Heidi Klum

Eine Handvoll Hoffnung

Hautnah erlebte Heidi Klum die Spätfolgen des Erdbebens auf Haiti, sah, was funktioniert und was fehlt - eine Reise zwischen großer Trauer und kleinem Glück. Exklusiv für "Gala" schrieb sie ihre Erlebnisse auf

Heidi Klum

Die Welt rückte zusammen,

als sie vor fast drei Jahren die zerstörerischen Auswirkungen des Erbebens auf sah. Wir versprachen den Haitianern, ihnen beim Wiederaufbau zu helfen, sie dabei zu begleiten. Als ich Ende Oktober nach Haiti reiste, ging ich deshalb fest davon aus, die Fortschritte und Verbesserungen von drei Jahren unermüdlichem Engagement zu sehen. Stattdessen wurde mir klar, dass bei Weitem nicht alles so lief, wie erhofft: Mit der Zeit haben wir schlicht und einfach unsere Entschlossenheit verloren. Es ist eine Erfahrung, die ich niemals vergessen werde. Ganz ehrlich: Ich bin schon in viele Länder mit großer Bevölkerungsarmut gereist. Ich war in Indien, der Mongolei, Brasilien und einigen Teilen Afrikas - doch niemals habe ich eine solche Zerstörung wie in Haiti gesehen. Unsere Hilfe wird dringend gebraucht. Und echten Wandel erreicht man meiner Meinung nach vor allem dann, wenn man den jüngsten Betroffenen hilft: den Kindern. Genau das ist einer der Gründe, warum die Arbeit von Unicef in Haiti so wichtig ist - von der ich mich selbst überzeugen durfte.

Charity

Helfende Hände aus Hollywood

Chris Hemsworth hat einen Großteil seines Lebens rund um das salzige Nass verbracht. Es liegt nahe, dass der Hollywoodstar sich für Erhaltung der Ozeane einsetzt, in dem er Menschen auf die Gefährdung durch Plastikmüll aufmerksam macht.
Topmodel Toni Garrn macht sich schon sehr lange stark für die Rechte von Mädchen in Entwicklungsländern. Besonders Afrika hat es ihr angetan. Sie ist Botschafterin der Organisation "Plan International" und engagiert sich mit einer eigenen Stiftung vor allem für bessere Bildungschancen von Mädchen in Simbabwe.   
Jana Ina Zarrella uns Pietro Lombardi haben Spaß beim Kickern. Umso schöner, dass die beiden dabei einem guten Zweck dienen: Nämlich dem Charity-Event "Lass und lachen" im Einkaufszentrum "Mall of Berlin".
Oliver Pocher und Pietro Lombardi helfen gerne mit, wenn es um Kinder in Not geht...

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Im Elendsviertel
Viele Hollywood-Stars und Freunde von mir engagieren sich in Haiti. Gleich am Flughafen begegneten wir zum Beispiel der Designerin . verbringt viel Zeit hier, sie bringt den Leuten bei, Kunsthandwerk zu produzieren, das sie dann mit ihrer Urban Zen Foundation exportiert und in Geschäften in New York und Los Angeles verkauft (www.urbanzen.org). Ich bewundere ihren Einsatz für Haiti sehr. Meine erste Station nach der Landung war Cité Soleil. Mit seiner Armut und seinen Straßen-Gangs ist dieses Elendsviertel von Port-au-Prince laut den Vereinten Nationen einer der gefährlichsten Orte der Welt. Bis vor Kurzem konnten Helfer diese Gegend nicht ohne bewaffnete Beschützer besuchen. Einschusslöcher in den Wänden zeugen noch heute davon. Auch das Team, das uns begleitete, warnte uns, dass wir die Gegend bis spätestens 16.15 Uhr wieder verlassen müssten. Nach Anbruch der Dunkelheit würde es für uns zu gefährlich werden. Niemals zuvor habe ich mich so unsicher gefühlt. In Cité Soleil habe ich ein After-School-Program besucht. Kinder können dort lesen, spielen, singen und malen - statt sich auf den Straßen rumzutreiben. hat das Programm entworfen, um für Kinder einen sicheren Ort zu schaffen, an dem sie sich außerschulisch fortbilden können. Wobei es dort kaum Ausrüstung gibt - nicht einmal Tische oder Stühle! Die meisten Kinder saßen stattdessen auf Papiertüchern, von denen ich annehme, dass sie nur anlässlich meines Besuchs ausgebreitet worden waren. Ein karger Ort - der dennoch Hoffnung macht: In einem Zimmer sah ich Kinder, die Bücher in ihren Heimatsprachen lasen, in Französisch und auf Kreolisch. In einem anderen Raum wurde gebastelt, mit nichts anderem als weißem Papier und Klebstoff.

Hauptsache, die Kinder müssen sich nicht auf der Straße rumtreiben: Heidi beim Besuch eines Jugendzentrums in Cité Soleil. Hier

Hauptsache, die Kinder müssen sich nicht auf der Straße rumtreiben: Heidi beim Besuch eines Jugendzentrums in Cité Soleil. Hier lesen und basteln die Kinder.

Vor Ort erfuhr ich, dass 60 Prozent der Frauen auf Haiti ihre ersten sexuellen Erfahrungen unfreiwillig machen. Viele Kinder, die ich sah, waren die Ergebnisse solcher Übergriffe. Diese Vorgeschichte im Kopf zu haben ist unfassbar traurig, auch wenn die Kinder selbst nur Heiterkeit verbreiten. Sie forderten mich zum Tanzen auf, wollten spielen und lachen. Und wissen Sie was? Wir hatten einen Riesenspaß. Eine weitere Station unserer Reise war ein kleiner Kunsthandwerksbetrieb. Die Menschen dort machten metallene Bilderrahmen aus alten Öltanks. In einer anderen Werkstatt sah ich Frauen bei der Herstellung von Handtaschen und Geldbörsen zu. Junge Mädchen verzierten diese mit Pailletten, von denen jede einzeln aufgenäht wurde. Ich begegnete talentierten Menschen, die eine besondere Kunst beherrschen: Sie besitzen so gut wie nichts, doch aus dem wenigen, das sie haben, schaffen sie einzigartige Dinge.

Die Frühchen-Station
An nächsten Tag besuchte ich die Neugeborenen-Station der Universitätsklinik von . Selten habe ich etwas so Trauriges erlebt: Die Station bestand aus gerade einmal zwei Räumen, die aber waren übervoll mit früh geborenen Säuglingen. Die nötige Ausrüstung, um die Babys gesund und am Leben zu halten, gibt es nicht. Dabei ist der Chefarzt dort, Dr. Dodley Severe, ein unfassbar engagierter Mann. Er arbeitet hart, um den Frühchen mit den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen. Bei meinem Aufenthalt dort wogen die meisten Babys gerade mal anderthalb Kilogramm und lagen in kaputten Inkubatoren. Um sie warm zu halten, wurden die kleinsten Babys in ganz normale Plastiktüten gewickelt und dann mit Decken eingehüllt. Das ist wahrlich nicht viel - aber es wärmt immer noch besser, als wenn sie in einem der normalen Babybetten liegen würden, erklärte mir Doktor Severe.

Heidi Klum beim Besuch des "Kangaroo Mother Care Program" von Unicef. Mütter und Väter lernen hier, die Babys ganz eng am Körper

Heidi Klum beim Besuch des "Kangaroo Mother Care Program" von Unicef. Mütter und Väter lernen hier, die Babys ganz eng am Körper zu tragen, um ihnen Wärme und Geborgenheit zu geben.

Eines der Babys dort weinte besonders laut und herzzerreißend. Die Mutter hatte das Mädchen vor ein paar Tagen in der Klinik abgelegt und verlassen, seitdem war es ganz allein. Es lag dort in seinem eigenen Kot und Urin. Ich bat um ein Handtuch und ein Fläschchen mit Milch, damit ich es säubern, auf den Arm nehmen und füttern konnte. Sobald ich es hochhob, hörte das Mädchen auf zu weinen. Für den Rest des Tages hielt ich es auf meinem Arm. Ich blickte in dieses winzige, wunderschöne, unschuldige Gesicht. Mein Herz wurde schwer, als ich es irgendwann wieder ins Bettchen legen und mich verabschieden musste. Ich denke häufig an dieses Mädchen und frage mich: Wird sie es wohl schaffen? Es ist einfach erschütternd zu sehen, wie die Menschen in Haiti leben und leiden, wie komplett anders diese Welt von meiner eigenen ist. Und das nur vier Flugstunden von New York City entfernt. Die Mütter-Hilfe
Wir besuchten auch das "Kangaroo Mother Care Program". Der Gedanke dabei ist, dass Mütter ihre nackten Babys direkt auf der nackten Haut tragen. Das nämlich hilft den Frühchen dabei, warm zu bleiben, sie nehmen mehr Muttermilch zu sich, und es lässt sie regelmäßiger schlafen und Gewicht zulegen. Mir war das bereits bekannt, aber hier in Haiti ist es etwas komplett Neues. Später besuchte ich ein Unicef-Ernährungszentrum in einer der Zeltstädte. Um dorthin zu gelangen, fuhren wir viele Kilometer lang an Unterkünften vorbei, die einzig aus Plastikplanen bestehen und auf Holzplanken errichtet worden sind. Als wir dann endlich beim Ernährungszentrum ankamen, sahen wir Frauen, die in langen Schlangen auf Einlass warteten. Einmal ins Gebäude gelangt, mussten sie sich erneut einreihen, geduldig warteten sie auf ihre Behandlung: ein Meer von Müttern mit Kindern, die meisten ohne Schuhe und in dreckigen Kleidern.

Sehr tapfer! Die meisten Kinder im Unicef-Ernährungszentrum weinen,
wenn sie gewogen werden - aber die kleine Francesca ist abge

Sehr tapfer! Die meisten Kinder im Unicef-Ernährungszentrum weinen, wenn sie gewogen werden - aber die kleine Francesca ist abgelenkt von ihrer berühmten Besucherin.

Der Hauptraum des kleinen Gebäudes ähnelt einem Klassenzimmer. Das Zentrum ist als eine Art Versorgungszentrale für Mütter gedacht, auf einem großen Tisch stapelten sich die Hilfsgüter - Nahrungsergänzungspulver, Impfungen, Vitamine. Mitarbeiter waren permanent damit beschäftigt, Fliegen von den Vorräten zu vertreiben. Die Mütter dort bekommen eine Karte, die sie und ihre Kinder identifiziert und die sie immer bei sich tragen. Sie kommen alle zwei Wochen ins Zentrum, um ihre Kinder wiegen und vermessen zu lassen. Auch wenn die meisten Babys schreien, wenn sie in die blauen Wiegesäcke gelegt werden: Die permanente Überwachung hilft dabei, die Entwicklung der Kinder besser im Blick zu haben. Denn wenn ein Kind seit seiner letzten Untersuchung keine Fortschritte gemacht hat, bekommt es ein Nahrungsergänzungsmittel, das "Plumpy'nut" genannt wird, eine auf Erdnüssen basierende Paste. Ein weiterer Raum wird zur Aufklärung genutzt. Helfer erklären hier Neu-Müttern, wie wichtig es ist, den Kindern die Brust zu geben. Denn aus irgendeinem Grund gab es vor Jahren eine Kampagne in Haiti, die das Gegenteil behauptete und den Müttern empfahl, lieber mit Milchpulver zu füttern. Gegen dieses Vorurteil muss nun angekämpft werden. Unicef hilft dabei, den Müttern diese ursprüngliche und vernünftige Art der Ernährung wieder näherzubringen.

So traurig die Lebensgeschichten vieler Haitianer auch sind, so überwältigt
war Heidi Klum von der Fröhlichkeit und Lebenslust d

So traurig die Lebensgeschichten vieler Haitianer auch sind, so überwältigt war Heidi Klum von der Fröhlichkeit und Lebenslust der Kinder.

Mein Fazit
In den vergangenen Jahren wurden mithilfe von Spenden bereits unzählige Kinderleben gerettet. Aber das Land braucht nach wie vor unsere Unterstützung. Genau wie Unicef bin ich davon überzeugt, dass keinem einzigen Kind auf dieser Welt eine Ausbildung verweigert werden sollte. Kein Kind sollte unterernährt sein, kein Kind ausgebeutet werden, kein Kind sollte aus irgendeinem Mangel heraus sterben müssen. Die Kinder von Haiti sind das wertvollste Gut dieses leidenden Landes.

Wie groß die Not ist, zeigt auch dieses Erlebnis: Als ich Haiti verließ, hatte ich drei große Tüten mit Nüssen und Snacks im Gepäck. Ich dachte, ich gebe sie lieber meinem unglaublich dünnen Gepäckträger am Flughafen, statt sie mit nach Hause zu nehmen. Dankbar nahm er das Geschenk an. Umso erschütterter war ich, als ein Sicherheitsmann die Sachen nur Sekunden darauf konfiszierte, er nahm sie dem Mann ab und behielt eine der Tüten für sich selbst. Wer aus der Ferne helfen will, dem rate ich deshalb: Am sinnvollsten ist eine Geldspende an Unicef. Sachspenden, die direkt an Krankenhäuser geschickt werden, kommen viel zu häufig nicht an. Die Bürger von Haiti sind so verzweifelt, dass die Zollmitarbeiter häufig Pakete öffnen und für sich behalten. Oft wurde ich in den vergangenen Tagen auch gefragt, warum ich in ein anderes Land gereist bin und mich nicht einfach in den USA oder in Deutschland engagiere - denn auch dort gebe es schließlich hilfsbedürftige Menschen und Projekte. Ich tue das auch: Ich unterstütze das Children’s Hospital Los Angeles, die HIV-Charity "Gods Love We Deliver", die Krebsforschungs-Unterstützer von "Stand Up To Cancer" und auch das Bethanien-Kinderdorf in Bergisch Gladbach - um nur einige Beispiele zu nennen. Aber ich verstehe mich als Weltbürgerin, und ich glaube daran, dass wir eine Weltgemeinschaft sind. Dass wir auch Menschen außerhalb unserer eigenen Länder helfen sollten, erscheint mir selbstverständlich.

Wenn auch Sie helfen wollen, dann können sie unter www.unicefusa.org/donate spenden. Oder überweisen Sie an Unicef, Spendenkonto 300 000 bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 37020500, Stichwort: Haiti. Sachspenden bitte an Unicef, 125 rue Faubert, Pétion-Ville, Haiti. Jeder noch so kleine Beitrag hilft.
Vielen Dank, Ihre Heidi

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