Mehmet Kurtulus

"Ich mag schlaflose Nächte"

Als Undercover-Cop hat Mehmet Kurtulus den "Tatort" aufgemöbelt. Mit Gala spricht er über den Kick, bis zum Morgen durchzumachen, private und professionelle Eitelkeiten und seine Liebe zu Désirée Nosbusch

Zwischendurch muss Mehmet Kurtulus mal raus.

Kurz eine rauchen - obwohl es vor der Tür des Kostümfundus im Berliner Stadtteil Mitte, wo das Gala-Fotoshooting stattfindet, ziemlich frisch ist und keinen Mantel trägt. In dieser Situation versteht man plötzlich, was ihn so besonders macht. Während man neben ihm steht und fröstelt, strahlt er eine unglaubliche Wärme und Ruhe aus. Einem Mann wie ihm würde man sofort seine größten Geheimnisse erzählen. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum als Schauspieler bei vielen Regisseuren so beliebt ist.

Den Karrierestart ermöglichte ihm : In dessen Drama "Kurz und Schmerzlos" debütierte Kurtulus 1998. Es folgten viele Kino- und TV-Produktionen, dann kam der Ritterschlag: Kurtulus wurde der erste türkischstämmige Kommissar im "Tatort" (die neue Folge "Vergissmeinnicht" läuft am 28. März im Ersten).

Mögen Sie Ihr Spiegelbild?
Noch kann ich mich sehen und es macht mir Spaß, morgens als Mehmet Kurtulus aufzuwachen. Es gibt natürlich Momente, nachdem man die Nacht durchgearbeitet oder -gefeiert hat und sich am Morgen müde und abgewrackt fühlt. Und ausgerechnet dann sagen die Leute: "Du siehst aber toll aus heute."

Stecken Sie es gut weg, wenn Sie mal durchgemacht haben?
Ich mag es sogar, manchmal eine Nacht nicht zu schlafen. Die nuit blanche, die weiße Nacht, die nicht enden will, das klingt doch märchenhaft. Durch das Schlafdefizit passiert etwas mit deinem Körper und deinem Geist. Du fühlst dich wie in Watte gepackt und lässt nur das Wesentliche an dich ran. Ich erlebe das oft, wenn ich von Berlin nach Los Angeles zu Désirée fliege. Dann sitzen wir um Mitternacht in L. A. zusammen, und ich denke: Junge, deine innere Uhr steht auf neun Uhr morgens, und du bist immer noch wach.

Wie eitel sind Sie? Und wie viel Eitelkeit braucht ein Schauspieler?
Privat bin ich nicht sonderlich eitel. Ich achte nicht andauernd darauf, ob meine Haare richtig liegen oder so. Aber als Schauspieler ist mein Gesicht eine wichtige Projektionsfläche. Ich bin also im professionellen Sinne eitel, um die Figur zu formen. Dabei achte ich darauf, dass es Brüche gibt, diese sind immer wichtig, weil sie Charakter schaffen. Perfektion hat keinen Charme.

Seit 2004 sind Mehmet Kurtulus, 37, und Désirée Nosbusch, 45, ein Paar. Sie lebt in Los Angeles, er in Berlin.

Seit 2004 sind Mehmet Kurtulus, 37, und Désirée Nosbusch, 45, ein Paar. Sie lebt in Los Angeles, er in Berlin.

Gibt es Situationen, in denen Sie nicht Mehmet Kurtulus sein wollen?
Es gibt hin und wieder Momente, da steht der Beruf zu sehr im Vordergrund. Ich war beispielsweise auf der Hochzeit eines Freundes eingeladen. Ich wollte gerade dem Brautpaar gratulieren, als der aufgescheuchte Conferencier am Mikrofon mich plötzlich nach meinen Filmen ausfragte. Das war unpassend und fast schon peinlich. Privat suche ich immer Augenhöhe, da spielt der Beruf keine Rolle.

Seit 2004 sind und Sie ein Paar. Wollte sie nicht mit Tochter Luka-Teresa und Sohn Lennon-Noah von Los Angeles zu Ihnen nach Berlin ziehen?
Zurzeit haben wir das nicht vor, da die Kinder gerade in einer wichtigen Phase an der Schule sind. Ein weiterer Grund war auch die Wahl von . Es ist ein schönes Gefühl, in einem Land mit einem schwarzen Präsidenten zu leben. Klar, so eine Fernbeziehung ist nicht immer einfach, aber wir bekommen es ganz gut hin.

In der neuen "Tatort"-Folge "Vergissmeinnicht" spielen Sie mit Désirée zusammen und haben sogar eine erotische Szene. Wie schwer ist es, als Paar vor einem Filmteam so einen Part hinzubekommen?
So etwas kann sogar ein Vorteil sein, und bei uns hat das gut geklappt. Die ersten ungelenken Situationen, also, wo wer wie sein Bein hintut, überspringt man und kommt schneller zum Kern der Szene. Dennoch muss man die Zeit der Dreharbeiten als eine Art Ausnahmezustand sehen. Klar macht man Witze am Set und lacht zusammen, aber wir sind in diesem Moment kein Paar mehr. Ich sehe meine Frau dann als Kollegin, die ich sehr gut kenne. (lacht) Erst später, beim Feierabendbier kommt man sich wieder näher. Anders würde das nicht funktionieren, und es wäre dem Team gegenüber respektlos.

Gerade haben Sie Désirée Ihre "Frau" genannt. Haben Sie heimlich geheiratet?
Nein, aber das ist sie für mich. Das Wort Freundin passt zu unserer Beziehung nicht mehr, wir sind ja seit sechs Jahren zusammen. Und Lebensgefährtin? Den Ausdruck finde ich ebenfalls nicht zutreffend. Das klingt so, als würde man sich nur durchs Leben begleiten.

Sie haben zwei eigene Kinder, sechs und neun Jahre alt. Was ist Ihre größte Stärke als Vater?
Fürsorge. Ich kann mich gut um andere kümmern. Wenn du krank bist, kann ich deine Wünsche und Bedürfnisse direkt von deinen Augen ablesen. (lächelt) In null Komma nichts habe ich einen Kamillentee oder eine Gemüsebouillon zur Hand.

Sie sind in der Türkei geboren und kamen als Zweijähriger nach Deutschland. Ihre Mutter starb, als Sie elf Jahre alt waren. Wie sehr hat Sie das geprägt?
Es war ein sehr einschneidendes Erlebnis in meinem Leben. Eine Mutter ist für ein Kind die unmittelbare Bezugsperson. Diese Rolle musste dann mein Vater einnehmen. Er konnte meine Mutter zwar nicht ersetzen - aber er schaffte es, dass wir sie weniger vermissen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie gern in andere Rollen hineinschlüpfen?
Mit etwa zehn Jahren. Ich hatte damals ein immenses Witze-repertoire und war deshalb ei-ner der beliebtesten Gäste auf Geburtstagspartys. So habe ich dann das Geheimnis des Timings entdeckt. Je nach Tagesform änderte ich den Erzählrhythmus und merkte, dass ich die Reaktionen der Zuhörer steuern kann. Diese Erfahrung legte den Grundstein für meinen Umgang mit Sprache. Anschließend tobte ich mich in der Theatergruppe unserer Schule aus. So erfolgreich, dass ich Theaterverbot von meinem Vater bekam, weil ich mehr damit beschäftigt war als mit meinen Hausaufgaben. So hat er mir ziemlich geholfen.

Was war der witzigste Job, den Sie am Anfang Ihrer Karriere gemacht haben?
Als ich mit 19 Jahren nach Hamburg ging, habe ich mal bei der "Sesamstraße" gearbeitet. Eine befreundete Schauspielerin hat mir den Job vermittelt. Das war eine tolle Zeit. Ich habe in den Drehpausen mit Tiffy Tee getrun­ken und mit Samson gepokert. Wenn dann Kinder ins Studio kamen, mussten wir ihm schnell den Bärenkopf aufsetzen. Stellen sie sich vor, die Kleinen sehen Samson auf einmal oben ohne. Ein Schock!

Im Fernsehen spielen Sie einen Kommissar - sind Sie privat jemals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen?
Nein, noch nie.

Sie haben nicht mal als Kind eine Tafel Schokolade oder so gestohlen?
Nein. Wir haben als Kinder ein paar Mark damit verdient, für den Förster im Wald Eicheln zu sammeln, die der später verfüttert hat. Als ich 1998 in Fatih Akins "Kurz und schmerzlos" einen Hamburger Gangster gespielt habe, war das für mich der Eintritt in eine völlig andere Welt. Ich bin froh, in einer kleinen Stadt wie Salzgitter groß geworden zu sein.

Was denken Sie, wenn Sie in der Berliner U-Bahn diesen Deutsch-Türkisch-Mix hören?
Ich kann das sehr gut nachvollziehen, ich spreche mit meinem Bruder auch manchmal so. Dieser schnelle Wechsel ist eine eigene Sprache, die Spaß macht. Bei Jugendlichen sehe ich allerdings die Gefahr, dass dieser Mix ihre einzige Sprache bleibt. Ich selbst achte meist darauf, dass ich nur in einer Sprache spreche, entweder Türkisch oder Französisch oder Deutsch, um nicht aus dem Tritt zu kommen.

Kann man auf Türkisch eigentlich besser fluchen als auf Deutsch?
Absolut. Türkisch ist eine sehr bildhafte Sprache, somit fallen auch die Flüche blumiger aus. Man beleidigt den anderen nur, man erniedrigt ihn, indem man seine Freundin, seine Mutter, seine gesamte Familie verflucht - mit einer Fäkalsprache, in der hauptsächlich Variationen von "ficken" verwendet werden. Aber irgendwann muss der Spaß mal aufhören. Bestes Beispiel: Zinédin Zidane, der beim WM-Endspiel in Deutschland ausrastete, nachdem sein Gegenspieler seine Schwester obszön beleidigt hatte.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand so etwas an den Kopf schmeißt?
Ich würde ihn auslachen.

Sie haben gerade eine Zigarette geraucht. Mögen Sie auch Wasserpfeife?
Ja. Ich finde das sehr entspannend, liebe zum Beispiel Cappuccino-Tabak mit Milch gekühlt - das klingt doch wie ein Gedicht, oder? hat kürzlich erzählt, dass er für seine Rolle als palästinensischer Strippenzieher in dem Bushido-Film viel Shisha rauchen musste und davon Kopfschmerzen bekommen hat. Eigentlich ist Wasserpfeife sehr angenehm. Es handelt sich hier um feuchten Tabak, dessen Rauch aufgrund des Wassers kalt konsumiert wird. Das ist vom Geschmack her ein ganz besonderer Genuss. Man darf nur nicht den Fehler machen und sich danach eine Zigarette anzünden. Die schmeckt dann im direkten Vergleich richtig schrecklich.

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