Im Gala-Interview: Benjamin Piwko und Devid Striesow im Tatort "Totenstille"
© SR/Manuela Meyer Benjamin Piwko und Devid Striesow im Tatort "Totenstille"

Im Gala-Interview Erster Gehörloser übernimmt Hauptrolle im "Tatort"

Im neuen Tatort "Totenstille" übenahm zum ersten Mal ein Gehörsloser die Hauptrolle. Gala sprach mit ihm

Heute Abend kommt es um 20.15 Uhr auf ARD in der Geschichte des Tatorts zu einer echten Premiere: Zum ersten Mal übernimmt ein Gehörloser eine Hauptrolle. Sein Name ist Benjamin Piwko. Der 35-Jährige ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Kampfkunsttrainer. Wie genau die Kommunikation für Benjamin am Set zum Tatort "Totenstille" ablief und wie es ihm mit Hauptkommissar-Darsteller Devid Striesow ergangen ist, erzählten uns die beiden im Gala-Interview.

Wie war die Arbeit für Sie beide am "Tatort"-Set?

Benjamin Piwko: Die Arbeit am Set war einfach großartig! Wir haben uns innerhalb kürzester Zeit fantastisch verstanden und richtig gut Hand in Hand gearbeitet. Es wurde sehr viel gelacht und das Schöne war, dass die Stimmung familiär war! Ich fühlte mich in meinem Element und war ganz schön stolz über all das positive Feedback vom Regisseur und den anderen Schauspielern – vor allem von Devid.

Devid Striesow: Mit Benjamin hat es besonders großen Spaß gemacht, weil wir uns auf Anhieb so gut verstanden haben. Seine Direktheit und seine hohe Emotionalität haben jeden Drehtag zu einer großen Freude werden lassen.

Im Gala-Interview: Benjamin Piwko und Devid Striesow
© SR/Manuela MeyerBenjamin Piwko und Devid Striesow

Wie haben Sie sich am Set verständigt?

Benjamin Piwko: Es gab einen Dolmetscher vor Ort und das war natürlich sehr praktisch für alle Beteiligten. Aber noch schöner war es, zu sehen, dass viele Situationen auch ohne Dolmetscher funktionierten und die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen einen Weg fand. Ich lese ja von den Lippen ab, um zu kommunizieren und habe als kleines Kind viele Jahre das Sprechen gelernt und kann die Gebärdensprache. Von daher kann ich mich natürlich sowieso ohne Dolmetscher verständigen. Außerdem macht es mir immer viel Spaß, hörenden Menschen ein paar Zeichen aus der Gebärdensprache beizubringen! Ich habe übrigens vor ein paar Tagen mit einem Youtube-Kanal begonnen, der sich genau damit befasst. Der Kanal heißt "Benjamin Piwko" und dann einfach zu "Hands down – Do you know sign language?" scrollen. Hands down bedeutet so viel wie "mühelos" oder "mit links!" und ich möchte mit diesen Videos zeigen, dass jeder Gebärdensprache lernen kann und das es eine große Hilfe sein kann, damit sich beide Seiten besser verständigen können.

Devid Striesow: Aufgrund seiner Gehörlosigkeit musste ich Stück für Stück in seine Welt eintauchen. Das bedeutete den Gefühlen in der Situation entsprechende Gesten zu finden. Diese waren natürlich kein sauberes Gehörlosen- ABC, aber das war auch nicht nötig wir haben uns auch trotz meiner Unbeholfenheit sehr gut verstanden.

Im Gala-Interview: Devid Striesow
© SR/Manuela MeyerDevid Striesow

Devid, war es zuerst komisch, sich nicht normal unterhalten zu können?

Devid Striesow: Nein, es zwar ungewohnt, aber die Herausforderung, sich zu verstehen und sich besser kennenzulernen, war groß und wir haben sie alle mit viel Freude wahrgenommen und uns im Verstehen geübt.

Im Tatort haben Sie sich auch mit Gebärdensprache beschäftigt? Wie war das?

Devid Striesow: Es gibt so eine große Menge an Gebärden, dass selbst die Gebärdendolmetscherin manchmal spontan an ihre Grenzen kommt und dann lacht man sich gemeinschaftlich kaputt. Es gibt sogar Dialekte, aber wenn man sich ausdrücken will, dann schafft man das auch ohne die Gebärdensprache perfekt zu können. Um dies zu erreichen, muss man, glaube ich, sehr lange üben.

Hat die Begegnung mit Benjamin und den anderen Gehörlosen etwas bei Ihnen verändert? Sehen Sie sein Handicap nun mit anderen Augen?

Devid Striesow: Die Beschäftigung und der Kontakt mit den gehörlosen Kollegen war eine reine Freude und hat mich wahnsinnig lernen lassen. Der spontane Zugang zu Emotionen und deren expressive Entäußerung ist etwas was uns Hörenden manchmal abhandengekommen ist. Man lernt schneller zu sehen wie es Leuten wirklich geht und der Kontakt zu Benjamin bleibt natürlich über die Dreharbeiten hinaus bestehen.

Benjamin, worin genau unterscheidet sich Ihre Art zu schauspielern, außer, dass Sie selbst nicht hören können?

Benjamin Piwko: Ich glaube, in der Frage steckt bereits die Antwort. Im Grunde ist das der einzige Unterschied. Ich habe das Gefühl, dass es bei der Schauspielerei verstärkt um Gestik und Mimik geht. Ich liebe es, mich über meinen Körper auszudrücken und dadurch eine Emotion auf den Punkt zu bringen. Während ich spiele, lese ich nicht nur die Lippen meines Gegenübers, sondern auch dessen Körpersprache und kann dann wunderbar darauf reagieren. Die Schauspielerei ist wirklich meine neue große Leidenschaft und ich kann es kaum abwarten, bald wieder vor der Kamera zu stehen, um mehr Erfahrungen zu sammeln.

Im Gala-Interview: Benjamin Piwko
© Brigitte S. WernerBenjamin Piwko

Sie sind auch Kampfkunsttrainer. Wie drücken Sie sich im Unterricht aus?

Benjamin Piwko: In meinem Unterricht sind sowohl hörende als auch gehörlose Menschen. Ich drücke mich natürlich über bestimmte Handzeichen aus, wie sie ohnehin im Training üblich sind und spreche mit meinen Schülern und lese ihre Lippen. Natürlich benutze ich außerdem die Gebärdensprache. Wichtig ist mir aber vor allem, dass die beiden Welten in meinem Unterricht zusammen kommen und man die Grenzen der Kommunikation Stück für Stück verschwinden lässt.

Sie gehen sehr selbstbewusst mit Ihrem Handicap um. Was würden Sie Menschen raten, die nicht so gut damit zurechtkommen?

Benjamin Piwko: Ich glaube, dass es vor allem wichtig ist, sich und die Umstände zu akzeptieren und sich nicht auf seine Schwächen, sondern auf seine Stärken zu konzentrieren und an diesen Stärken tagtäglich zu arbeiten. Ich kann nicht hören – na und?! Aber dafür entgeht meinen Augen zum Beispiel wirklich gar nichts – Ich bin ein sehr visueller Mensch. Ich glaube auch, dass zum Beispiel Sport ein sehr guter Weg ist, sich selber besser anzunehmen und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das ist es, was ich den Schülern in meinem Training vermitteln möchte. Ich denke, jeder Mensch hat irgendein Handicap. Aber viel wichtiger ist doch, dass wir alle eine Art Superheldenkraft haben! Und auf die kommt es an…