Oliver Kahn

"Coming-Out? Würde ich nicht raten"

Als Torwart war er eine Ikone. Jetzt ist Oliver Kahn Moderator und Werbefigur. Mit "Gala" sprach er über sein neues Leben, peinliche Bauchfotos und schwule Kicker

Oliver Kahn

Es dauert nicht lange, dann ist schon der erste Fan da. Steht etwas unschlüssig draußen herum und wartet mit gezücktem Stift und Schreibblock in den Händen. Kurz darauf taucht ein Paparazzi-Trupp mit Kameras auf - jemand wie Oliver Kahn bleibt nicht lange unerkannt. Dabei ist er an diesem Tag nur für einen kleinen PR-Termin in der Stadt. Kahn wirbt als Testimonial für Weight Watchers, die Veranstaltung findet eher versteckt in den "Floating Homes" statt, einem schmalen Luxus-Hausboot, das am Ende eines der vielen Stege im Hamburger City-Sporthafen liegt. Man sieht: Kahn hat auch fünf Jahre nach dem Ende seiner Profikarriere nichts von seiner Strahlkraft verloren. Der "Titan" war er. Verehrt. Gefürchtet. Gehasst.

Jetzt sitzt er leicht gebräunt und im schwarzen Feinstrick-Pullover da und erzählt von seinem Bootstörn mit Familie und Freunden auf dem Mittelmeer, von dem er gerade zurückgekehrt ist. 14 Tage, rund 1250 Seemeilen. Ein alter Traum sei das von ihm gewesen. Boote faszinieren ihn, bei dem Trip haben sie Delfine gesehen. Kahn lächelt. ("Ich hatte immer Humor, als Profi läufst du halt nicht den ganzen Tag grinsend über den Platz", wird er später sagen.) Und man gönnt ihm seine Zufriedenheit, sein zweites Eheglück mit dem Model Svenja Kögel. Er mag das Dezente, das Seriöse. Der wilde Berserker von einst ist weit weg.

Viele Fußballer lieben es heute, sich mit ungewöhnlichen Frisuren, Tattoos und protzigen Accessoires zu inszenieren. Wie finden Sie das?

Ich habe zu einer Zeit mit dem Fußball angefangen, da waren solche Dinge kein Thema. Wenn du dir da vor dem Spiel am Spiegel die Haare gerichtet hättest, womöglich noch mit Gel, hätte dich in der Mannschaft keiner mehr ernst genommen. Und auch vom Trainer wäre sofort eine Standpauke gekommen: Hey, das Spiel, das Training ist wichtig, Äußerlichkeiten lenken nur ab! Heute ist das anders. Solange es sich nicht negativ auf die Leistung auswirkt, soll es jeder handhaben, wie er will.

Sind Sie im Nachhinein froh, dass Sie sich damals nicht den Oberarm mit einem Tribal-Tattoo haben verschönern lassen?

So etwas kam für mich nie infrage und hätte auch nicht zu mir gepasst. Zum Glück. Ich kenne viele, die ihre Tattoos heute nicht mehr sehen wollen. Das Weglasern soll ja recht schmerzhaft sein.

Kahn mit seiner zweiten Ehefrau Svenja Kögel, 31, mit der er seit Februar 2011 Sohn Julian hat.

Kahn mit seiner zweiten Ehefrau Svenja Kögel, 31, mit der er seit Februar 2011 Sohn Julian hat.

Gibt es eigentlich eine Fußballsituation, von der Sie heute noch träumen? Sie haben ja einige extreme Spiele absolviert.

Früher habe ich geträumt, dass ich nicht aus der Umkleidekabine rauskomme, während im Stadion das Spiel losgeht. Ansonsten taucht immer wieder das Champions-League-Finale von 1999 in meinen Träumen auf, als wir in der Nachspielzeit tragisch gegen Manchester verloren haben. Die Manchester-Fans waren genau in der Kurve hinter meinem Tor. Ich werde nie diese Wand aus Lärm, dieses Gebrüll vergessen. Unglaublich war das.

Wo zwickt Ihr Körper am meisten nach zwei Jahrzehnten im Profisport?

Die Hüften schmerzen. Aber damit hatte ich schon immer Probleme. Ansonsten bin ich glücklicherweise ohne nennenswerte Blessuren geblieben. Keine Rücken- oder Knieprobleme. Die Hände sind okay. Für zwanzig erfolgreiche Jahre im Profigeschäft geht das mehr als in Ordnung. Ich habe nach meinem Karriereende ein paar Kilos zugenommen. Man sitzt halt mehr, ich habe ja eine Stiftung und ein Unternehmen gegründet, meinen Master-Abschluss gemacht. Aber mittlerweile habe ich mein Gewicht dank der Weight-Watchers-App immer gut im Blick.

Sie arbeiten als Testimonial für das Unternehmen. Glatze oder Bierbauch - was kann man als Mann eher verkraften?

Glatze finde ich nicht so schlimm. Bruce Willis oder Zinédine Zidane sehen ja sehr gut und charaktervoll damit aus. Beim Bierbauch bin ich skeptischer.

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Boris Becker hat kürzlich ein unglückliches Foto von sich mit freiem Oberkörper ins Netz gestellt und dafür hämische Kommentare kassiert.

Na ja, es muss jeder selber wissen, ob er solche Bilder öffentlich macht. Aber diese Häme finde ich auch etwas hart. Ich habe das Glück, dass, wenn ich zunehme, sich alles schön vom kleinen Zeh bis in die Haarspitzen über den ganzen Körper verteilt. Man sieht es nicht so deutlich.

14 Jahre arbeitete Oliver Kahn als Bayern-Torwart mit Uli Hoeneß zusammen."Ich habe ihn nie als einen süchtigen Zocker erlebt", so Kahn zu "Gala" über den Bayern-Präsidenten, der wegen Steuerhinterziehung vor Gericht muss. "Ich wünsche ihm, dass die Sache gut ausgeht."

14 Jahre arbeitete Oliver Kahn als Bayern-Torwart mit Uli Hoeneß zusammen."Ich habe ihn nie als einen süchtigen Zocker erlebt", so Kahn zu "Gala" über den Bayern-Präsidenten, der wegen Steuerhinterziehung vor Gericht muss. "Ich wünsche ihm, dass die Sache gut ausgeht."

Es gibt diese Geschichte, dass Sie mal bei einer Charity-Aktion als Torwart gegen Kinder antreten mussten. Jeder Treffer sollte einen Geldbetrag bringen. Sie haben aber alle gehalten. Wahr oder nicht wahr?

Leider wahr. Das ist während meiner Zeit beim KSC passiert. Aber ich muss zu meiner Verteidigung sagen, dass ich damals so 19 oder 20 Jahre alt war. Winnie Schäfer, der Trainer, meinte zu mir: Oliver, stell dich ins Tor, die Kinder schießen. Und dann hat er sich doch sehr gewundert, weil ich alle Schüsse gehalten habe. Ich wusste, dass das eine Wohltätigkeitssache war, bei der die Treffer zählen. Als es losging, habe ich daran aber überhaupt nicht mehr gedacht.

Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Was ist Ihnen bei der Erziehung Ihrer Kinder wichtig?

Theoretisch kann man seinen Kindern viele Ratschläge geben. Aber meistens geht das ins rechte Ohr rein und zum linken Ohr wieder raus. Das Beste ist, Ideale vorzuleben. Kinder übernehmen vieles von ihren Eltern.

Oliver Kahns zehnjähriger Sohn David, sein zweites Kind aus der Ehe mit Ex-Ehefrau Simone, hat vor allem in Sachen Fußball viel von ihm übernommen. Er kickt im Verein - und hat Talent. Eine Freude für Kahn. Aber auch etwas, das ihm Sorgen bereitet, kennt er doch ebenso die Schattenseiten des Geschäfts. Das Risiko. Den Druck, der auf einem lastet. Und dann könnte er, der Gefeierte, auch ein erdrückendes Vorbild sein. Kahn nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. Möchte er weitere Kinder? Was ist für ihn wichtig in einer guten Ehe? Er verzieht das Gesicht, es zeigt sich ein Hauch der alten Titanen-Grimmigkeit. Solche Fragen mag er nicht. Sein Eheleben soll privat bleiben. Kahn bleibt höflich - aber das höchste der Gefühle ist, dass er erzählt, wie Svenja und er zusammen kochen. Wobei er zugibt, dass er dabei keine große Hilfe ist: "Ich bekomme eine Pasta mit Gemüse gut hin. Aber ansonsten…"

Gala

Inhaltsverzeichnis

22.02.2017

Gala: Inhaltsverzeichnis

Was haben Sie gedacht, als die Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß bekannt wurde. Waren Sie enttäuscht?

Ich habe 14 Jahre mit ihm zusammengearbeitet und ihn sehr schätzen gelernt. Für seinen Verein und seine Freunde tut er alles. Ich wusste, dass er ein Faible für die Börse hat, ich habe früher auch spekuliert. Ich habe ihn allerdings nie als einen süchtigen Zocker erlebt, wie er nun oft beschrieben wird. Uli Hoeneß hat sicherlich Fehler gemacht, für die er sich verantworten muss, aber ich wünsche ihm dennoch, dass die Sache gut ausgeht.

Homosexualität gilt immer noch als Tabuthema im Fußball. Würden Sie einem schwulen Kicker raten, sich zu outen?

So traurig das auch klingen mag, ich würde ihm ein Coming-out nicht raten. Homosexualität ist zwar in unserer Gesellschaft keine große Sache mehr. Aber es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass es im Profisport genauso ist. Ein Spieler, der sich outet, steht jeden Samstag im Stadion vor den gegnerischen Fans. Da ist die Stimmung aufgeheizt, da gibt es Rivalitäten - was die Menschen zu unschönen Aktionen treiben kann. Wie gehen außerdem die Sponsoren damit um? Was bedeutet das für die Karriere? All das macht die Situation doch schwieriger, als sie auf den ersten Blick scheint.

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