Tim Raue, Ulrich Tukur
© Alfred Steffen Tim Raue, Ulrich Tukur

Ulrich Tukur + Tim Raue Je später der Abend ...

Was passiert, wenn zwei Nachtarbeiter aufeinander treffen? Gala zog mit Schauspieler Ulrich Tukur und Sternekoch Tim Raue um die Häuser

Die Tour durch die Nacht

beginnt kurz vor elf mit einem Glas Weißwein. Ulrich Tukur und Tim Raue sitzen auf der Terrasse des „Tipi am Kanzleramt“, nehmen den ersten Schluck und schauen ein bisschen, wie der andere so tickt. Auf Einladung von Gala treffen die beiden sich heute zum ersten Mal. Tukur – Lebemann, Musiker, Schriftsteller und einer der renommiertesten Schauspieler Deutschlands - kommt aus dem intellektuellen Bürgertum. Der 53-Jährige trägt Anzug, weißes Hemd mit Fliege und hat seinen Eurasier-Hund Toto dabei. Vor einer halben Stunde stand Tukur noch mit seiner Band auf der Bühne des "Tipi" und sang die Songs seiner neuen CD "Mezzanotte – Lieder der Nacht". Raue ist in den Straßen Kreuzbergs groß geworden und hat sich zu einem der besten Köche des Landes entwickelt. Der rundliche und sehr direkte 36-Jährige ist direkt vom Flughafen Tegel zum Interview gekommen. Den Tag über hat er für seine Sat.1-Sendung "Deutschlands Meisterkoch" in Köln gedreht.

23.45 Uhr - Im "Bier’s"-Imbiss in Berlin-Mitte stärken sich die zwei mit Currywurst und Pommes.
© Alfred Steffen23.45 Uhr - Im "Bier's"-Imbiss in Berlin-Mitte stärken sich die zwei mit Currywurst und Pommes.

Herr Raue, Sie haben Chardonnay geordert. Ein gutes Getränk, um in eine lange Nacht zu starten?
Tim Raue Ja, aber es muss dann schon ein Blanc de Blancs wie dieser "La Vie" sein. (nimmt einen Schluck) Herrlich, wie der nach Zitrone und frischgemähter Wiese duftet. Das spült den ganzen Stress und Dreck des Tages weg. Ansonsten: Champagner. Wenn ich mal Alkohol trinke, dann meist eiskalten Champagner.
Ulrich Tukur
Mit Champagner habe ich so meine Schwierigkeiten. Selbst von einem Dom Pérignon kriege ich höllisches Sodbrennen. Und wenn ich trinke und am nächsten Tag vielleicht mit einem Kater zu kämpfen habe, dann muss es auch schmecken. Die Amarone-Rotweine finde ich zum Beispiel wunderbar. Die sind wie eine Droge.
Raue Oh ja, ein ganz seidiger Rausch.
Tukur Du schwebst, wirst knallrot im Gesicht und liebst das Leben. Komisch, wie unterschiedlich der Alkohol wirken kann. Gin macht mich zum Beispiel erst total euphorisch, und dann krach ich runter und werde depressiv.
Raue Es gibt ein schönes Sprichwort: Torheiten bedenkst du beim Bordeaux, du besprichst sie beim Burgunder und beim Champagner begehst du sie.

0.30 Uhr - Während der Taxifahrt nach Wilmersdorf erzählt Raue über seine wilde Zeit in Kreuzberg.
© Alfred Steffen0.30 Uhr - Während der Taxifahrt nach Wilmersdorf erzählt Raue über seine wilde Zeit in Kreuzberg.

Wann war das letzte Mal, dass Sie eine Torheit begangen haben?
Raue Ich habe mich da in meiner Jugend ausgelebt. Ich war in einer Gang, habe mich geprügelt und grundsätzlich keine Grenzen akzeptiert. Aber als ich damals meine Kochausbildung begann, habe ich gemerkt, dass dieser Quatsch für mich unwichtig geworden ist. Die Basis meiner Arbeit ist Ordnung, Disziplin und Sauberkeit. Sonst hat das keinen Sinn.
Tukur Ich kenne aber einige Kollegen aus deinem Metier, die ganz ordentlich bechern.
Raue Einige nehmen Drogen oder saufen wie die Löcher, um mit dem Stress in der Küche klar zu kommen - aber nicht bei mir. Meine einzige Sünde ist Frittiertes oder Currywurst mit Pommes. Ansonsten rauche ich nicht, trinke selten, esse tagsüber nur Obst und seit einiger Zeit machte ich sogar Yoga.
Tukur Yoga - ganz hervorragend.
Raue Na ja, zehn Minuten am Tag.
Tukur Ich bin leider kein Sporttyp. Ich mag dieses Kämpfen, dieses Gewinnen-Müssen nicht. Ich glaube, wenn ich nicht durch Zufall in Italien gelandet wäre, wo es diese natürliche Trennkost-Küche gibt, wäre ich heute ein Fettsack.

Würden Sie sich als Nachtmensch bezeichnen? Sind Sie nachts besonders kreativ, Herr Tukur?
Tukur Mich fasziniert die Nacht, ich habe ja gerade eine Platte darüber gemacht. Und es ist so, dass ich nach einem Auftritt wie heute so aufgeputscht bin, dass ich danach kein Auge zubekomme. Kreativ arbeiten kann ich aber am besten vormittags. Was nicht so leicht ist, weil ich in Venedig lebe. Der tagtägliche Kampf in Italien besteht ja darin, bloß nicht jemandem morgens in die Arme zu laufen, der dich in die nächste Café-Bar schleppt. Da trinkst du einen Espresso, einen Cafè Corretto mit Grappa, und dann steht schon der Spritz auf dem Tisch. Zack, kannst du den ganzen Tag abhaken.
Raue Mir geht’s am besten, wenn die Sonne untergeht. Die Grenzen verfließen, es ist nicht alles so genau ausgeleuchtet. Alles wirkt charmanter.

22.45 Uhr - Nach seinem Konzert im "Tipi" gibt Ulrich Tukur (r.) eine kleine Privatvorstellung für Tim Raue.
© Alfred Steffen22.45 Uhr - Nach seinem Konzert im "Tipi" gibt Ulrich Tukur (r.) eine kleine Privatvorstellung für Tim Raue.

Der erste Hunger meldet sich.

Raue und Tukur steigen ins Taxi. Während der Fahrt fällt Raue auf, dass Tukurs Hund nicht im Wagen ist. Vollbremsung! Zurück zum "Tipi". Tukur springt aus dem Wagen, pfeift in die Nacht - und Toto kommt angelaufen. Im Taxi atmet Tukur ein paar Mal tief durch. "Im vorletzten Herbst hatte ich ihn bei meiner Tour dabei", erzählt er. "Als wir auf der Autobahn kurz auf einem Parkplatz gehalten haben, ist er raus, ohne dass es jemand von uns bemerkt hat. Erst nach 50 Kilometern stellte ich fest, dass Toto fehlt. Mir blieb fast das Herz stehen. Wir fuhren zurück, und dann kam im Radio schon die Durchsage, dass die Polizei die Autobahn wegen eines Hundes gesperrt hat. Es war der Horror. Zum Glück ist alles gut gegangen. Sie konnten ihn einfangen." Raue und Tukur beschließen, sich mit einer Currywurst im "Bier's" am S-Bahnhof Friedrichstraße zu stärken. Dort wird Tukur gleich von einigen Fans erkannt. Geduldig unterhält er sich und lässt sich fotografieren. Nach dem Imbiss geht's nach Wilmersdorf zum "Rum Trader". Die kleine Bar ist der Stammladen von Tukur. Er bestellt Gin, Weißwein und Champagner. Na so was, es gibt sogar einen Drink auf der Karte, der nach ihm benannt ist: der "Tukur Tonic", mit weißem Portwein statt Gin.

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