Casting

Warten für ein wenig Ruhm

Wer berühmt werden will, muss warten. Jedenfalls beim Casting für den neuen Quentin-Tarantino-Film "Inglorious Bastards. Rund 7000 willige Wehrmachts-Komparsen hofften in Potsdam auf ihre große Chance

Filmstudios Babelsberg

Filmstudios Babelsberg

Aus dem Rucksack des jungen Mannes mit der Bundeswehr-Uniform lugt eine Gewehr-Attrappe. Mit einem Ruck spannt er seinen Körper und schlägt die Hacken seiner Stiefel zusammen. Er führt seine rechte Hand an die Stirn: "Da bin ich. Genau mich habt ihr gesucht."

Nico Koch steht in der August-Bebel-Straße in Potsdam und wartet. Er wartet am Ende einer rund 600 Meter langen Schlange auf den Einlass in die Babelsberger Filmstudios. Er wartet auf die Chance für ein kleines bisschen Ruhm. Er wartet mit rund 7000 anderen.

Sie alle warten, weil Quentin Tarantino ganz in der Nähe weilt. Der Kult-Regisseur hat Berlin in Beschlag genommen, um seinen neuen Kriegsfilm "Inglorious Bastards" zu drehen. Die Hauptrollen wurden mit Brad Pitt, Daniel Brühl, Til Schweiger und Diane Kruger bereits prominent besetzt. Nun fehlen noch willige Wehrmachts-Komparsen. Und genau die werden an diesem sonnigen Tag im Spätherbst gesucht: Vorrangig männlich, zwischen 20 und 45 Jahren, gerne blond, gerne mit militärischer Ausbildung. Auch Menschen mit Handicaps wie amputierten Armen oder Beinen sind gerne gesehen. Künstliche Fingernägel, Solariumbräune und Piercings sind tabu.

Am Ende der rund 600 Meter langen Schlange posiert Nico Koch mit seiner Gewehr-Attrappe

Am Ende der rund 600 Meter langen Schlange posiert Nico Koch mit seiner Gewehr-Attrappe

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Nico Koch ist blond, mit seinen 31 Jahren im entsprechenden Alter und er zieht bei seiner Arbeit als Waldarbeiter im Forst Tegel auch schon mal seine Bundeswehr-Uniform an. Aus seiner linken Westentasche kramt er einen fein säuberlich gefalteten Zeitungsausschnitt hervor. "Dreh mit Brad Pitt und Quentin Tarantino" ist darauf zu lesen. Auf einem Zettel hat er seine Maße notiert, so wie die Casting-Agentur es in dem Artikel verlangt hat. "90-70-90. Als Mädchen wär' ich ganz gut", spaßt er. Langsam lässt er seinen Rucksack von der rechten Schulter rutschen und stellt ihn auf dem Boden vor sich ab. Er zieht das Plastik-Gewehr heraus und fuchtelt damit herum. Alles Positionen, die er während seiner Zeit bei der Bundeswehr gelernt hat. Seine militärische Ausbildung hat er sich extra noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Berühmt werden will Nico nicht. Aber seinen Jungs in der Videothek seinen Film zu zeigen oder "in Wehrmachtsuniform auf einem LKW durch die Stadt zu fahren, würde schon Bock machen." Gerne würde er einen Bösewicht spielen, in keinem Fall aber einen Verräter. Vielleicht einen deutschen Soldaten. "Hauptsache, ich bin nicht nur eine Sekunde zu erkennen, wenn man mir die Kehle von hinten an einem Wachhaus durchschneidet. Wenn ich es in den Film schaffe, soll man mich auch erkennen können."

Er verstaut das Gewehr in seinem Rucksack. Aus einer Seitentasche zieht er eine Dose Bier und öffnet diese. Er trinkt den ersten Schluck ab und gesellt sich zu seinen Freunden zurück in die Schlange. Bis zum Einlass sind es noch mehrere hundert Meter und etliche Stunden.

Wartende Menschen so weit das Auge reicht

Wartende Menschen so weit das Auge reicht

Guido Möllenbeck hat das Warten bereits hinter sich. Als einer der ersten stand er frühmorgens in der Schlange, nach sechs Stunden Autofahrt und noch vor offiziellem Beginn des Castings. Der 35-Jährige steht am Ausgang der Filmstudios. Er atmet tief ein und lächelt zufrieden. Tarantino findet er gut. Für Tarantino würde er sich im Film sogar von einer Handgranate zerfetzen lassen. In der Hand hält er einen Zettel mit der Nummer 3119. Den hat er von einer Frau direkt am Eingang bekommen, als er vor einigen Stunden durch das silberne Eingangstor schritt.

Ein Sicherheitsmitarbeiter in gelber Weste sorgt hier für Ruhe und Ordnung. In regelmäßigen Abständen winkt er fünf Wartende hindurch. Nie mehr, manchmal weniger. An zahlreichen Dixie-Klos geht es vorbei zur nächsten Schlange, die Einlass in ein großes weißes Zelt gewährt. Im Inneren gibt es viele Bierbänke und noch viel mehr Fragen, die mit blauem Kugelschreiber auf weißen Zetteln beantwortet werden wollen. Die Casting-Agentur will es ganz genau wissen: Neben Körpermaßen, die bei Nichtwissen auch mal schnell von fleißigen Helferfingern genommen werden, ist auch das Haustier, das Fahrrad oder die festliche Kleidung im heimischen Schrank von Interesse.

Als nächste Station passieren die Kandidaten eine riesige Halle namens "Stage 9". Ein gelbes Schild erinnert vor dem Betreten daran, dass Lächeln bitte nicht zu vergessen. Die Halle ist hell erleuchtet. Immer wieder blitzt es. Vier Fotografen fotografieren hier vor vier weißen Leinwänden. Wie am Fließband. Erst das Gesicht, dann den Körper, dann noch mal mit der Nummer vor der Brust. "Danke. Bitte. Der Nächste dann, ja?!"

Kein Vorsprechen. Kein Quentin Tarantino. Kein Gefühl von Hollywood. Für Guido gleicht das Casting einer Massenabfertigung. Am Ausgang von Halle 9 hat er eine Infobroschüre in die Hand gedrückt bekommen. "So geht es nach dem Casting weiter" - steht dort in nüchternen schwarzen Lettern auf schwarzem Papier. Ende November, Anfang Dezember wird er erfahren, ob er eine der begehrten Komparsen-Rollen erhält. Falls nicht spendet die Broschüre bereits jetzt Trost: "PS: Sollten wie Sie nicht anrufen, seien Sie bitte nicht böse!"

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