Al Gore

Der Mann, der die Welt retten will

Am Amt des US-Präsidenten schrammte Al Gore knapp vorbei. Nun hat er eine neue Mission: den Menschen die Augen öffnen für die drohende Klimakatastrophe

Al Gore

Al Gore

GALA: In Washington wird gemunkelt, dass Sie 2008 ins Weiße Haus ziehen wollen. Stimmt's, Herr Gore?

: Dass in der politischen Presselandschaft gemunkelt wird, ist absolut normal - hier wird ständig über jeden und alles spekuliert. Ich kann nur sagen: Ich habe keine Pläne, zu kandidieren.

GALA: Warum? Sitzt die Enttäuschung über die knappe Niederlage 2000 immer noch zu tief?

Al Gore: Nein, ich habe nur mittlerweile andere Wege gefunden, der Welt dienlich zu sein. Ich engagiere mich für eine neue Kampagne. Und die heißt, Bürger und die der ganzen Welt zum Umdenken in Sachen Erderwärmung zu bewegen.

GALA: Sie wollen die Welt retten?

Al Gore: Stellen Sie sich vor, Sie gehen am Strand spazieren und finden eine Flaschenpost: "Hilfe! Es geht um Leben und Tod, egal wer diese Nachricht findet, bitte informiere die folgende Adresse." Da stellt sich doch auch niemand die Frage, ob er reagieren soll, sondern läuft sofort japsend los. Nun, die Nachricht, die ich bekommen habe, richtet sich an die Menschen dieser Welt. Es klingt zwar absurd, dass ausgerechnet dieser Hilferuf noch nicht wirklich weitergegeben wurde, aber ich werde genau das tun, immerhin steht die Zukunft unseres Planeten auf dem Spiel. Und das ist die Wahrheit, eine verdammt unbequeme sogar, die ein paar mächtige Interessengemeinschaften den Menschen vorenthalten wollen.

GALA: Auf wen genau spielen Sie an?

Al Gore: Erinnern Sie sich noch, als die Tabakindustrie alles dafür getan hat, um der wissenschaftlichen Erkenntnis zu trotzen und den Zusammenhang von und Krebs zu widerlegen? So ähnlich verhält es sich heute mit dem Zusammenhang von Kohlendioxidanstieg und globaler Erwärmung. Es gibt etliche Öl-, Kohle- und Energiekonzerne, die viel Geld ausgeben, um die Bürger darüber zu täuschen. Und die Politik ist so sehr von den Lobbyisten der Öl- und Automobilindustrie lahmgelegt, dass sich in Sachen Umwelt nichts bewegt.

GALA: Deswegen wenden Sie sich direkt an die Bevölkerung?

Al Gore: Genau. So lange kein entsprechender Druck von den Wählern kommt, wird sich an der erstarrten Haltung der Regierung nichts ändern. Wer 2008 ins einzieht, ist in seinem Handlungsspielraum bei der Klimapolitik von der Haltung der Menschen abhängig. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung nicht die Dringlichkeit erkennt, werden Politiker nicht den Mut haben, schwerwiegende Schritte zu machen. Sobald allerdings die Wähler darauf drängen, die Umwelt zum Hauptaugenmerk der Politik zu machen, wird diese folgen. Das sollte zwar nicht der Gang der Dinge sein, doch genauso läuft es. Also ist meine Mission, die Menschen aufmerksam zu machen, sie zum Umdenken zu bewegen.

GALA: Denken Sie, dass es überhaupt noch eine Chance gibt, den Planeten zu retten?

Al Gore: Ja. Tatkräftige Unterstützung bekomme ich gerade von einem neuen Beteiligten, der sich in die Debatte eingeklinkt hat. Eine überaus mächtige Stimme. Ihr Name: Mutter Natur. Nehmen Sie Hurrikan Katrina - er brachte Millionen von Menschen zum Umdenken. Über die Vorhersagen der Wissenschaft denken viele jetzt anders. Die hat schließlich schon lange erwiesen, dass Hurrikans immer häufiger und stärker auftreten, je stärker sich die Erde aufheizt. Denken Sie zudem an all die Küstenstädte und Länder, die durch Polarschmelze und ansteigende Meeresspiegel von verheerenden Überschwemmungen bedroht sind. Katastrophal!

Inzwischen hält Al Gore Vorlesungen an Universitäten und erntet - wie hier in Auckland - begeisterte Unterstützung junger Studen

Inzwischen hält Al Gore Vorlesungen an Universitäten - wie hier in Auckland - und erntet begeisterte Unterstützung junger Studenten

GALA: Wie kommt es, dass Sie sich derart engagiert für die Umwelt stark machen?

Al Gore: Wenn Sie all das gesehen und gehört hätten, was mir in meinem Leben begegnet ist, wären Sie genauso leidenschaftlich bei der Sache. Allein das Glück, vor 40 Jahren einen Lehrer wie Professor Roger Revelle am College gehabt zu haben, der mir die Gefahren der Erderwärmung aufgezeichnet hat. Mein Interesse für die Umwelt war ja bereits in meiner Kindheit geweckt worden. In den Sommerferien habe ich immer auf der Farm meiner Eltern gearbeitet, mein Vater hat mir gezeigt, wie man Land pflegt. Nach dem College dann wusste ich, dass die Erderwärmung mein Steckenpferd sein würde. Und schließlich ereigneten sich drei entscheidende Wendepunkte, die mich bis heute antreiben.

GALA: Und die waren?

Al Gore: Einer war meine Wahl in den Kongress, 1976. Damals entschloss ich mich, die globale Erwärmung zu meinem Hauptgebiet zu machen. Ein weiterer Wendepunkt war dann allerdings privater Natur. Vor 17 Jahren hatte mein Jüngster einen derart schweren Autounfall, dass er im Sterben lag. Damals verschob sich meine Lebensperspektive komplett. Auf einmal stellt man alles in Frage, überdenkt seine Prioritäten neu.

GALA: Mit welchem Ergebnis?

Al Gore: Nun, mein Sohn hat zum Glück überlebt. Ich habe mir damals geschworen, dass ich das Wohl meiner Familie künftig immer an erste Stelle setzen werde. Und das Wohl meiner Familie steht natürlich in engstem Zusammenhang mit dem Wohl dieses Planeten. Demnach war es nur ein logischer Schritt, den Klimawandel zu einem zentralen Thema meiner Politik zu machen.

GALA: Sie sprachen von drei Wendepunkten?

Al Gore: Ja, der dritte Einschnitt war die Präsidentschaftswahl. Das Amt ging nun mal nicht an mich, und so hatte ich Zeit, mich voll und ganz diesem Thema zu widmen.

GALA: Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, Sie hätten als Präsident der USA noch viel mehr für die Erde tun können?

Al Gore: Als wir 1994 die Kontrolle über den Kongress an die Republikaner abgeben mussten, beschränkte das bereits unsere Möglichkeiten. Dennoch hatte ich Erfolge. Ich selbst bin nach Kyoto gereist, habe damals geholfen, das Abkommen zum Klimaschutz auszuarbeiten. Und als es schon so aussah, als würden die Verhandlungen komplett abgebrochen werden, habe ich maßgeblich zum Durchbruch beitragen können. Als wir dann allerdings zurück in die USA reisten, konnten wir gerade mal einen Senator von hundert überzeugen, uns zu unterstützen. Das ist einer der Gründe, mich heute direkt an die Bevölkerung zu wenden - und an ein Umdenken zu glauben.

GALA: Besteht eine Chance, dass die jetzige US-Regierung doch noch dem Kyoto-Protokoll beitreten wird?

Al Gore: Unwahrscheinlich, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es wird einen Wendepunkt geben, die amtierende Regierung und selbst wird seine Einstellung zur Erderwärmung ändern. Umfragen zeigen, dass besonders die Jüngeren einen Wandel in der Umweltpolitik befürworten. Ich jedenfalls werde weiter versuchen, die Menschen aufzurütteln.

Star-News der Woche