Robert Enke "Depression ist eine tödliche Krankheit"

Nationaltorwart Robert Enke litt an schweren Depressionen. Gala sprach mit Professor Florian Holsboer, der schon Sebastian Deisler wegen seiner Depressionen behandelte, über das Tabuthema im Spitzensport

Der Tod von Robert Enke erschütterte die Fußballwelt. Wegen seiner schweren Depressionen war der Nationaltorwart in psychiatrischer Behandlung. Professor Florian Holsboer, Direktor des Max-Plank-Instituts für Psychiatrie in München, gilt als führender Depressionsforscher und behandelte auch Sebastian Deisler. Der ehemalige Profifußballer des FC Bayern litt, wie Robert Enke, unter einer Depression, konnte die Krankheit jedoch besiegen.

Sind Menschen, die unter so großem Druck stehen wie Spitzensportler, besonders gefährdet seelisch zu erkranken?
Nein, das sind sie nicht. Die Depression entsteht aus einem Wechselspiel von Veranlagung aus unserer Erbsubstanz und äußeren Umständen wie Dauerstress am Arbeitsplatz, Mobbing, finanzielle Sorgen, private Krisen. Und großen Stress haben ja etwa auch Menschen in Heilberufen oder Politiker. Ich scheue mich davor zu sagen, dass die Depression so etwas wie eine Berufserkrankung bei Fußballspielern sein soll. Mit den wenigen Fällen liegen die Sportler, zumindest bei den jetzt bekannt gewordenen Fällen, noch unter dem Bevölkerungsschnitt. Immerhin hat jeder einzelne von uns ein Risiko von zehn bis 15 Prozent einmal im Leben eine Depression zu bekommen. Und es gilt zu bedenken, dass diejenigen, die ganz nach oben kommen im Beruf, meist eher robuste Typen sind. Es kann aber eben auch Ausnahmen geben, bei denen die Veranlagung zur Depression da ist, aber auch ein großes Talent, das nach weit oben führte. Wie es bei Robert Enke der Fall war.

Wird die Krankheit unterschätzt?
Ja, die Depression ist eine potentiell tödliche Krankheit. Und wir fühlen uns angesichts einer Nachricht wie von Robert Enkes Tod so ohnmächtig, weil ein Suizid theoretisch ja zu verhindern wäre.

Sind die Verantwortlichen im Sport gefragt, insbesondere ihren jungen Schützlingen mehr Unterstützung zu bieten?
Überall tauchen psychische Probleme auf, in allen Betrieben. Aber im Fußball sind es natürlich häufig eher Sportpsychologen, die sich um die Spieler kümmern und die zielen auf Leistungsoptimierung. Wirklich helfen können aber nur die Spezialisten mit klinischer Erfahrung. Der FC Bayern handelte in dieser Hinsicht mustergültig. Ich habe selber erlebt, wie Ottmar Hitzfeld und Uli Hoeneß bei mir saßen, um über Möglichkeiten für Sebastian Deisler zu sprechen. Hoeneß sagte: "Das einzige, was mich interessiert, ist, dass der Junge wieder gesund wird." Es wäre wünschenswert, wenn alle so handelten.

Warum wird Depression von vielen Menschen immer noch als Willensschwäche verkannt?
Wir unterscheiden immer noch zwischen organisch und psychisch, so als sei das Psychische nichts, was in unserem Gehirn erzeugt wird. Dabei hat das Gehirn eben viele Möglichkeiten zu erkranken. Mal ist es eine Depression, mal ein Parkinson. Die fehlende Offenheit mit dieser Krankheit umzugehen, ist für Robert Enke zum Verhängnis geworden. Auf der einen Seite spürte er, wie er immer kränker wurde, auf der anderen Seite baute er mit größter Anstrengung die Fassade des gut funktionierende Familienvaters und Torhüters auf.

Warum halten die Folgen für Frau und Kind einen Menschen nicht vom Selbstmord ab?
Ich habe gelesen, dass Herr Enke ein sensibler Mensch gewesen ist. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass er den Suizid geplant hat. Sein Lebensüberdruss muss ihn an diesem Tag so übermannt haben, dass alles andere ausgeschaltet war. Und nur ein Impuls blieb: Jetzt Schluss aus. Er hat deswegen nicht an sein Kind und seine Frau gedacht, weil er das eben nicht mehr konnte.

Wie können Angehörige und Freunde einem Erkrankten helfen?
Das Allerwichtigste ist, dass man Verständnis hat und nicht mit Formeln wie "Jetzt reiß dich mal zusammen" hantiert. Es muss aber mit einer gewissen Strenge darauf geachtet werden, dass der Patient professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Antidepressiva sind eine Möglichkeit zu heilen, dabei hilft eine unterstützende Psychotherapie.

Andrea Schumacher