Johnny Depp
© Getty Images Johnny Depp

Johnny Depp "In erster Linie bin ich Vater"

Johnny Depp verrät, wie seine Kinder einen neuen Mann aus ihm machten, warum er Ruhe braucht und wie viel er trinkt

Als Johnny Depp, 46, das Drehbuch zu "Public Enemies" gelesen hatte

, wusste er sofort: Diesen Mann will ich unbedingt spielen. Gemeint war John Dillinger, einer der meistgesuchten Gangster Amerikas in den Dreißigerjahren, mit Vorliebe für Baseball, schnelle Autos und schöne Frauen. Leidenschaften, die auch sexy Johnny nicht fremd sind. Abgeschirmt von kreischenden Fans betritt er mit Hut und tiefdunkler Sonnenbrille die Suite des Hotels "Four Seasons" in Beverly Hills. Er lässt sich in einen Sessel fallen und atmet erst mal tief durch.

In puncto Berühmtheit scheinen Sie John Dillinger in nichts nachzustehen, oder?

Oh, ich glaube Dillinger hatte es etwas leichter als ich. Er konnte einfach in der Menge verschwinden. Ich würde gern mal wieder unerkannt eine Straße entlang gehen oder mit meinen Kindern in einem Restaurant essen, ohne gleich bestürmt zu werden. Aber das ist leider nicht mehr möglich. Wir leben in einer Medienwelt. Alles wird dokumentiert. Ich kann mich nicht mehr verstecken.

Was müssen Sie anstellen, um doch mal ein bisschen Ruhe zu finden?

Nun, es gibt diese kleine Insel in den Bahamas, die seit ein paar Jahren mir gehört. Da kann ich wirklich gut relaxen. Wenn man Woche um Woche durch die Welt reist, ständig mit Leuten reden muss und dann plötzlich auf dieser Insel ankommt - das ist herrlich. Ich sitze dort mit meinen Kids am Strand und gucke einfach nur aufs Meer. Es ist total ruhig, wirklich paradiesisch. Ich bin sicher, dass diese Momente im warmen Sand mir mein Leben um ein paar Minuten verlängern werden.

Sie besitzen auch ein Anwesen in Frankreich und eine Villa in Beverly Hills. Wo befindet sich Ihr Lebensmittelpunkt?

Das möchte ich auch gern wissen! (lacht) Fakt ist, dass wir im vergangenen Jahr die meiste Zeit in Los Angeles verbracht haben, wo meine Kinder zur Schule gehen. Hängt aber eher mit der Arbeit zusammen, nicht unbedingt mit meinem Lebensgefühl. Das zieht mich eher nach Europa.

Was lieben Sie so an Europa?

Die ganz einfachen Dinge, etwa das Landleben oder den Wein. Es gibt keine Manager und Agenten, die ständig Meetings arrangieren wollen. Außerdem glaube ich, dass es jedem Menschen gut tut, sein Heimatland mal für eine gewisse Zeit zu verlassen, um die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Eine tolle Erfahrung.

Dillinger liebte seinen Whiskey. Bei Ihnen ist es eher ein guter Bordeaux, richtig?

Absolut. In Frankreich hat jeder das Recht, seinen eigenen Wein anzubauen. Da wir nicht selbst anbauen, kaufen wir Wein. Sehr viel Wein ...

Ihr Co-Star, die "Oscar"-Gewinnerin Marion Cotillard, hat uns erzählt, dass sie im Zuge der Recherchen für diesen Film herausgefunden hat, dass Dillinger recht gut bestückt war.

Das habe ich auch gehört. Und ich kann dazu nur sagen, dass es wirklich stimmt. Dillinger und ich haben dieselbe Größe. (lacht)

Gibt es sonst noch Gemeinsamkeiten?

Oh, ich verlasse mein Haus selten mit einem 45er-Revolver in der Hosentasche. Und auch mit Maschinenpistolen kenne ich mich nicht so gut aus. Aber Dillinger war schon eine Art Existenzialist, ein Held seiner Zeit. Ich muss sagen, dass ich eine gewisse Bewunderung für ihn empfinde.

Liegt das daran, dass Sie grundsätzlich Sympathien für Außenseiter hegen?

Wir mögen doch alle irgendwo die sogenannten "bad guys", oder? Typen, die sich gegen das Establishment auflehnen.

Sie sind als Star und Familienvater auch Teil des Establishments. Wann sind Sie erwachsen geworden?

Ich bin nicht sicher, ob ich heute ein Mann bin. Ganz ehrlich: Ich sehe mich in erster Linie als Vater, und wenn ich meinen Kindern glauben darf, dann mache ich da wohl einen ganz passablen Job. Und das kannst du dir als Mann doch nur erhoffen, oder? Ein guter Vater zu sein, ehrlich dir selbst und deinen Lieben gegenüber.

Wie würden Sie die Gesellschaft beschreiben, in der Lily-Rose und Jack heute aufwachsen?

Ich glaube, die Individualität ist mit den Jahren verloren gegangen. Nehmen Sie zum Beispiel die Mode oder Musik: Alles ähnelt sich, ist genormt. Außerdem hat uns die Technik fest im Griff, was nicht immer positiv ist. Wir fahren gegen eine digitale Wand. Und so verlieren wir langsam den Instinkt für ein einfaches, normales Leben.

Woran merken Sie, dass die Zeit vergeht?

Meine Kinder werden größer. An ihnen sehe ich, dass die Zeit fliegt. Meine Tochter ist jetzt zehn Jahre alt, mein Sohn schon sieben. Nach dem ersten "Fluch der Karibik"-Film ist mein Leben einfach merkwürdiger geworden. Aber ich fühle mich immer noch so wie vor zehn Jahren.