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Hollywood in Berlin Toll! Niemand will ein Autogramm

Hollywood in Berlin. Megastars lieben die lässige Hauptstadt - als Drehort, Urlaubsziel oder sogar als Wohnsitz. GALA zeigt, was die deutsche Metropole jetzt so unwiderstehlich macht

"Kann es etwas Schöneres geben, als hier zu leben?" Susan Sarandons spontan ausbrechende Begeisterung am Rande einer Party bringt die aktuelle Stimmung in der Hauptstadt auf den Punkt: Nach Jahren des Umbruchs und der Selbstfindung ist Berlin im Olymp der Weltmetropolen angekommen. Sexy, pulsierend, voller Widersprüche - es gibt wohl kaum ein Fleckchen Erde, das derzeit aufregender ist. Kein Wunder, dass sich die US-Schauspielerin zwischen ihren "Speed Racer"-Drehtagen nur zu gern ins pralle Leben stürzt: Hippe Klamotten shoppen, die Kneipenkultur am Kollwitzplatz genießen oder mit der Schwulenszene im "Bangaluu" abfeiern - vom Treiben an der Spree bekommt Miss Sarandon offenbar nicht genug. Und damit befindet sie sich in bester Gesellschaft.

Die neue Strahlkraft beschert der Stadt nicht nur Touristenzahlen in Rekordhöhe - 2006 kamen fast 16 Millionen. Sie zieht auch immer mehr Weltstars in ihren Bann. Wie Angelina Jolie und Brad Pitt denkt beispielsweise Rupert Everett laut darüber nach, sich zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz eine Dependance zuzulegen. Eine Entwicklung, die den regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, 53, strahlen lässt. Aber er kann sich die Tendenz auch ganz nüchtern erklären: "In Berlin lebt es sich viel entspannter als in anderen Metropolen. Es ist vor allem die Kombination aus unaufgeregter Atmosphäre und prickelndem Flair, die internationale Gäste so sehr schätzen."

Dass Stars inzwischen zum Stadtbild gehören, eine Katie Holmes wie selbstverständlich durchs KaDeWe stöckelt oder John Cusack auf dem Mountainbike über den Gendarmenmarkt flitzt, hat allerdings auch einen anderen Grund. Denn sogar in Hollywoods Big Business dreht sich derzeit alles um Berlin. Fünf amerikanische Großproduktionen werden bis zum Spätherbst zeitgleich in der Hauptstadt produziert - von "Speed Racer" über das Tom-Cruise-Projekt "Walküre" bis zu "Der Vorleser" mit Nicole Kidman. "Die derzeitige Situation ist einmalig in der Geschichte unseres Studios nach der Privatisierung im Jahr 1992", analy­siert­ Carl Woebcken, Vorstandsvorsitzender der Studio Babelsberg AG. "Wir müssen zusätzliche Flächen anmieten, um die Nachfrage befriedigen zu können."

Neben optimalen Drehbedingungen, hochqualifiziertem Personal und den vielen unverbrauchten Filmsets begeistern laut Woeb­cken vor allem der Charme und die Bodenständigkeit Berlins und seiner Bewohner die US-Filmschaffenden. Aber auch der neue deutsche Filmförderfonds spielt eine wichtige Rolle. Bis Ende 2009 stellt die Bundesregierung jährlich 60 Millionen Euro für Produktionen zur Verfügung. Geld, das gut angelegt ist, denn rund 2.5 Milliarden Euro wird das Umsatzvolumen der regionalen Studios in diesem Jahr voraussichtlich betragen. Einziger Wermutstropfen: Das Autofahren in der Hauptstadt entwickelt sich zur Geduldsprobe. Für befristete Parkverbote oder Straßensperrungen wegen Dreharbeiten sind allein im August 350 Anordnungen erlassen worden, so viele wie nie zuvor.

Widrigkeiten, über die man in der 3.4 Millionen-Einwohner-Metropole meist hinwegsieht. Viel zu gut steht Berlin derzeit da, um sich von Staus die Laune verderben zu lassen. Zwei Prozent Wirtschaftswachstum prophezeien Experten für das laufende Jahr. Das sei zwar noch unter dem Bundesschnitt, "aber mittelfristig wird die Stadt in der Spitzengruppe der Länder liegen", sagt Dieter Puchta, Chef der Investitionsbank Berlin. Das private Wachstum ist längst spitze. In den ersten fünf Monaten des Jahres stieg die Zahl der Geburten in Berlin um rund fünf Prozent an. Nirgendwo in Deutschland gibt es bessere Zahlen.

"Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kreativität", sagt Werbefilmproduzent Stephan Fruth. "Mit so vielen kulturellen Einflüssen wirkt sie höchst inspirierend. Für mich wird hier der europäische Spirit perfekt über­tragen. Berlin ist jung, dynamisch, voller Lebenslust." Auch Kai Simon, PR-Manager des "Hotel de Rome", schätzt die Vielfalt der Metropole, in der es inzwischen rund 90.000 Hotelbetten gibt, 15.000 mehr als in New York. Berlin überrasche täglich aufs Neue, sei niemals fertig: "Die Kultur-, Restaurant- und Clubszene ist unglaublich spannend. Locations wie das 'Weekend' oder das 'Grill Royal' sind einzigartig."

Weiteres Plus: Das Leben ist bezahlbar, geradezu billig im Vergleich zu New York oder Paris. Doch wie lange noch? Der Immobilienmarkt erlebt derzeit einen Ansturm ausländischer Investoren. Hier können sie noch Objekte für eine Million Euro erwerben, die in London in entsprechender Lage und Größe das bis zu Fünfzehnfache kosten würden. Auch die vielen Widersprüche im Stadtbild fesseln die kosmopolitischen Stars. Plattenbau meets Glamour. Wo sonst gibt es das?

Zur quicklebendigen internationalen Infrastruktur passt das liberale und von Gelassenheit geprägte Klima. Fast unbehelligt können Megastars am ganz normalen Alltag teilhaben, auch mal ohne Bodyguards und Entourage durch die Stadt bummeln. "Der Berliner fragt nicht nach einem Autogramm oder schießt Erinnerungsfotos mit seinem Handy", hat PR-Manager Kai Simon im Laufe der Zeit festgestellt. "Hier herrscht das typische New-York-Feeling: Die Leute kümmern sich um ihre eigenen Sachen, und deshalb gibt's kein großes Bohei, wenn im "Bocca di Bacco" plötzlich Matt Damon am Nebentisch sitzt."

Klaus Wowereit kann das bestätigen. Erst kürzlich war er mit Katie Holmes, Tom Cruise, Roland Emmerich und Sebastian Koch im "Borchardt" essen, aber kaum einer hat es gemerkt. "Genau das liebe ich an meiner Stadt", sagt der Politiker schmunzelnd. "Da sitzt du am Tisch in einer Runde zusammen, den du selbst in Hollywood nur schwer zusammenkriegst - und die anderen Gäste interessiert es nicht."