Ulrich Tukur + Tim Raue

Je später der Abend ...

Was passiert, wenn zwei Nachtarbeiter aufeinander treffen? Gala zog mit Schauspieler Ulrich Tukur und Sternekoch Tim Raue um die Häuser

Tim Raue, Ulrich Tukur

Die Tour durch die Nacht

beginnt kurz vor elf mit einem Glas Weißwein. und Tim Raue sitzen auf der Terrasse des „Tipi am Kanzleramt“, nehmen den ersten Schluck und schauen ein bisschen, wie der andere so tickt. Auf Einladung von Gala treffen die beiden sich heute zum ersten Mal. – Lebemann, Musiker, Schriftsteller und einer der renommiertesten Schauspieler Deutschlands - kommt aus dem intellektuellen Bürgertum. Der 53-Jährige trägt Anzug, weißes Hemd mit Fliege und hat seinen Eurasier-Hund Toto dabei. Vor einer halben Stunde stand Tukur noch mit seiner Band auf der Bühne des "Tipi" und sang die Songs seiner neuen CD "Mezzanotte – Lieder der Nacht". ist in den Straßen Kreuzbergs groß geworden und hat sich zu einem der besten Köche des Landes entwickelt. Der rundliche und sehr direkte 36-Jährige ist direkt vom Flughafen Tegel zum Interview gekommen. Den Tag über hat er für seine Sat.1-Sendung "Deutschlands Meisterkoch" in Köln gedreht.

23.45 Uhr - Im "Bier’s"-Imbiss in Berlin-Mitte stärken sich die zwei mit Currywurst und Pommes.

23.45 Uhr - Im "Bier's"-Imbiss in Berlin-Mitte stärken sich die zwei mit Currywurst und Pommes.

Herr , Sie haben Chardonnay geordert. Ein gutes Getränk, um in eine lange Nacht zu starten?
Ja, aber es muss dann schon ein Blanc de Blancs wie dieser "La Vie" sein. (nimmt einen Schluck) Herrlich, wie der nach Zitrone und frischgemähter Wiese duftet. Das spült den ganzen Stress und Dreck des Tages weg. Ansonsten: Champagner. Wenn ich mal Alkohol trinke, dann meist eiskalten Champagner.
Ulrich Tukur
Mit Champagner habe ich so meine Schwierigkeiten. Selbst von einem kriege ich höllisches Sodbrennen. Und wenn ich trinke und am nächsten Tag vielleicht mit einem Kater zu kämpfen habe, dann muss es auch schmecken. Die Amarone-Rotweine finde ich zum Beispiel wunderbar. Die sind wie eine Droge.
Raue Oh ja, ein ganz seidiger Rausch.
Tukur Du schwebst, wirst knallrot im Gesicht und liebst das Leben. Komisch, wie unterschiedlich der Alkohol wirken kann. Gin macht mich zum Beispiel erst total euphorisch, und dann krach ich runter und werde depressiv.
Raue Es gibt ein schönes Sprichwort: Torheiten bedenkst du beim Bordeaux, du besprichst sie beim Burgunder und beim Champagner begehst du sie.

0.30 Uhr - Während der Taxifahrt nach Wilmersdorf erzählt Raue über seine wilde Zeit in Kreuzberg.

0.30 Uhr - Während der Taxifahrt nach Wilmersdorf erzählt Raue über seine wilde Zeit in Kreuzberg.

Wann war das letzte Mal, dass Sie eine Torheit begangen haben?
Raue Ich habe mich da in meiner Jugend ausgelebt. Ich war in einer Gang, habe mich geprügelt und grundsätzlich keine Grenzen akzeptiert. Aber als ich damals meine Kochausbildung begann, habe ich gemerkt, dass dieser Quatsch für mich unwichtig geworden ist. Die Basis meiner Arbeit ist Ordnung, Disziplin und Sauberkeit. Sonst hat das keinen Sinn.
Tukur Ich kenne aber einige Kollegen aus deinem Metier, die ganz ordentlich bechern.
Raue Einige nehmen Drogen oder saufen wie die Löcher, um mit dem Stress in der Küche klar zu kommen - aber nicht bei mir. Meine einzige Sünde ist Frittiertes oder Currywurst mit Pommes. Ansonsten rauche ich nicht, trinke selten, esse tagsüber nur Obst und seit einiger Zeit machte ich sogar Yoga.
Tukur Yoga - ganz hervorragend.
Raue Na ja, zehn Minuten am Tag.
Tukur Ich bin leider kein Sporttyp. Ich mag dieses Kämpfen, dieses Gewinnen-Müssen nicht. Ich glaube, wenn ich nicht durch Zufall in Italien gelandet wäre, wo es diese natürliche Trennkost-Küche gibt, wäre ich heute ein Fettsack.

Würden Sie sich als Nachtmensch bezeichnen? Sind Sie nachts besonders kreativ, Herr Tukur?
Tukur Mich fasziniert die Nacht, ich habe ja gerade eine Platte darüber gemacht. Und es ist so, dass ich nach einem Auftritt wie heute so aufgeputscht bin, dass ich danach kein Auge zubekomme. Kreativ arbeiten kann ich aber am besten vormittags. Was nicht so leicht ist, weil ich in Venedig lebe. Der tagtägliche Kampf in Italien besteht ja darin, bloß nicht jemandem morgens in die Arme zu laufen, der dich in die nächste Café-Bar schleppt. Da trinkst du einen Espresso, einen Cafè Corretto mit Grappa, und dann steht schon der Spritz auf dem Tisch. Zack, kannst du den ganzen Tag abhaken.
Raue Mir geht’s am besten, wenn die Sonne untergeht. Die Grenzen verfließen, es ist nicht alles so genau ausgeleuchtet. Alles wirkt charmanter.

22.45 Uhr -  Nach seinem Konzert im "Tipi" gibt Ulrich Tukur (r.) eine kleine Privatvorstellung für Tim Raue.

22.45 Uhr - Nach seinem Konzert im "Tipi" gibt Ulrich Tukur (r.) eine kleine Privatvorstellung für Tim Raue.

Der erste Hunger meldet sich.

Raue und Tukur steigen ins Taxi. Während der Fahrt fällt Raue auf, dass Tukurs Hund nicht im Wagen ist. Vollbremsung! Zurück zum "Tipi". Tukur springt aus dem Wagen, pfeift in die Nacht - und Toto kommt angelaufen. Im Taxi atmet Tukur ein paar Mal tief durch. "Im vorletzten Herbst hatte ich ihn bei meiner Tour dabei", erzählt er. "Als wir auf der Autobahn kurz auf einem Parkplatz gehalten haben, ist er raus, ohne dass es jemand von uns bemerkt hat. Erst nach 50 Kilometern stellte ich fest, dass Toto fehlt. Mir blieb fast das Herz stehen. Wir fuhren zurück, und dann kam im Radio schon die Durchsage, dass die Polizei die Autobahn wegen eines Hundes gesperrt hat. Es war der Horror. Zum Glück ist alles gut gegangen. Sie konnten ihn einfangen." Raue und Tukur beschließen, sich mit einer Currywurst im "Bier's" am S-Bahnhof Friedrichstraße zu stärken. Dort wird Tukur gleich von einigen Fans erkannt. Geduldig unterhält er sich und lässt sich fotografieren. Nach dem Imbiss geht's nach Wilmersdorf zum "Rum Trader". Die kleine Bar ist der Stammladen von Tukur. Er bestellt Gin, Weißwein und Champagner. Na so was, es gibt sogar einen Drink auf der Karte, der nach ihm benannt ist: der "Tukur Tonic", mit weißem Portwein statt Gin.

1.10 Uhr - Talk im "Rum Trader" mit dem Autor Kirk Williams (l.), einem Freund von Tukur. Hund Toto wartet derweil geduldig.

1.10 Uhr - Talk im "Rum Trader" mit dem Autor Kirk Williams (l.), einem Freund von Tukur. Hund Tito wartet derweil geduldig.

Ulrich Tukur ist in zweiter Ehe mit der Fotografin Katharina John verheiratet. Sie leben in Venedig.

Ulrich Tukur ist in zweiter Ehe mit der Fotografin Katharina John verheiratet. Sie leben in Venedig.

Herr Tukur, ich habe gehört, dass Sie häufig mit verwechselt werden ...
Tukur Ja, früher ist das öfter mal passiert. Da sah ich Herrn tatsächlich ein wenig ähnlich. Ich fand das aber nicht unkomisch, wenn die Leute dann im Laufe des Gesprächs festgestellt haben, dass ich gar nicht war, sondern jemand, von dem sie noch nie gehört hatten.
Raue Was hat dich eigentlich nach Venedig verschlagen?
Tukur Die Liebe zu meiner heutigen Frau. Vor über zehn Jahren war das.
Raue Ist sie Italienerin?
Tukur Hamburgerin. Sie ist die Frau meines Lebens, aber ich war mir damals nicht so sicher und habe Mist gebaut. Ein Riesenfehler, wie ich schnell merkte.
Raue Du hast fremdgevögelt.
Tukur Das ist ja jetzt wohl etwas extrem ausgedrückt. Jedenfalls hat sie mich wegen ein paar Ungeschicklichkeiten verlassen und ist nach Teneriffa verduftet. Ich konnte sie überzeugen, es noch mal mit mir zu versuchen, aber sie wollte den Neustart nicht in Deutschland machen. Ich sagte: Gern, such dir einen Ort aus. Da sagte sie: Venedig.
Raue Bei mir ist es so, dass ich ohne meine Frau heute nicht da wäre, wo ich bin. Sie war meine Rettung. Durch sie bin ich ein zufriedener Mensch geworden, der in sich ruht.

Tim Raue hat gerade mit Gattin Marie-Anne das "Restaurant Tim Raue" in Berlin eröffnet.

Tim Raue hat gerade mit Gattin Marie-Anne das "Restaurant Tim Raue" in Berlin eröffnet.

Sie gelten beide als große Könner in Ihrem Fach. Was treibt Sie an? Ehrgeiz?
Tukur Ich komme aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Schwäbisch- protestantische Akademikerfamilie mit Rechtsanwälten, Beamten, Pfarrern und hoher Arbeitsmoral. Also: Wenn man nicht arbeitet, fühlt man sich bei uns immer schuldig.
Raue Klingt verbissen.
Tukur
Es war ziemlich spießig. Dieses Arbeits-Ding wurde mir so eingetrichtert, dass es Teil meines Wesens geworden ist. Ich verbrenne viel. Ich renne seit Jahrzehnten auf Hochtouren. Wenn ich dann eine Auszeit nehme und auf unserem Bauernhof in der Toskana bin, dauert es lange, bis ich zur Ruhe komme. Müßiggang ist eine Kunst, die ich nicht beherrsche.
Raue Ich war lange ein Getriebener. Das lag daran, dass ich früher viele Dinge - Abitur, Designstudium - nicht machen konnte, weil kein Geld dafür da war. Meine Mutter hat mich großgezogen, mein Vater zahlte keinen Unterhalt. Bei mir hatte niemand ein Faible für Kleidung, Mode, gute Küche, Stil. Meine Eltern waren keine Hilfe. Heute sind Ruhe und Balance wichtig für mich. Ich arbeite immer noch 16 Stunden sechs Tage die Woche. Weil's Spaß macht. Aber meine Couchpotato-Tage liebe ich mittlerweile ebenso.

1.45 Uhr.

Tukur und Raue winken ein Taxi. Die Stimmung? Gut angeheitert. Im Wagen erzählt Tukur von seiner Schellackplattensammlung ("ein- bis zweitausend Stück") und einem Trip nach Burma, den er kürzlich am Rande von Dreharbeiten in Hongkong und Bangkok gemacht hat. Raue, der seit 2003 immer wieder nach Asien reist, lauscht andächtig und schlägt vor, um die Ecke zu "Good Friends" zu fahren. Ein chinesisches Restaurant, nicht weit entfernt von seiner Wohnung. Dort angekommen begrüßt er herzlich den Chef und bestellt - viel Frittiertes.

Können Sie als Meisterkoch eigentlich noch entspannt essen gehen? Oder achten Sie nur darauf, was die anderen besser oder falsch machen?
Raue Mittlerweile bin ich da lockerer geworden. Mein Kampfplatz ist mein eigener Herd. Da geht es um alles. Da gibt es kein Verlieren.

Wie ist das in Ihrem Beruf, Herr Tukur?
Tukur Bei Filmen fallen mir sofort die Fehler und Manipulationen auf. Ich glaube wirklich nur an den beinharten simplen Theaterabend: ein Mensch, ein Tisch und eine Kerze. Alles andere ist schon gelogen. Jeder, wenn er nur einigermaßen gut ausschaut und gerade Sätze sprechen kann, könnte es heute zum Filmstarlet schaffen.
Raue So ist es ja auch bei einigen Kochshows. Da bewerten sich die Kollegen nachher noch gegenseitig. Wie erbärmlich.
Tukur Hörst du eigentlich Musik in der Küche? Ich hasse ja Restaurants, wo andauernd irgendwelches Gedudel läuft.
Raue Nee, Musik ist mir leider immer fremd gewesen, und das Radio nervt ja nur. Wir haben einen Fernseher in der Küche. Da gucken die andern MTV, VIVA oder n-tv. Aber ohne Ton.

Wie sieht das beste Katerfrühstück aus?
Tukur Ein Glas Bier und eine kalte Dusche. Alles andere hilft wirklich nicht.
Raue Es ist schon etwas her, dass ich zu viel getrunken habe. Aber Sushi und viel Wasser haben mir dann sehr geholfen, durch den Tag zu kommen.


Hauke Herffs

2.00 Uhr - Die letzte Station: Ulrich Tukur, Tim Raue und GALA-Chefreporter Hauke Herffs beim Asia-Snack im "Good Friends".

2.00 Uhr - Die letzte Station: Ulrich Tukur, Tim Raue und GALA-Chefreporter Hauke Herffs beim Asia-Snack im "Good Friends".

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