Joseph Fiennes
© Getty Joseph Fiennes

Joseph Fiennes Der verrückte Onkel

Joseph Fiennes überzeugt in jeder Rolle: ob als rassistischer Gefängniswächter in dem Apartheids-Drama "Goodbye Bafana" oder als Entertainer für die Kinder seiner Geschwister

Vielleicht ist es das vegetarische Essen, vielleicht sind's die täglichen Vitamindrinks oder seine regelmäßigen Yoga-Sessions. Joseph Fiennes, 36, ist jedenfalls beim GALA-Interview im Berliner "Four Seasons"-Hotel auffallend gut drauf und entspannt. Der smarte Schauspieler ist derzeit im Apartheids-Drama "Goodbye Bafana" zu sehen ­- nach "Luther", "Shakespeare In Love" und "Elizabeth" spielt der Brite mit den großen braunen Rehaugen diesmal eine Rolle aus der jüngeren Historie. Auch im Gespräch präsentiert er sich als moderner, interessanter Mann: Ob Architektur, Kinder oder Umweltbewusstsein -­ mit dem jüngsten Spross der Fiennes-Familie kann man einfach über alles plaudern.

Gala: Sie spielen in "Goodbye Bafana" einen Familienvater. Wie konnten sie sich in die Rolle reinversetzen?

Ich bin ja das jüngste Kind von sieben Geschwistern, und nun spiele ich auf einmal selber einen Vater. Aber mein Zwillingsbruder hat zwei Kinder, und ich verbringe sehr viel Zeit mit ihnen. Auch meine Schwestern haben schon Nachwuchs, also bin ich es gewohnt, von Kids umgeben zu sein. Sie spielen ein große Rolle in meinem Leben.

Gala: Und welche Rolle spielen Sie dann? Den Clown?

Ich bin eher der verrückte Onkel! (Lacht) Ehrlich gesagt ist es toll, Onkel zu sein: Man kommt ab und zu vorbei, zeigt den Kindern ein paar Zaubertricks, spielt ein bisschen den Ersatzvater, und sie lieben dich. Wenn es dann um ernstere Dinge geht, wie zum Beispiel ins Bett bringen, übernehmen die Eltern wieder. Ich bin lediglich für den Spaßfaktor zuständig und bringe kleine Geschenke mit. Das ist doch großartig.

Gala: Wie eng sind Sie mit Ihren Brüdern und Schwestern?

Sehr eng. Wir stehen uns alle extrem nah. Bis auf meinen Zwillingsbruder leben wir auch alle in London. Meine Schwester ist übrigens gerade hier in Berlin gelandet, um mich zu besuchen. Auch Weihnachten verbringen wir meistens alle zusammen. Es sind nur so viele von uns, dass man eigentlich ein Haus mit 15 Zimmern bräuchte.

Gala: Sie stammen aus einer extrem talentierten Künstlerfamilie, Ihr Bruder Ralph war schon ein berühmter Schauspieler, bevor Sie die Schauspielschule verlassen haben. War das nie ein Nachteil für Sie?

Ganz im Gegenteil: Ralph hat mir sehr geholfen, wenn es um Vorsprechen für Theaterrollen ging. Außerdem hat er mir einen Job im "National Theatre" als Kostümbildner besorgt, so dass ich hinter den Kulissen arbeiten konnte.

Gala: Sie gelten als stilsicher, wenn es um Einrichtungsfragen geht. Als Teenager sollen Sie sogar eine Villa in der Toskana renoviert haben...

Stimmt, da war ich 17. Ich liebe Architektur. Besonders Berlin hat eine unglaublich schöne moderne Architektur.

Gala: Sie meinen den Potsdamer Platz?

Nicht wirklich... (lacht) Er ist zwar modern, aber spricht mich nicht an. In London kann man kaum gute, moderne Architektur finden, da es viele Regulierungen wegen unserer denkmalgeschützten Häuser gibt.

Gala: Haben Sie Ihr eigenes Haus selbst eingerichtet?

Ja, das war mein Werk. Eigentlich ist es recht konservativ (lacht), sehr minimalistisch und einfach. Ein georgianisches Haus, neu aufgebaut und sehr offen. Alles ist weiß und wahrscheinlich hat es keinen eigenen Charakter, aber ich mag es trotzdem sehr.

Gala: Sie sind wie ein Nomade aufgewachsen. Inwiefern hat Sie das geprägt?

Man muss lernen, zu kommunizieren. Ich bin auf 14 Schulen gewesen und zwölf Mal umgezogen, musste immer wieder neue Regeln lernen. Als Schauspieler hat mir diese Erfahrung sehr geholfen. Man trifft so viele Leute und muss schnell wissen: Wer ist der Gute, wer der Böse? Das hat mich extrem sensibilisiert.

Gala: Was müssen Sie auf Ihren Reisen immer dabei haben?

Ich habe gelernt, mit so wenig Gepäck wie möglich zu reisen. Mein iPod, ein Fotoapparat und ein Notizbuch sind meine ständigen Begleiter.

Gala: Lassen Sie sich von den Ländern, in denen Sie drehen, inspirieren? Bringen Sie Einrichtungssachen mit?

Ja, das passiert schon mal. Ich habe zum Beispiel Perlen und Steine aus Südafrika. Oder auch viele Fotografien. Aber was ich überhaupt nicht mag, sind Requisiten.

Gala: Aber wenn Sie einen James-Bond-Film drehen würden und das Auto behalten dürften...

Okay, dann würde ich wahrscheinlich die Uhren, die Laptops und die Autos behalten. Aber das sind nicht die Requisiten, die es bei einem Shakespeare-Film gibt.

Gala: Nach "Blood Diamond" ist "Goodbye Bafana" ein weiterer Film über die Probleme in Afrika...

Wir sind alle mit diesen Problemen verbunden: Wenn wir unser Auto tanken, kann es sein, dass das Benzin aus Angola kommt. Ich finde es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass es in vielen Teilen Afrikas kein sauberes Wasser gibt. Es würde sechs Milliarden Euro kosten, überall auf der Welt für sauberes Wasser zu sorgen. Wissen Sie, welchen Umsatz die Ölindustrie im Jahr macht? 400 Milliarden! Da muss man doch schon mal Fragen stellen...

Gala: Engangieren Sie sich politisch?

Nein, aber ich bin einfach wachsam und informiere mich. In Zeiten des Internets haben wir doch alle Zugang zu jeglichen Informationen. Es ging uns noch nie so gut wie heute. Gerade in dieser kritischen Zeit mit all unseren Umweltproblemen muss unsere Generation anfangen, Opfer zu bringen und Fragen zu stellen.

Gala: Welche Opfer bringen Sie persönlich?

Wahrscheinlich nicht genug. Aber das ist wie mit einem Alkoholiker ­- zuerst muss man aufstehen und sagen: Ich bin Alkoholiker. Und ich stehe auf und sage: Ich bin Teil des Wendepunkts vom Klimawandel. Vielleicht fängt man damit an, einfach keine Plastiktaschen mehr aus dem Supermarkt mitzunehmen. Wenn man offen sagt, ich bin ein aktiver Teil dieses Prozesses und kann etwas ändern, dann ist das ein Anfang.

Gala: Sie reisen viel, gibt es einen Lieblingsort?

Zu Hause, auf meinem eigenen Kissen.