Udo Kier

"Ich sah schon immer gut aus"

An Selbstbewusstsein hat es Hollywood-Star Udo Kier noch nie gemangelt. In GALA erzählt er von seiner Kindheit und warum er womöglich nach Thüringen zieht

Udo Kier

Udo Kier

Kultstar, Sexsymbol, unser Mann in Hollywood:

Auch mit 63 Jahren mangelt es nicht an Kinoangeboten. Gerade ist der Actionreißer "Far Cry" angelaufen. Sein aktuelles Lieblingsprojekt ist allerdings kein Film, sondern eine alte Schule in . GALA verrät er, was er damit vorhat.

Gala: Welche Rolle liegt Ihnen mehr: die des Lehrers oder die des Schülers?

Eher die des Schülers, weil ich immer noch lerne. Und ich werde nie damit aufhören. Da ich so viel erlebt habe, würde ich aber auch sagen, dass mir die Rolle des Lehrers liegt.

Gala: Passenderweise sind Sie ja neuerdings sogar Rektor.

Weil ich in Thüringen eine Schule gekauft habe? Ja, das stimmt. Ich habe mit den Film "Lulu und Jimi" gedreht (Start: 2009), unter anderem in dieser Schule. Das Gebäude wurde 1880 erbaut. Ich war sofort begeistert. Daraufhin sagte mir der Ausstatter, das Haus sei zu verkaufen.

Udo Kier ist ab dem 2. Oktober neben Natalia Avelon und Til Schweiger in "Far Cry" zu sehen

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Gala: Möchten Sie dort unterrichten?

Nein. Ich möchte zum Beispiel Ausstellungen realisieren. In meiner Aula werden Wunderkinder Bach spielen, denn auf dem Grundstück steht ein Bach-Denkmal. Dazu werde ich Installationen machen.

Gala: Woran denken Sie dabei?

Ich stelle mir vor, dass ich 30 nackte Mannequins ohne Kopf aufstelle - Schaufensterpuppen natürlich -, aus deren Hälsen Federn wachsen. Und an der Decke hängt ein Hahn, aus dem Blut in eine Schüssel tropft.

Gala: Meinen Sie, das kauft jemand?

(lacht) Nein. Ich plane ja keine Galerie. Es ist eher ein Zusammenführen von Natur und Kunst.

Gala: Wie war denn Ihre eigene Schulzeit?

Ich bin gern zur Schule gegangen, denn ich war der Beste in der Klasse. Und weil ich immer sehr gut aussah, war ich schon als Kind sehr selbstbewusst. Wenn man heranwächst, und Männer wie Frauen bleiben stehen und gucken dir nach, gibt das ein gewisses Selbstvertrauen. Ich wusste zwar nicht, warum sich die Leute nach mir umdrehten, aber gut war es trotzdem.

Gala: Sie wurden 1944 geboren. Wie haben Sie die Nachkriegsjahre in der Schule empfunden?

Ich bin zunächst in einer Kaserne zur Schule gegangen, weil ja alles kaputt war. Die Lehrer trugen noch Uniform, allerdings nicht mehr die braune. Man wurde noch mit dem Rohrstock geschlagen.

Gala: Hat diese strenge Zeit Sie nachhaltig geprägt?

Ja, sicher. Dazu kommt, dass ich in Armut groß geworden bin. Wir haben uns beim Brombeerenpflücken blutige Finger geholt, um im Winter genug Marmelade zu haben. Wir hatten keine Heizung. Und einmal in der Woche wurde ich im schmutzigen Badewasser meiner Mutter gewaschen.

Gala: Zieht es einen zur Schauspielerei, wenn man sich keine Spielsachen leisten kann und sich immer selbst beschäftigen muss?

Ich hatte Spielzeug - zum Beispiel Milchdosen, unter die ich Räder baute. Das war meine Eisenbahn. Aber Schauspieler sind tatsächlich wie Kinder: Sie wollen spielen. Ich wollte gar nicht Schauspieler werden. Ich wollte nur einen Beruf ausüben, der mich ernährt.

Gala: Sie erzählen mit einer Leichtigkeit, als hätte das alles gar nichts mit Ihnen zu tun.

Es ist wie ein Film. Die frühen Jahre waren schwierig, ohne dass ich damals wusste, dass die Zeiten schwierig waren. Ich habe diese Zeit verdrängt. Es sind einzelne Momente, die ich sehe. Wie zum Beispiel, dass wir unsere einzige Schallplatte von Caterina Valente immer und immer wieder hörten, und ich manchmal in den Schuhen meiner Mutter dazu tanzte, mit angemalten Lippen. Ich war also sehr wahrscheinlich der erste Transvestit in Deutschland (lacht).

Gala: Thüringen wäre so ziemlich der letzte Ort, an dem man Sie vermuten würde.

Als ich jung war, hätte mich auch niemand in Los Angeles vermutet. Ich lebe seit 17 Jahren in den USA. Aus meiner Nachkriegswelt betrachtet war Amerika das Land der Zukunft: Popcorn, Toaster, Kühlschränke. Heute weiß ich: Du bleibst immer Ausländer in Amerika.

Gala: Das spricht dann wieder für Thüringen. Vielleicht ziehen Sie in Ihre Schule ein?

Vielleicht. Wer hat schon 15 Zimmer, durch die er tanzen kann? Und Flure wie im Krankenhaus? Da kann ich dann schon mal für den Ernstfall üben. Und ich habe so viele Bücher für meine alten Tage aufbewahrt, die ich dort in Ruhe lesen könnte. Als Kriegskind hortet man ja.

Gala: Wann beginnen Ihre alten Tage?

Vielleicht niemals. Man weiß nie, wann alles endet. Aber Thüringen wäre zumindest eine Lebensidee.

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