Alek Wek
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Alek Wek "Ich bin einfach anders"

Topmodel Alek Wek hat sich trotz dramatischer Kindheitserfahrungen ihr Lächeln bewahrt. An einem Nachmittag in Brooklyn öffnete sie GALA ihr Herz

Kartons, Packpapier, Farbtöpfe - bei Alek Wek herrscht Chaos. "Wir renovieren gerade", erklärt ihr Freund Riccardo verlegen. Seit vier Jahren lebt das Supermodel mit dem Italiener in einem hübschen Brownstone im New Yorker Stadtteil Fort Greene, Brooklyn. An diesem sonnigen Tag aber bittet sie GALA lieber zum Spaziergang durch die Nachbarschaft als ins heimische Durcheinander. Schon nach wenigen Schritten ist klar, dass die Anwohner ihre sudanesische Nachbarin bestens kennen. Freundlich winkt man sich auf der Straße zu, und als Wek am französischen Restaurant "iCi" vorbeikommt, bittet Besitzer Laurent Saillard Alek hinein. Bei Bio-Zitronenlimonade und Reispudding erzählt die Laufstegschönheit dann von ihrer schweren Kindheit und wieso sie jetzt ihr Leben in dem Buch "Nomadenkind" (Krüger Verlag, 19,90 Euro) beschrieb.

GALA: Warum leben Sie als Supermodel nicht im glamourösen Manhattan am Central Park?

Das hat sich so ergeben. Meine erste Agentin lebte hier in Fort Greene. Als ich immer öfter als Model in New York gebucht wurde, wollte ich nicht mehr in Hotels wohnen. Es war mein erstes eigenes Zuhause, und ich war aufgeregt. Deshalb wollte ich in der Nähe eines Menschen sein, dem ich vertraue.

GALA: Mittlerweile haben Sie sich offenbar bestens eingelebt. Die ganze Gegend scheint Sie zu kennen.

Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Dabei hat sich das Viertel ziemlich verändert. Mittlerweile ist es ja geradezu trendy, hier zu wohnen.

GALA: In Ihrem Buch "Nomadenkind" beschreiben Sie eindrucksvoll Ihre Flucht als Achtjährige aus dem Sudan nach London. War es schmerzhaft, sich zurückzuerinnern?

Sehr. Ich bin vor drei Jahren mit meiner Mutter für eine BBC-Dokumentation in den Sudan gefahren. Wieder zurück nach Waw, wo ich geboren wurde. Wo wir lebten, flüchteten und wo mein Vater starb. Es war das erste Mal, dass ich am Grab meines Vaters stand, sie sah nach 20 Jahren ihre Verwandten wieder. Es sind viele Tränen geflossen.

GALA: Morde, Straßenkämpfe, permanente Angst - wie haben Sie die grausamen Erlebnisse auf der Flucht verarbeitet?

Es hat Jahre gedauert. Als ich Model wurde und in fremden Städten in Hotels schlief, hatte ich oft Albträume. Ich hörte Geräusche und dachte an Gewehrschüsse oder gar Bomben. Beim Erwachen begriff ich, dass es nur die Pariser Müllabfuhr war. Aber das ist jetzt vorbei.

GALA: In Ihrem Buch schreiben Sie, erst im Rückblick hätten Sie verstanden, dass Ihre Familie arm war - Sie hätten sich immer für Mittelstandsangehörige gehalten. Dabei verfügten Sie in Waw weder über Strom noch Toiletten.

Aber wir hatten immer mehr als andere. Mitglieder meiner Großfamilie in Waw waren Ärzte, Lehrer, Regierungsangestellte. Wir hatten ein Haus mit Zinkdach statt aus Stroh. Die Eltern der anderen Kinder arbeiteten auf dem Feld, wir nicht. Wir waren einfach glücklich, und uns ging es gut.

GALA: Erinnern Sie sich an Ihre ersten Eindrücke, als Sie in England ankamen?

Allein die ganzen weißen Gesichter - das war wirklich faszinierend. Bei unserer Ankunft waren wir viel zu dünn angezogen und hatten kaum Gepäck. Es regnete, und es war schrecklich kalt. Meine Schwester empfing uns und sagte, für britische Verhältnisse sei es sogar warm (lacht).

GALA: Sie fegten in einem Friseursalon Haare zusammen, um Ihre Familie finanziell zu unterstützen. Und dann wurden Sie mit 19 plötzlich auf der Straße als Model entdeckt ...

Ich war mit einer Freundin unterwegs, als mich eine Dame ansprach und fragte, ob ich als Model arbeiten möchte. Ich fand die Idee total absurd. Ich fand mich nicht schön. Als Kind hatte ich Schuppenflechte, die erst durch die feuchte Luft in England zurückging. Die Kinder hänselten mich, weil ich so dunkel bin - sogar sehr dunkel für eine Sudanesin. Ich ein Model? Ich wusste nicht mal, wie all diese Mädchen in die Zeitschriftenwerbung und auf Plakatwände kommen.

GALA: Hatten Sie Probleme, sich in der Glitzerwelt der Mode zurechtzufinden?

Ich wurde sehr nett aufgenommen. Viele Menschen halfen mir, zum Beispiel dabei, einen richtigen Reisepass zu bekommen. Ich verpasste einmal sogar ein Shooting mit Richard Avedon für den Pirelli-Kalender, weil mir ein Visum fehlte. Furchtbar!

GALA: In den Danksagungen listen Sie Designer Karl Lagerfeld und Fotograf Steven Meisel auf, aber kein einziges Model. Haben sich keine Freundschaften ergeben?

Doch, schon. Aber backstage lassen sich schwer Freundschaften schließen, da alle gestresst sind, jeder sein Ding macht und nach der Schau wieder in die nächste Stadt jettet. Ich denke, zum Teil lag es auch an mir selbst, dass ich keine engeren Beziehungen geknüpft habe. Ich mag eben keine oberflächlichen Freundschaften für ein paar Wochen.

GALA: Smalltalk und Bürgerkriegserfahrungen passen auch nicht wirklich zusammen.

Richtig. Das ist wirklich kein Thema, das man zwischen Lockenwicklern und Haarspray abhandeln will.

GALA: Sie unterscheiden sich ohnehin von vielen Ihrer Kolleginnen. Sie haben mit Riccardo Sala keinen Prominenten, sondern einen Bauunternehmer zum Freund, sind keine Skandalnudel und veröffentlichen ein Buch über ihr dramatisches Leben statt über die bunte Fashionwelt.

Wenn Sie das so auflisten, dann wundere ich mich selbst. Aber mein Anderssein hat einfach mit meiner Familie zu tun. Ich bin geprägt von meiner Herkunft. Ich weiß, dass ich ein sehr privilegiertes Leben führe, und ich rede da nicht nur von Geld. Ich durfte in Freiheit aufwachsen. Ich konnte reisen, habe so wunderbare Menschen wie Karl Lagerfeld und John Galliano kennenlernen dürfen. Es wäre furchtbar für mich, durchs Leben zu gehen und mich nicht weiterzuentwickeln. Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben.

GALA: Nahezu einzigartig ist auch, dass Sie als Model Obsttörtchen und Reispudding verdrücken, während wir reden.

Das Tolle ist, dass ich nie zunehme, egal, wie viel ich esse. Ich habe offenbar eine gute Verbrennung. Aber nur für ein Foto würde ich ohnehin nicht hungern.

GALA: Und noch eine Besonderheit zeichnet Ihren Lebenslauf aus: Niemand weiß Ihren richtigen Geburtstag. Ihre Mutter konnte sich nicht erinnern, und so wählten Sie den 16. April, weil es hieß, Sie seien während der Regenzeit zur Welt gekommen. Feiern Sie das fiktive Datum?

Ich habe noch nie in meinem Leben Geburtstag gefeiert. Der Tag vergeht wie jeder andere auch. Keine Geschenke, keine Torte. Ich habe mich sicher verändert über die Jahre, aber in dieser Hinsicht bin ich das Mädchen aus Waw geblieben. Wir feiern den Geburtstag einfach nicht.

GALA: Wie sieht es mit eigenen Sprösslingen aus? Haben Sie Lust auf Nachwuchs?

Auf jeden Fall. Ich merke, dass ich langsam mütterliche Bedürfnisse entwickle. Ja, das wäre schon schön. Sobald es in den Zeitplan passt, will ich Kinder haben. Aber momentan bereite ich meine nächste Handtaschenkollektion vor und stecke mitten in der Promotion für mein Buch.

GALA: Wie sieht es mit Heiraten aus?

Riccardo macht so gewisse Andeutungen, als wolle er sagen: "Hey, ist es nach vier Jahren nicht langsam an der Zeit?" (kichert) Vielleicht fragt er mich ja bald.