Franz Dinda

"Ich bin ein Phantom"

Vom Klassenkasper zum erstklassigen Schauspieler: Franz Dinda hat für seine Karriere hart kämpfen müssen. Zufrieden ist er aber noch lange nicht

Franz Dinda

Franz Dinda

Widder mit Faible für Widerstände:

So beschreibt sich Franz Dinda selbst. Beim Gala-Interview im Kreuzberger Restaurant "Kirk Royal" allerdings zeigt sich der Schauspieler ("Mogadischu") alles andere als bockig oder kampfeslustig. Freundlichst bietet er Zigaretten an, Freunde, die zufällig vorbeikommen, stellt Dinda höflich vor, und dank offener Worte sorgt er für spannende Einblicke in sein Leben.

Diese Woche moderieren Sie vor 2000 Leuten in Berlin die First-Steps-Verleihung. Aufgeregt?

Man sollte meinen, dass das für mich kein Problem ist, zumal ich schon als Kind eine Radiosendung moderiert habe. Aber ehrlich gesagt könnte man auch in irgendeinen Supermarkt gehen und da irgendjemanden fragen. Die Chance, dass derjenige das hinkriegt, ist genauso groß wie bei mir.

Keine falsche Bescheidenheit!

Ich habe vor Kurzem auf einer Hochzeit vor 40 Leuten eine Fürbitte gehalten - und im rechten Arm vor Nervosität einen Zitteranfall bekommen. Da dachte ich mir: "Wie bitte willst du vor 2000 Leuten durchhalten?" Also habe ich mich gut vorbereitet, alle Filme angeschaut und kann jetzt auf alles eingehen. Es wird sich zeigen, ob ich den Ansprüchen gerecht werde.

Hut ab! Am 24. Au­gust moderiert Franz Dinda in Berlin die Verleihung der First Steps Awards am Potsdamer Platz.

Hut ab! Am 24. Au­gust moderiert Franz Dinda in Berlin die Verleihung der First Steps Awards am Potsdamer Platz.

Schauspieler, Moderator, Buchautor - Sie sind ständig in Bewegung. Kommen Sie je zur Ruhe?

Das ist tatsächlich so ein Punkt, der mich grübeln lässt. Erst habe ich geglaubt, dass ich einen Kinofilm herausgebracht haben muss, um glücklich zu sein. Dann habe ich sechs Jahre an meinem Gedichtband "Ein BilderReimbuch über Liebe" gearbeitet. Das Buch kommt jetzt raus, und ich bin unglaublich stolz darauf - aber ausruhen? Nein. Verstehen Sie: Es gibt Momente, da habe ich, wie jeder Künstler, Angst, vergessen zu werden. Wenn ich jetzt ein Jahr keine Filme drehen oder nichts machen würde, worüber ich reden könnte, wäre das bitter. Ich habe ja keine Alternativen. Was für ein Haufen Häme würde über mich ausgekippt werden, wenn ich nach zehn Jahren auf einmal umschule oder kellnere oder Werbespots drehe?

Wäre das denn so schlimm?

Diese Genugtuung gönne ich niemandem. Das ist einfach so. Das möchte ich mir nicht zumuten. Deswegen arbeite ich auch so engagiert. Weil das die einzige Chance ist, selbst Einfluss zu nehmen. Das kann aber auch nicht ewig so weitergehen. Sonst werde ich irgendwann wie Mel Gibson.

Was meinen Sie denn damit?

Ja, der hat eigentlich alles geschafft, weiß aber insgeheim, dass er in einem Haifischbecken gefangen ist und keine richtigen Freunde hat. So wurde er langsam zum Menschenfeind. Das ist die große Gefahr in dieser Branche. Ich möchte so nicht werden, nicht irgendwann ganz allein da stehen. Mein Lebensziel ist es, Entspannung zu finden.

Warum verreisen Sie nicht mal?

Ich würde gern mal in Urlaub fahren, aber jetzt erscheint erst mal das Buch. Was ich aber durchaus mal mache, ist, kurz aufs Land zu fahren. Dann nehme ich meinen Metalldetektor und durchbuddle Felder.

Bitte?

Ich suche in meiner Freizeit gern Schätze. Mein Onkel war Archäologe und hat mir zu meinem 14. Geburtstag einen Detektor vermacht und mir erklärt, wie man Landschaften liest. Gerade letzten Samstag war ich auf einem Schlachtfeld, über das schon Napoleon gelaufen ist, und habe spektakuläre Funde gemacht. Ich kann das jetzt nicht näher erläutern, es ist schließlich illegal, auf Privateigentum zu suchen. Aber wenn man plötzlich eine alte Münze von 1816 findet, ist das wie Weihnachten. Wenn ich aber abschalten will, dann langweile ich mich nach vier Tagen so furchtbar, dass es nicht zum Aushalten ist. Zwei Wochen am Strand liegen? Die Hölle! Wahrscheinlich bremst mich irgendwann mal ein Burn-out aus.

Franz Dindas "Ein BilderReimbuch über Liebe" erscheint in Kürze im weissbooks-Verlag.

Franz Dindas "Ein BilderReimbuch über Liebe" erscheint in Kürze im Weissbooks-Verlag.

In Ihrem Beruf exponieren Sie sich ständig, sind von der Gunst Ihres Publikums abhängig. Greift Sie das an?

Natürlich verletzt einen ein Verriss, gerade wenn man sehr viel Herzblut in ein Projekt investiert hat. Wenn mal ein Film in die Hose gegangen ist, hat zum Glück noch niemand über mich gesagt: Was für ein Idiot! Aber gerade wenn meine besten Freunde Filme von mir sehen, die sie ganz furchtbar finden, kann ich das kaum ertragen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich versuche, gar nicht erst Schrott zu drehen. Man muss aber auch mal ehrlich sagen, dass ich mir lange Zeit meine Rollen gar nicht aussuchen konnte. Seit ich das ein bisschen beeinflussen kann, versuche ich mit aller Kraft dahinzukommen, meinem Freundeskreis, mir und allen Leuten, die mich schätzen, solch peinliche Situationen zu ersparen.

Leicht wurde es Ihnen ja nicht immer gemacht. Gerade bei der Veröffentlichung Ihres Lyrikbands sind Sie bei Verlegern alles andere als offene Türen eingerannt.

Oh ja, welch Häme! Der Jungschauspieler will jetzt einen auf Autor machen, das klappt niemals ... aber Widerstände motivieren mich. Da kommt der Widder durch. Und ohne mich immer auf die Ossi-Schiene berufen zu wollen, hat das natürlich auch mit meiner Biografie zu tun. Wenn du 24 Mal umziehst, das sechste Mal die Schule wechselst und dich wieder und wieder integrieren musst, dann prägt dich das.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich sage das ungern, aber ich war das, was man den Klassenkasper nennt. Dabei geht mir das immer schwer auf die Ketten, wenn ich so was höre: Klassenkasper. Ich mag das eigentlich nicht, aber so habe ich mir meine Portion Zuwendung und Aufmerksamkeit geholt. Klamottentechnisch konnte ich nicht mithalten, außerdem war ich immer der Kleinste in der Klasse, sah zwei Jahre jünger aus, war aber ein Jahr älter. Um in Figuren schlüpfen zu können, in denen sich die anderen wiedererkennen, Figuren, die liebenswert sind, bin ich in die Theater-AG eingetreten.

Um liebenswert zu sein, mussten Sie jemand anders werden?

Nein, ganz so ist es natürlich nicht, aber durch die ständigen Ortswechsel musste ich immer wieder aufs Neue entdeckt werden, also auch neue Freunde finden. Diejenigen, die ich gerade für mich gewonnen hatte, musste ich wieder verlassen. Vermutlich ist die ganze Schauspielerei ein Kampf um Liebe, eine Art Verbrüderung im Geiste, die Halt gibt.

Franz Dinda würde gerne mal in den Urlaub fahren, jetzt erscheint aber erstmal sein Buch.

Franz Dinda würde gerne mal in den Urlaub fahren, jetzt erscheint aber erstmal sein Buch.

Machte Sie der Wunsch, Schauspieler zu werden, nicht auch zum Außenseiter?

Klar, damit habe ich ja letztendlich gesagt, dass ich mich nicht damit zufrieden gebe, im Nachbarort Bäcker zu werden, sondern Größeres vorhabe. Nie, um andere zu demütigen, nur weil ich so leben wollte. Bei uns im Dorf in Hohenweiler kam das dem Wunsch gleich, Astronaut werden zu wollen. Absurd. Und damit ging der Kampf ja auch erst los.

Inwiefern?

Ich hatte niemanden, den ich um Rat fragen konnte, also habe ich die Auskunft angerufen und mir alle Nummern rund um Film geben lassen und durchtelefoniert. In Stuttgart gab's dann tatsächlich eine Castingagentur, die so ziemlich jeden Hans und Franz aufgenommen hat - mich auch. Und gerade als ich meinen ersten Job haben sollte - einen "Micky Maus Lustige Taschenbücher"-Werbespot - , machte mir meine Mutter einen Strich durch die Rechnung: Ich hatte bitte gefälligst in die Kirchenfreizeit zu fahren, die nämlich war schon bezahlt. Und da saß ich dann spätabends am Lagerfeuer und war im großen Zwist mit der Welt und mir.

Wie ging es weiter?

Ich kam zurück und man hatte mir ganz ohne Casting den Werbespot reserviert. Das war damals für mich, als bekäme ich einen Oscar. Ich hatte Zugang zu meiner Traumwelt gefunden - bombastisch. Nach diesem Glück wird man süchtig.

Dem Regisseur Thomas Stuber haben Sie 2007 für seinen Film "Teenage Angst" einige Tausend Euro überlassen.

Auf diese Art und Weise habe ich doch in meine eigene Zukunft investiert, war nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent. Den Schuh des Mäzens lasse ich mir jedenfalls nicht anziehen. Hätte Thomas Stuber noch 1,5 Millionen gebraucht, dann hätte ich auch sagen müssen: "Tut mir leid." Aber es ist einfach schön, die Projekte, die einem am Herzen liegen, unterstützen zu können - auch finanziell.

Einige Tausend Euro sind ja auch kein Kleingeld.

Das war tatsächlich alles, was ich zur Verfügung stellen konnte. Aber ich habe gelernt, dass die Jahre, in denen ich was auf der hohen Kante hatte, nicht meine zufriedenen waren. Und solange ich allein bin und keine Familie zu ernähren habe, will und kann ich noch etwas wagen. Hätte ich berühmt werden wollen, wäre ich das schon. Dann hätte ich aber auch manch anderen Film gedreht und vor allem manches Projekt nicht gemacht. Ich bin ja so ein Phantom: Jeder hat schon mal den Namen gehört, aber niemand weiß, was genau ich mache.

Ist das ein Problem?

Früher wurde mir oft von Produzentenseite gesagt, dass ich noch zu unbekannt bin. Das gab mir schon zu denken. Den Produzenten geht es oft auch um Marktwert, eine prominente Besetzung ist oft auch entscheidend für Förderungen. Mir geht es vor allem um Inhalt - und ich muss versuchen, beides unter einen Hut zu bekommen. Ich arbeite zwar sehr viel, aber nach "Die Wolke" habe ich eher Ensemblefilme gedreht und weniger Kino.

Macht Ihnen das Angst?

Natürlich droht auch mir, dass ich den Mut verliere. Ich hoffe nur, dass mich dieser Moment niemals einholt. Im Prinzip ist es das gleiche Spiel wie bei der Liebe: Man sollte sich weder sehnen noch etwas erzwingen.

Sarah Lau

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