Marilyn Manson
© Getty Marilyn Manson

Marilyn Manson "Ich hatte Angst vor mir selbst ..."

Gothic-Rocker Marilyn Manson hat seine Lebenskrise überwunden. Nicht zuletzt dank seiner neuen Freundin. Im Interview mit GALA spricht er sogar schon von Nachwuchs

Das Wetter in Berlin passt nicht zu Marilyn Manson. Es ist heiter. Im vornehmen Stadtteil Grunewald herrscht die reinste Idylle. Auf grünen Bäumen zwitschern Vögel, Mütter schieben Kinderwagen spazieren, vorbei an einer Jugendstilvilla mit Bröckelputz-Fassade. Hier hält heute der Satan des Rock Hof, in völliger Finsternis, um seine neue CD "Eat Me, Drink Me" vorzustellen. Die Fenster sind verhängt, damit ja kein Tageslicht das inszenierte Grauen stört. Ächzendes Parkett, Eichenmöbel, mit Kunstblut besprenkelte Wände. Irgendwo hängt ein Gemälde, das Manson mit irrem Blick und weißer Katze im Arm zeigt. Man stolpert über ausgestopfte Tiere und künstliche Totenschädel. Bei ihm zu Hause im kalifornischen Chatsworth soll es ähnlich ausehen, erzählt jemand von der Plattenfirma. Dass sich der Musiker, Maler und bekennende "Antichrist" dann abends mit Freundin Evan Rachel Wood, 19, doch lieber ins noble "Hyatt" abseilt, wird unterdessen wohlweislich verschwiegen. Würde ja auch nicht passen zu diesem perfekt inszenierten Drumherum, das so bizarr wirkt wie Manson selbst.

Der 38-Jährige sitzt in einem Sessel, Lederhose, Käppi, kniehohe Plateau-Stiefel. Trotz Kerzenschein trägt er eine gewaltige Sonnenbrille auf der gepuderten Nase. Auf der Bühne präsentiert er sich gern als brutale Schreckgestalt. Jetzt beim Interview macht Manson alias Brian Hugh Warner dagegen einen schockierend artigen Eindruck. Zur Begrüßung springt er auf, macht brav einen Diener. Und lächelt.

Gala: Guten Tag, Herr Manson ... sorry ... ich meine Herr Warner.

Manson ist schon in Ordnung.

Gala: Spricht Sie eigentlich überhaupt noch irgendwer mit Ihrem echten Namen an?

Die Polizei.

Gala: Bei welcher Gelegenheit denn um alles in der Welt?

Ach, reden wir nicht darüber. Aber für Behörden bin ich natürlich Brian Hugh Warner, wie es in meinem Pass steht. Ich habe keinen Künstlernamen eintragen lassen, obwohl diese zweite Identität untrennbar mit meiner ursprünglichen Persönlichkeit verknüpft ist. Nur so kann ich existieren.

Gala: Wie meinen Sie das?

Das vergangene Jahr war hart für mich. Die Privatperson hatte sich zu sehr von dem Künstler entfernt. Ich stand kurz davor, mich kreativ aufzugeben, was mein Ende bedeutet hätte. Ich wollte nicht etwa sterben. Es war viel schlimmer: Der Tod wäre ein Ziel gewesen, aber ich hatte kein Ziel. Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich mich hasste und Angst vor mir hatte.

Gala: Na ja, wenn man Sie so anschaut ...

Nein, ich meine, dass ich fürchtete, mich nicht mehr kreativ ausdrücken zu können.

Gala: Als Kinderschreck, der auf der Bühne mit Blut kleckert?

Das ist meine Performance. Man kann dem Publikum als Musiker entweder eine auf­regende oder eine langweilige Show bieten. Ich habe mich für die aufregende Variante entschieden. Womit ich mich aber auch identifizieren muss. Was mir irgendwann nicht mehr gelang, weil von mir ständig verlangt wurde, dass ich mich ändere.

Gala: Sie spielen jetzt auf Ihre Ex-Frau Dita Von Teese an?

Jetzt weiß ich, dass eine Ehe einen Menschen beinflusst, weil man einen Teil von sich aufgibt. Die andere Person knüpft Erwartungen an einen, die vorher in der Partnerschaft keine Rolle spielten.

Gala: Was hat Dita von Ihnen erwartet?

Ich sollte mehr Verantwortung tragen, erwachsener sein, umgänglicher. Sie zog mich in eine Glamour-Welt, in die ich nicht gehöre. Meine Depressionen wurden immer schlimmer. Gleichzeitig wurde ich immer zynischer. Und ich merkte: Wir waren dazu bestimmt, getrennt zu werden.

Gala: Wie erwachsen wollte Dita Sie denn gern haben?

Ich sollte überlegter handeln, mit einem Blick für die Zukunft, und mich Dita gegenüber auch in gewisser Weise verpflichtet fühlen. Was dazu führte, dass ich oft an mir zweifelte. Mir reichte es, dass ich mich ständig dafür entschuldigen musste, was ich bin oder was ich tat. Ich habe den Fehler gemacht, diese Situation während unserer fast siebenjährigen Beziehung zu akzeptieren. Erst die Arbeit an "Eat Me, Drink Me" hat mich aus der Krise befreit. Die Songs sind wie ein Tagebuch über meine Gefühle vor und nach der Ehe. Früher schaute ich lieber auf die Welt, jetzt erzähle ich der Welt etwas über mich. Mir wurde dadurch erst bewusst, wie sehr ich Musik als Ausdrucksmittel brauche.

Gala: Ihre neue Freundin Evan Rachel Wood hat Ihnen doch sicherlich auch ein wenig aus der Krise geholfen ...

Evan ist wie ich enorm begeisterungsfähig. In ihr entdecke ich viel von mir selbst wieder, obwohl sie 19 Jahre jünger ist. Aber das zeigt mir nur, dass man seine Begeisterungsfähigkeit nie verlieren darf, egal wie alt man ist. Und Evan lässt mich außerdem so sein wie ich bin.

Gala: Und wie sind Sie? Tatsächlich böse?

Ich versuche jedenfalls, das Böse in die Rockmusik einzubringen.

Gala: Einige Leute in den USA sehen in Ihnen die Wurzel allen Übels.

Ich habe aufgehört, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Das würde mich nur zermürben. Sollen mich die Menschen doch so sehen, wie sie wollen. Ich stehe für das Extreme, was eben auch extreme Reaktionen hervorruft. Einige brauchen offenbar einen Sündenbock.

Gala: Hinter Ihrem Mummenschanz sind Sie also im Grunde ein sensibler Typ?

Jeder Künstler versteckt seine Schüchternheit doch irgendwie hinter einer Maske, oder?

Gala: Weinen Sie auch mal?

Im vergangenen Jahr habe ich viel geweint.

Gala: Führen Sie im Alltag ein normales Leben?

Was ist schon normal? Das liegt immer im Auge des Betrachters. Ich finde es zum Beispiel normal, morgens aufzustehen und mich zu schminken. So, wie die meisten Frauen das auch tun.

Gala: ... nur, dass sich nicht jede Frau milchig weiße Kontaktlinsen ins Auge setzt.

Das ist eben mein persönlicher Geschmack, mein Stil. Okay, deshalb denken einige sicher, dass ich in einer Fantasiewelt lebe und mich von Blut ernähre. Das macht mir aber nichts aus.

Gala: Was essen Sie denn tatsächlich am liebsten?

Biokost. Ich versuche, Gifte zu vermeiden, von einem Gläschen Absinth hin und wieder mal abgesehen.

Gala: Es heißt, Evan habe Ihnen zum Geburtstag einen lebenden Skorpion geschenkt.

Hmm. (Manson schmunzelt)

Gala: Sie sagten mal, mit Dita hätten Sie sich nicht vorstellen können, Kinder zu haben. Wie sieht es jetzt aus?

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Kinder. Wenn es sich ergeben sollte, warum nicht? Es wäre ein Weg weiterzuleben. Schließlich ist Fortpflanzung die einzige Möglichkeit, die Sterblichkeit zu überwinden.