bessern. (lacht)
Campino: Wim strahlt bei der Arbeit eine große Autorität aus. Man kennt das aus der Schule: Da gab es diese alten Lehrer, die brauchten nie "Ruhe!" zu rufen. Ich will nicht schleimen, aber wir waren wie 'ne Familie. Von mir aus würden wir heute noch drehen.

Gala: Haben Sie sich jemalsso ausgebrannt gefühlt wie Finn im Film?

Wenders: Ja, ein paar Mal. Ich bin bekennender Workaholic: Ich kann nie genug auf einmal machen und häufe immer noch was obendrauf. Meine Frau hat sich jetzt als Krisenmanagerin eingeschaltet. Wir bemühen uns um Entschleunigung.
Campino: Ich fühle mich immer wieder ausgebrannt. Es sind diese Krisen, die dich nach vorne bringen. Ich habe selten erlebt, dass man in Phasen der Zufriedenheit und des Erfolgs etwas gelernt hätte. Die großen Lektionen beginnen, wenn's bitter wird. Die Hosen waren erfolgsverwöhnt bis zum Gehtnichtmehr in den frühen Neunzigern. Wir waren satt davon. Dann die Katastrophe: Ein Mädchen ist gestorben, als wir auf der Bühne waren (1997 erstickte im Rheinstadion eine 16-jährige Schülerin; Anm. d. Red.). 68000 Zuschauer - wir mussten dieses Konzert auf Anweisung der Feuerwehr zu Ende bringen, sonst wäre eine Massenpanik ausgebrochen. So sehr ich in den Monaten danach keine Musik machen wollte, so stark ist mir auch klar geworden, wie sehr ich eigentlich daran hänge. Das hat bei mir ein Bewusstsein wachgerufen für das Glück und die Verantwortung, die man hat.

Weiter zur nächsten Seite
Übersicht zu diesem Artikel
  • Seite 1 / 2