Boris Becker
© Reuters Boris Becker

Boris Becker Eine deutsche Tragödie

Mit seinen privaten Eskapaden zerstört Boris Becker in Rekordgeschwindigkeit den eigenen Mythos. Jetzt bringt er eine zweifelhafte Biografie heraus. Protokoll einer Selbstdemontage

Der Mann, der mal Boris Becker war, betritt das Wiesn-Festzelt "Hippodrom" auf dem Oktoberfest. Die Fotografen blitzen. Die Menge johlt. Aber irgendetwas ist verrutscht an diesem Auftritt. Becker erinnert in seiner Tracht mehr an den Fantasie-Uniformen tragenden Michael Jackson als an den 17-jährigen Burschen, der das größte Tennisturnier der Welt gewann und in den sich ganz Deutschland sturzverliebte. Er sieht aus wie seine eigene Wachsfigur. Leer. Irgendwie entkernt. Als wäre der deutsche Held nur noch eine Hülle, ein Hologramm. Manchmal hilft es in so einem Fall, die Augen zusammenzukneifen. Die Umrisse verschwinden, und man sieht den Menschen wieder so, wie man ihn in Erinnerung hat. Bei Boris Becker klappt das nicht. Leider. Stattdessen wird es finster.

Becker genießt seinen Auftritt trotzdem. Er gibt den gestressten Superstar. Das kann er gut. "Keine Interviews!" Wie ein Schwamm saugt er die Aufmerksamkeit auf. Wahrscheinlich sind das die Momente, die ihn - glaubt man seinen Bekannten - immer häufiger dazu bringen, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen. "Ein Boris Becker …"

Boris Becker: Wenn Boris Becker auf dem Court stand, saß Deutschland vor dem Fernseher: 1985 gewann der damals 17-jährige Leimener als jüngster Spieler das Turnier von Wimbledon. Noch heute versucht er mit allen Mitteln, von diesem Ruhm zu zehren.
© ReutersWenn Boris Becker auf dem Court stand, saß Deutschland vor dem Fernseher: 1985 gewann der damals 17-jährige Leimener als jüngster Spieler das Turnier von Wimbledon. Noch heute versucht er mit allen Mitteln, von diesem Ruhm zu zehren.

Wer sich selbst ständig begeistert von außen betrachtet, ist nicht mehr in der Lage, die Meinung anderer zuzulassen. Schon gar nicht, wenn jene kritisch ist. So entgeht Becker, dass die Schaulustigen sich nicht aus Ehrfurcht um ihn scharen. Sondern weil sie in ihm eine traurige Gestalt sehen, von der man ungefragt ein lustiges Handy-Bild schießen kann. Man will nicht den Wimbledon-Champion, die Legende, sondern den Besenkammer-Boris. Den Ex von Oliver Pochers Ex. Den schlechtesten Twitterer der Welt. Und: Ist er wirklich so dick geworden? Die Menschen erinnern an Gaffer, die einen Autounfall bestaunen. Ein junger Mann in grünen Lederhosen ruft: "Früher Bum-Bum, heute dumm-dumm!" Gelächter. Boris hört das nicht. Er zieht mit seiner Entourage in seine Wiesn-Box.

"Boris hat es verlernt, positive von negativer Aufmerksamkeit zu unterscheiden", sagt ein alter Weggefährte zu "Gala". "Es ist tragisch. 'Any PR is good PR!' antwortet er, wenn man ihn danach fragt." Becker liebt englische Faustregeln, die das komplizierte Leben auf einen einfachen Hauptsatz herunterbrechen. So lebt es sich leichter. Den goldenen Grundsatz der Queen hat er sich leider nicht draufgeschafft: "Never complain, never explain!" - sich niemals beschweren, niemals erklären.

Stattdessen bringt Becker jetzt ungefragt seine bereits zweite Autobiografie heraus. Bis zum Erscheinungsdatum darf über den Inhalt des Buches nicht berichtet werden. Das untersagt Beckers Verlag. Aber einiges sickerte schon vorher durch. Nur so viel: Ein literarisches Meisterwerk sollte man nicht erwarten. Stattdessen arbeitet sich Becker kapitelweise an seinen Ex-Frauen ab. Babs, Sandy, Angela und so weiter … Wie es allerdings mit seinem Selbstverständnis als "Gentleman" korrespondiert, die Mutter seiner Kinder Noah und Elias als durchtriebene Shopping- und Party-Queen zu zeichnen, weiß nur er. Der Möglichkeit, einmal ungefiltert alles so zu sagen, wie es ihm passt, konnte Becker wohl nicht widerstehen. Genau so soll sich das Buch auch lesen. Reflexion, Einkehr, Selbstkritik, Empathie? Fehlanzeige. Stattdessen: Meine Frauen, meine Geschäfte, meine Finca!

Boris Becker: Liebstes Hobby: Boris Becker nutzt seinen Twitter-Account mit teils recht eigenwilligen Statements zur Selbstdarstellung.
© http://instagram.com/borisbeckerofficialLiebstes Hobby: Boris Becker nutzt seinen Twitter-Account mit teils recht eigenwilligen Statements zur Selbstdarstellung.

Becker pur - im unvorteilhaftesten Sinne. Problematisches Frauenbild inklusive. In Beckers Universum scheint es ein existenzielles Anliegen wirklich jeder Frau zu sein, die Nächste an seiner Seite zu werden. Doch das tragische an diesem Buch ist nicht sein unterkomplexer Inhalt. Bemerkenswert ist vielmehr, dass Becker ernsthaft glaubt, mit garstigen Lästereien das Bild von sich in der Öffentlichkeit zu verbessern.

Verlegt wird das Werk von der Herbig-Verlagsgruppe. Die großen Häuser hatten wohl kein Interesse. Ein Kenner der Buchbranche zu "Gala": "Die Becker-Bio wird wie das Buch von Bettina Wulff laufen: Große mediale Aufmerksamkeit - aber der Abverkauf wird enttäuschend sein."

Dabei waren die Aussichten für die Post-Tennis-Karriere einst mehr als rosig. Rückblende: "Gala" traf Boris Becker, kurz nachdem er 1999 seine Laufbahn als Profi beendet hatte, im Restaurant "Il Giardino" in Ascona. Er wirkte entspannt und souverän, weltmännisch, dabei angenehm bescheiden. Ein echter Star, der das Zeug dazu hatte, eine lebende Legende zu werden. Ein ganz Großer, dessen Stimme Gewicht haben könnte. Ein deutscher Muhammad Ali, vielleicht. Die Scheidung von Barbara hatte er gerade überstanden, er war offen für Neues, privat und beruflich. Man traute ihm an diesem Nachmittag alles zu.

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