Nikolai Kinski
© Getty Nikolai Kinski

Nikolai Kinski "Besessenheit ist schon notwendig"

Nikolai Kinski wagt den Sprung aus dem immer noch übergroßen Schatten seines Vaters: Mit der Lyrik des alten Kinskis geht der junge Kinski auf Tournee. Über sein bisher mutigstes Projekt spricht er exklusiv in GALA

Plötzlich ist er da. Irgendwie aus dem Nichts kommend. Auf der Bühne und ebenso beim Interview in einem Café in Berlin: Nikolai Kinski. Der 31-jährige Sohn von Schauspiel-Legende Klaus Kinski inszeniert gerade sein Bühnenprogramm "Kinski spricht Kinski". Eineinhalb Monate wird es ihn durch ganz Deutschland führen. Das Projekt: auffallend puristisch, unaufgeregt, wohlüberlegt. Der Hauptakteur ganz in Schwarz gekleidet, ein Spot von vorn, ein Mikrofon in der Hand, mehr braucht es nicht. Nikolai Kinski dürfte ahnen, dass ihm die Aufmerksamkeit des Publikums und der Kritiker sicher sein wird. Und dass ­getuschelt wird: "Wieso spricht der so gut deutsch?" "Der sieht seinem Vater aber sehr ähnlich." "Ist das nicht eine Nummer zu groß für ihn?" So jedenfalls zischte es zwischendurch immer wieder in den Reihen der Berliner "Bar jeder Vernunft", wo Nikolai Kinski sein Programm Anfang des Jahres ­uraufgeführt hat. Um es gleich vorwegzunehmen: Publikum und Kritiker feierten die Premiere gleichermaßen. Steht der Sohn dennoch im Schatten des Vaters? Sollte es so sein, befreit er sich daraus auf diese Weise am besten: indem er ihn ohne falschen Respekt mit der eigenen Stimme interpretiert.

Gala: Ist es richtig, dass Sie die Gedichte Ihres Vaters bis vor Kurzem nie gelesen haben?

Ich habe sie mir mal angesehen, als ich schon einigermaßen gut deutsch lesen konnte. Jedenfalls so gut, ohne jedes zweite Wort im Wörterbuch nachschlagen zu ­müssen (lacht). Aber richtig beschäftigt habe ich mich mit seinen Texten nicht.

Gala: In der Zwischenzeit sicher mehr, denn demnächst gehen Sie mit dem Programm "Kinski spricht Kinski" auf Tournee. Wie war die Arbeit daran? Haben Sie seine Worte als Schauspieler gelesen oder als Sohn?

Ich bin zunächst sehr technisch an die ­Aufgabe herangegangen. Ich habe so lange ­ge­übt, bis ich den Text auswendig konnte. ­Dadurch sind mir nach und nach immer neue Inhalte bewusst geworden. Und die Neugierde, herauszufinden, was mein Vater dem Leser damit sagen wollte, hat mir ­si­cherlich auch eine gewisse Geduld gegeben. Ich habe mir dann einen Ablauf strukturiert. Von den Selbstzweifeln des Verkannten über Lust und Religion bis hin zum Tod.

Der mächtige Übervater: Klaus Kinski
© GettyDer mächtige Übervater: Klaus Kinski

Gala: An einer Stelle heißt es: "Ich bin das Mördereisen meiner eigenen Seele."

Ja, das ist eine Achterbahnfahrt ins Aus­weglose. Am Ende stehen nur noch meines ­Vaters Todessehnsucht und sein Vorsatz: "Ich muss weg von hier." Wäre er damals konsequenter gewesen, könnten wir heute nicht so angenehm miteinander plaudern ...

Gala: Wie meinen Sie das? Glauben Sie, Ihr Vater habe ­Suizidgedanken gehabt?

Keine Ahnung, er hat es ja damals ein paar Male versucht. Mir gefällt der Gedanke, dass vielleicht gerade der literarische Selbstmord den echten verhindert hat. Dann rezitiere ich quasi mein Geburtsrecht.

Gala: Können Sie sich von solchen Überlegungen frei machen?

Natürlich nicht. Aber das wäre auch nicht gut. Das würde meinem Vortrag sehr viel Glaubwürdigkeit nehmen.

Gala: Ihr Vater schrieb auch: "Der Wahnsinn hat mir schon ein Angebot gemacht." Ihnen auch?

Mit jedem Interview (lacht). Ich glaube, dass eine gesunde Portion Besessenheit in meinem Beruf schon notwendig ist.

Gala: Werden Sie eigentlich gerne mit Ihrem Vater ver­glichen?

Egal was ich tue, das wird immer passieren. Das wäre allerdings kein Grund, mich nicht mit seinem Werk zu beschäftigen. Außerdem kann einem als Schauspieler wahrlich Schlimmeres passieren, als mit Klaus Kinski verglichen zu werden. Ich selbst vergleiche mich jedenfalls nicht mit ihm und ­respektiere seine Unvergleichlichkeit.

Gala: Wird die Erwartungshaltung dadurch auch größer?

Vielleicht. Aber das ist ja auch das Spannen­de an "Kinski spricht Kinski". Denn je mehr die Zuschauer auf der Bühne Klaus Kinski zu sehen meinen, desto besser funktioniert mein Vortrag. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich kopiere oder imitiere meinen V­ater bewusst nicht. Aber auch wenn oder gerade weil ich seine Gedanken mit meinen Mitteln und in meiner Zeit interpretiere, ist er dabei doch immer im Hintergrund präsent. Auf dem Hörbuch-Cover ist das ­sogar sichtbar, allerdings als Fotomontage.

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