Oskar Roehler
© WireImage.com Oskar Roehler

Oskar Roehler Der perfekte Bösewicht?

Er wollte ein Stück deutscher Geschichte beleuchten - und wurde dafür scharf kritisiert. Oskar Roehler über "Jud Süß - Film ohne Gewissen"

Als Enfant terrible

unter Deutschlands Regisseuren gilt er schon lange. Doch für seinem neuen Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" wurde Oskar Roehler, 51, regelrecht geohrfeigt: Das Kino-Drama um die Entstehungsgeschichte des Nazi-Propagandafilms "Jud Süß" von 1940, der bis heute nicht öffentlich gezeigt werden darf, sei antisemitisch und ließe kritische Distanz vermissen, wetterten Journalisten und Mitglieder des Zentralrats der Juden nach der Premiere auf der Berlinale.

Wie sind Sie mit all der Kritik umgegangen?
Ich habe den Film mit der jüdischen Gemeinde gesehen. Danach hatten sie eine ganz andere Meinung, zumindest mir gegenüber.

In Ihrem Film haben Gudrun Landgrebe und Tobias Moretti Sex während eines Bombenangriffs. Können Sie nachvollziehen, warum solche Szenen manche Zuschauer zutiefst irritieren?
Gudrun Landgrebe spielt im Grunde genommen eine dekadente, gelangweilte Gattin, wie sie auch heute nach jungen Typen gieren. Und sie hängt ihre Sexualität an so einer Perversion auf: Mit einem Juden, der für sie eigentlich tabu ist, Sex zu haben. Ich finde es eher spießig, sich darüber aufzuregen.

Oskar Roehler und seine Frau Alexandra Fischer-Roehler, Mitgründerin des Modelabels Kaviar Gauche.
© Getty ImagesOskar Roehler und seine Frau Alexandra Fischer-Roehler, Mitgründerin des Modelabels Kaviar Gauche.

Was hat Sie an dem Demagogen Joseph Goebbels, den Moritz Bleibtreu spielt, besonders fasziniert?
Ich dachte: Den muss man richtig melken, weil er als Figur so viel hergibt. Ein perfekter Bösewicht, viel perfekter in seiner Boshaftigkeit als Hitler. Goebbels schien mir viel interessanter, auch moderner, mit seinen promiskuitiven Frauengeschichten.

Ihre Version der Geschichte fördert die Diskussion um die Kultur und die Filmindustrie in der Nazi-Zeit. Sind sie zufrieden mit dem Resultat?
Es gibt keinen Film, von dem ich sagen würde, dass er mir perfekt gelungen wäre. Trotzdem muss ich sagen, dass der Hauptteil sehr gut geworden ist, auch das Romantisch-melodramatische gefällt mir sehr. Vielen Filmen kann man nichts vorwerfen, weil sie so langweilig und seicht sind, dass man sich gar nicht länger mit ihnen beschäftigen muss.

Meinen Sie deutsche Komödien?
Na ja, schauen Sie mal Fernsehen, was da für ein Mist läuft! Und was das Kino angeht: Es gibt viele Leute, die sich sehr anstrengen, richtig gute Filme zu machen - aber was dabei rauskommt, ist mir viel zu spröde.

Moritz Bleibtreu spielt in "Film ohne Gewissen" Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels. Kinostart ist am 23. September.
© PRMoritz Bleibtreu spielt in "Film ohne Gewissen" Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels. Kinostart ist am 23. September.

Wie Sie hat sich ja zuletzt auch Quentin Tarantino mit dem Thema "Drittes Reich" beschäftigt. Mochten Sie "Inglourious Basterds"?
Ich weiß, dass den alle gefeiert haben. Aber mir hat die Haltung nicht gefallen. Der Tarantino ist halt einfach so 'ne Rampensau ...

Das dürfte Ihnen eigentlich nicht so fremd sein ...
Nein, ich find das ja auch gut. Der ist halt ein Marketing-Genie. Und dass er die Deutschen dazu verbraten hat, dass man ihnen endlich effektvoll die Köpfe einhauen darf, das ist natürlich ein guter Gag. Aber ganz ehrlich: Ich fand den Film nicht gelungen. Er war viel zu lang, und er konnte die Schauspieler nicht auf ein Level bringen. Als einziger gefiel mir Brad Pitt. Der hat einfach die Coolness, die man für einen Tarantino-Film braucht.

Roland Rödermund