Sibel Kekilli
© Getty Sibel Kekilli

Sibel Kekilli "Im Film öffne ich die Seele"

Seit sie zum deutschen Nachwuchsstar Nr. 1 avancierte, ist es ruhig geworden um Sibel Kekilli. Dabei hat sie sich einfach nur Zeit gelassen und ihre nächsten Rollen sorgfältig ausgewählt

Seit sie zum deutschen Nachwuchsstar Nr. 1 avancierte, ist es ruhig geworden um Sibel Kekilli. Dabei hat sie sich einfach nur Zeit gelassen und ihre nächsten Rollen sorgfältig ausgewählt. Mit den gerade gestarteten Filmen "Der letzte Zug" und "Winterreise" glaubte sie, zwei Rollen gefunden zu haben, mit denen sie sich identifizieren konnte. Aber nicht lange: Von "Der letzte Zug" distanzierte sich die 26-Jährige mittlerweile, weil ihrer Ansicht nach zu viel von ihrem Part herausgeschnitten wurde. Auf "Winterreise" hingegen ist sie stolz. Kekilli spielt darin eine türkische Dolmetscherin, die mit ihrem Chef nach Kenia reist und dort ein neues Leben entdeckt.

GALA: Sie wollten eigentlich keine Türkin mehr spielen, in "Winterreise" machen Sie es trotzdem. Warum, Frau Kekilli?

Sibel Kekilli: Weil es für den Film und die ganze Geschichte sehr wichtig war. Ich möchte nur nicht bis in alle Ewigkeit auf diese Rollen festgelegt werden. Ich habe Drehbücher bekommen mit einem Brief, in dem stand: "Liebe Frau Kekilli, wir haben die Rolle für Sie in eine Türkin umgeschrieben." Das finde ich doch sehr merkwürdig. Sollen jetzt bestimmte Volksgruppen nur noch mit Schauspielern aus dieser Volksgruppe besetzt werden? Das wäre ja absurd. Deshalb sind wir doch Schauspieler, um etwas darzustellen, was wir eigentlich gar nicht sind.

GALA: Marlon Brando durfte einst sogar einen Japaner spielen.

Sibel Kekilli: Ach ja? Großartig! Es besteht also noch Hoffnung. Aus dem Ausland bekomme ich seltsamerweise auch völlig andere Angebote. Und ich wette mit Ihnen: Hätte ich einen deutschen Namen, würde man mir hier deutsche Rollen anbieten.

GALA: In "Winterreise" geht es um das Fremdsein in der eigenen Welt, um das Gefühl, trotz anderer Menschen so einsam zu sein, dass man nicht weiß, an wen man sich wenden soll. Kennen Sie dieses Gefühl?

Sibel Kekilli: Sogar sehr gut. Und ich fürchte, ich werde es wohl nie richtig los werden.

GALA: Weshalb?

Sibel Kekilli: Allerdings. Mit meinem neuen Film "Hollywoodland" habe ich endlich mal wieder einen Streifen gedreht, auf den ich verdammt stolz bin und über den ich gerne rede. Und vor allem bin ich in meinem Privatleben Vater einer wunderbaren Tochter.

GALA: Wie hat Sie die Vaterrolle verändert?

Sibel Kekilli: Das liegt vor allem daran, dass ich in zwei Kulturen aufgewachsen bin. Ich werde weder in der Türkei als Türkin noch hier in Deutschland als Deutsche akzeptiert. Mit diesem Identitätsproblem werde ich wohl immer zu tun haben. Solange man mir nicht das Gefühl gibt, zuhause zu sein, solange werde ich mich heimatlos fühlen. Ich glaube, aus genau diesem Grund bin ich eine Art Nomadin geworden. Ich werde auch bestimmt nicht für immer in Deutschland leben. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss von dort, wo ich gerade bin, dringend weg.

GALA: Wie stellen Sie sich Ihr künftiges Nomadenleben vor?

Sibel Kekilli: Ich würde gern ein paar Monate im Jahr nach Istanbul gehen. Aber nicht länger. Denn ich bin mit der Regierungspolitik, den Frauenrechten und dem Tierschutz dort nicht einverstanden. Auf jeden Fall möchte ich auch in Zukunft in Europa leben. Mal sehen, wohin es mich treibt...

GALA: Wie sieht Ihr Leben derzeit aus? Sie haben eine Wohnung in Hamburg, leben dort aber nie.

Sibel Kekilli: Das stimmt. Ich komme nach Hause, packe den Koffer aus, wasche Wäsche und bin schon wieder weg. Wie es bei mir gerade aussieht, wollen Sie lieber gar nicht wissen - halb ausgepackte Koffer und Chaos. Aber mein großes Problem ist wirklich, dass ich mich nie richtig zuhause fühle. Und wenn ich in eine Wohnung einziehe, weiß ich schon ganz genau, dass ich nicht lange bleiben werde. Deswegen mache ich dort auch nie viel.

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