Angelina Jolie
© Reuters Angelina Jolie

Angelina Jolie Sie hat kaum Freunde - aber wenigstens eine Überzeugung

Angelina Jolie bewegt sich mit ihrem Gutmenschen-Image auf einem schmalen Grad. So spannend Klatsch über sie ist, so schnell schalten Menschen ab, wenn es zu wohltätig wird. Das führt zu absurden Szenarios, auch in der Berichterstattung. Ein Kommentar

Seit 15 Jahren arbeitet Angelina Jolie professionell für und mit den Medien. Seit fast zehn Jahren arbeitet sie für die Flüchtlingshilfe der Uno, UNHCR. Ein Wunder, dass sie sich das immer noch antut. Denn wie sie es auch anfängt, sie erntet selten Lob und oft Kritik. Wenn ihre Botschaft denn überhaupt wahrgenommen wird. Aktuellstes Beispiel ist ihre Reise in die Überschwemmungsgebiete von Pakistan. Anfang August wurde Pakistan von einer Flutkatastrophe getroffen, die nach Aussagen vieler Hilfsorganisation und der UN die schlimmen Auswirkungen nach dem Tsunami 2004 bei weitem übertrifft. Millionen Menschen sind betroffen, heimatlos, auf der Flucht. Leider findet das weniger Aufmerksamkeit in der Welt, als sich die Helfer erhofft haben.

Die Lage in Pakistan ist schwierig: Millionen Menschen sind von der Flut um ihr Hab und Gut gebracht
© ReutersDie Lage in Pakistan ist schwierig: Millionen Menschen sind von der Flut um ihr Hab und Gut gebracht

Schon während ihrer Pressearbeit für den Thriller "Salt" erwähnte Jolie die Not der Pakistani, schilderte dass sie gespendet habe, dass sie versuchen wolle, in ihrem Zeitplan Platz zu finden für einen Besuch in Pakistan. Immerhin ist Jolie Sonderbotschafterin der Flüchtlingshilfe, seit Jahren und aus Überzeugung. Die Reaktionen in Klatschblogs und Artikelkommentaren: Neue Adoptionsgerüchte - ein Kind aus Pakistan vielleicht? Lästereien über eine Spendensumme von 100.000 Dollar, wenn das Paar Jolie-Pitt doch zeitgleich angeblich Millionen für eine Villa in Italien ausgeben soll. Ganz so, als habe Angelina den Auftrag, die Welt im Alleingang zu retten.

Nun befindet sich die 35-Jährige seit Wochenbeginn in Pakistan. Dort besuchte sie ein Flüchtlingscamp, sprach mit Betroffenen, traf Premierminister Gilani und nutzte jede Gelegenheit, um durch ihre Anwesenheit aussagestarke Bilder aus den Flüchtlingslagern mit dem Promifaktor, der sie erst massentauglich macht, zu versehen. Dem Nachrichtensender CNN gab sie ein zwölfminütiges Interview und erzählte von ihren Erlebnissen in Pakistan. Nach knapp zehn Minuten wird Jolie gefragt, ob sie denn mit Familie und Freunden ausgiebig über ihre Erlebnisse in den Krisenländern rede. Sie antwortet, sie spreche darüber natürlich mit Brad, der sehr interessiert sei an diesen Themen und allen Einzelheiten ihrer Reisen. Und dann spricht sie den Satz, der am nächsten Tag zur Überschrift zahlreicher Artikel über Jolie werden wird: "Ich habe nicht so viele Freunde, mit denen ich spreche."

So reagieren Webzines, Blogs, Kommentare auf das Interview
© FreitextSo reagieren Webzines, Blogs, Kommentare auf das Interview

Und schon geht das Getuschel wieder los: Soso, nicht so viele Freunde hat die Jolie also. Klammert sich also immer an den armen Brad. Schleppt deswegen ihre Kinder durch die ganze Welt, weil sie sonst so einsam ist. Psychobraut, ganz klar. Vermutlich hätten sich die ersten neun Minuten des Interviews einfach nicht an Mann oder Frau bringen lassen, wenn sie nicht noch diese kleinen Bröckchen Privates hingeworfen hätte. Vom Interessierten Brad. Davon, wie sie ihren Kindern ihre Reisen erklärt und wie sie hofft, dass es diese zu besseren Menschen macht.

Wenn Angelina Jolie ihr Privatleben heraushält, wird das Thema schnell zu dröge, zu politisch. Will keiner lesen. Wenn sie hingegen ihre Familie erwähnt, dann kommen die Artikel, die das Thema Pakistan nicht einmal ausblenden. Aber schon stehen wieder Kritiker auf der Matte, die ihr vorwerfen, sie beute für ihren Publicity-Feldzug sogar ihre Kinder aus. Leicht ist es nicht, was Angelina Jolie hier versucht. Und bestimmt eine gute Entscheidung, wenn sie sagt, dass sie die Presse eigentlich überhaupt nicht verfolge. Wieviel Seelenfrieden bei diesem ständigen Balanceakt auf der Strecke bleibt, verrät höchstens ihr angespanntes Gesicht. Wer so viel Feinde hat, braucht eigentlich dringend Freunde. Sogar Angelina Jolie.

Video: Das 12-minütige Interview von CNN mit Angelina Jolie