Iris Berben

"Ich kann sehr gut allein sein"

Rock'n'Roll und Outlaws liebt Iris Berben nach wie vor. Doch statt langer Partynächte braucht sie heute vor allem viel Zeit für sich

Kein Sex, kein Make-up, kein Glamour

- für Iris Berben war die Rolle einer herben und verschlossenen Ex-Terroristin eine Ausnahme. Wie sehr sie die Dreharbeiten zu "Es kommt der Tag" genossen hat, merkt man ihr im Gespräch mit Gala an. Bei dem sie übrigens fantastisch aussah - und das, obwohl sie erst tags zuvor aus China nach Berlin zurückgekehrt war, wo sie für einen Kinderfilm vor der Kamera stand.

In "Es kommt der Tag" spielen Sie eine Terroristin. Im Film ist ein typisches RAF-Fahndungsplakat mit Ihrem Bild zu sehen. War's schwer, ein altes Foto von Ihnen zu finden, auf dem Sie wie eine Staatsfeindin aussehen?
Ich habe die Zeit ja erlebt und war damals als junges Mädchen in der Hamburger Protestszene dabei. Ich habe meine Fotokisten durchgewühlt, ein paar Schnappschüsse rausgekramt und die zur Verfügung gestellt. Auf denen sah ich aus, wie man damals in dem linken Milieu halt aussah. Es waren ganz normale Bilder, aber auf einem Fahndungsplakat wirkt das wohl einfach anders.

Fotokiste? Sie sind kein Mensch, der Bilder sortiert und gewissenhaft in Alben einklebt?
Nein. Ich habe bestimmt zehn große Kisten, die vollgepackt sind mit Bildern. Alles natürlich kunterbunt durcheinander. Schwierig, wenn man da was sucht. Genau aus diesem Grund ist ein selbst gestaltetes Fotoalbum eines der schönsten Geschenke, das man mir machen kann.

Oft ist es ja so: Man macht so eine Kiste auf und …
… dann bleibt man zwei Stunden sitzen und guckt und guckt. Ja, ich mag das.

Was haben Sie gefühlt, als Sie sich durch die vielen Fotos wühlten?
Viel ungläubiges Erstaunen, doch auch ein bisschen Wehmut. Aber nicht darüber, dass ich nicht mehr jung bin. Überhaupt nicht. Ich bin jemand, der sehr intensiv lebt, und es ist eher dieser Kontrast, der mich wehmütig macht: So viel Zeit, so viel Leben, so viele Erinnerungen, so viele Menschen - und dann ist es doch nur ein Hauch. Auf der einen Aufnahme bist du eine junge Frau, dann siehst du deinen Sohn als Buben und daneben als erfolgreichen Produzenten.

Sie haben Ende der Sechziger in Hamburg sogar Andreas Baader und Ulrike Meinhof getroffen. Gab es irgendwann mal einen Moment, in dem Sie damit geliebäugelt haben, sich stärker und extremer zu engagieren?
Baader und Meinhof waren auf Veranstaltungen, bei denen ich auch gewesen bin, aber wir haben uns nie persönlich kennengelernt. Nein, ich habe diesen Schritt nie erwogen, die Frage hat sich für mich gar nicht gestellt, weil ich dann nach München zum Film ging. Wenn das nicht passiert wäre, wer weiß? Heute bekommen die Achtundsechziger oft das Etikett "Terrortruppe" verpasst. Aber da muss man unterscheiden. Aus der Bewegung hat sich nachher eine Terrororganisation abgespalten. Für mich repräsentieren die Achtundsechziger vor allem eine Haltung - dass man nicht einfach alles hinnimmt, sondern die Dinge hinterfragt. Nach all den Jahren auf dem Mädcheninternat war das wie eine Befreiung für mich.

Ab dem 1. Oktober 2009 sieht man Iris Berben in "Es kommt der Tag" als Judith, deren perfektes Familienleben durch Alice aufgewi

Ab dem 1. Oktober 2009 sieht man Iris Berben in "Es kommt der Tag" als Judith, deren perfektes Familienleben durch Alice aufgewirbelt wird

Dreimal mussten Sie das Internat wechseln. Sind Sie jedes Mal geflogen?
Ja. Aber man wurde ja bereits wegen kleinster Lappalien rausgeschmissen.

Bevorzugen Sie heute immer noch die Outlaws?
Ich sag's mal so: Ich sympathisiere nach wie vor mit den "Straßenkötern". Und manchmal mutiere ich ebenfalls wieder zu einem. Rock'n'Roll war damals eine Art, sein Leben zu leben. Das habe ich nie verloren.

Wann haben Sie das letzte Mal die Nacht durchgemacht?
Ist schon zu lange her.

Ihr Lebensgefährte ist Stuntman, ganz klar ein Rock'n'Roll-Beruf. Ist das etwas, das Sie unter anderem so an ihm fasziniert?
Ich rede nicht gern über mein Privatleben Aber ich denke: Ja, das, was man gewählt hat, entspricht dem, was man sich wünscht.

Ihre Generation hat das Duzen populär gemacht. Wie halten Sie es damit?
Ich sieze die meisten Menschen, nur Familie und enge, langjährige Freunde rede ich mit Du an. Ich finde, das hat etwas mit Respekt und Schutz zu tun. Die Vertraulichkeit des Du wird von vielen sehr plump benutzt, deswegen bestehe ich auf dem Sie. Ich brauche diesen Rückzugsraum.

Es heißt, das Du bietet man sich an, wenn man zusammen im Straßengraben gelegen hat.
Richtig.

Duzen Sie die Freundin Ihres Sohns Oliver?
Nein. Aber das ändert sich sicher irgendwann.

Sie sind eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Deutschlands. Überprüfen Sie die Einschaltquote, wenn ein Film von Ihnen im TV läuft?
Das ist nicht das Erste, was ich tue, aber natürlich interessiert mich der Erfolg meiner Arbeit. Gute Ergebnisse geben mir Unabhängigkeit, Freiheit und Möglichkeiten, andere Projekte, die mir wichtig sind, zu realisieren. Eben einen Film wie "Es kommt der Tag". Wenn du Erfolg hast, sogar messbar durch eine Quote, dann kannst du die genauso zynisch benutzen, wie die Leute, die so sehr auf die Quote achten - also die Fernsehchefs oder die Verleihe. Sie lieben ja nicht unbedingt dich, sondern deinen Marktwert. Und dann kannst du im Gegenzug sagen: Ich will mit dem oder dem zusammenarbeiten. Ich will diese oder jene Veränderungen.

Der Film hat viele starke emotionale Szenen. Schlafen Sie nachts trotzdem gut, auch wenn Sie wissen, am Morgen steht ein schwerer Dreheinsatz bevor?
Ich bin schon nervös vor so einem Tag. Man fängt schließlich bei jedem Film bei null an. Aber meine Partnerin Katharina Schüttler und ich hatten die Möglichkeit, diese Passagen eine Woche lang zu proben, um so die richtigen Emotionen in uns wachzurufen.

Fällt es Ihnen leicht, sich zu exponieren? Im Theater gibt es den Begriff der Rampensau - für einen Darsteller, der gern die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Ich bin eher ein zurückhaltender, ein scheuer Mensch. Ich presche nicht nach vorn. Mir liegt die Ellenbogenmentalität nicht. Vielleicht ist mir dadurch einiges durch die Lappen gegangen, aber wenn ich zurückblicke, bin ich zufrieden.

Rückzugsraum: Iris Berben ist Freundin des Siezens und duzt auch die Freundin ihres Sohnes Oliver nicht

Mutterstolz: Iris Berben mit ihrem Sohn Oliver

Träumen Sie von gewissen Szenen?
Ich habe diesen Angsttraum, vor Publikum zu versagen. Ich muss auf die Bühne, fühle mich unsicher, und mein Textbuch ist weg. Mein Auftritt rückt näher und näher, und ich weiß nicht, wie ich bestehen soll.

In den vergangenen Monaten waren Sie viel unterwegs. Was ist der größte Luxus, den Sie sich gönnen, wenn Sie nach einem Auslandsdreh wieder zu Hause sind? Zeit haben - und die mit den Menschen verbringen, die mir wichtig sind: meinem Partner, meiner Mutter, meinem Kind, meinem Hund. Aber ich brauche auch Zeit, um mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich arbeite ja mit dem, was und wer ich bin. Kurz gesagt: Ich kann auch sehr gut allein sein. Ich langweile mich nicht mit mir selbst. Es gibt ja viele Menschen, die brauchen immer das Feedback von außen. Ich bin dagegen gern mit mir. Ich mag mich.

Wer kümmert sich um Paul, Ihren Jack-Russell-Terrier, wenn Sie unterwegs sind?
China und Vietnam habe ich ihm erspart, das wäre zu anstrengend geworden, da hat er Ferien auf einem Bauernhof gemacht. Aber sonst kommt er immer mit. Er hat eine eigene Vielflieger-Karte, Senator-Status, auf der sein Name steht: Master Paul Berben - gilt natürlich nirgendwo.

Was machen Sie, wenn der große Hundegott ihn eines Tages zu sich ruft?
Darüber möchte ich gar nicht nachdenken.

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