Die Fotos waren drei Jahre alt und eigentlich nur für die Augen ihres damaligen Partners Ryan Reynolds bestimmt. Aber das waren Details, die nur am Rande interessierten, als am 13. September die zwei Nacktbilder von Scarlett Johansson im Internet auftauchten. Der Hollywood-Star, die kurvige Blondine, wie sie oben ohne auf dem Bett liegt, wie sie ihre Kehrseite im Badezimmerspiegel ihres Hauses in Los Angeles mit dem Handy knipst - dass so etwas mal an die Öffentlichkeit gerät, hätten sich viele Fans wohl nie erträumt. Klick, klick, rauschten die Schnappschüsse durch das weltweite Datennetz.
Als sie die Bilder im Internet sah, war die Schauspielerin geschockt, wie sie jetzt in der Talkshow von David Letterman gestand. Irgendwer hatte die Fotos aus ihrem privaten Yahoo-Mail-Account geklaut. "Ich hatte mich schon gewundert, warum sich andauernd mein Passwort ändert", sagte Scarlett. Sie wunderte sich noch mehr, als ihre Anwälte vorschlugen, das FBI zu kontaktieren.
Scarlett Johansson war nur eine von vielen VIPs, aus deren digitalen Postfächern unbemerkt Dateien heruntergeladen worden waren. All die pikanten Fotos von Christina Aguilera bis Mila Kunis, die in den vergangenen zwölf Monaten im Netz aufgetaucht waren, gehörten zu ein und demselben Fall, so die Beamten des "Cyber Crimes Squad"- Teams, die schon seit Monaten für die "Operation Hackerazzi" ermittelten. Es sei ein Hacker-Ring am Werk. Profis. Kaum zu greifen.
Man lag schwer daneben, wie sich herausstellte. Hinter dieser spektakulären Cyber-Attacke auf Prominente steckte ein einzelner Mann: Christopher Chaney, 35, ein alleinstehender Arbeitsloser aus Jacksonville, Florida. Rund einen Monat nach dem Scarlett-Vorfall nahm die Polizei ihn fest, am 27. Dezember muss er sich nun in L. A. vor Gericht verantworten. Chaney soll Persönlichkeitsrechte von mehr als 50 Personen verletzt haben, ihm droht eine Haftstrafe von 121 Jahren. Ein Typ, der vor seiner Arbeitslosigkeit als Bürohilfe jobbte, der gar nichts mit der Glitzerwelt zu tun hatte, dessen Computer- Fähigkeiten auf Normalniveau rangieren - wie konnte es ihm gelingen, so vielen Stars so unverschämt nahe zu kommen? Was hat ihn angetrieben?
"Sorry, ich soll nicht mit der Presse reden, sagt mein Anwalt. Aber es ist soweit alles okay", erklärt Chaney, als "Gala" ihn am Telefon erreicht. Er lebt nicht mehr in seinem Haus in der Lane Avenue, sondern wieder bei seinen Eltern. Es ist eine einfache Gegend. Untere Mittelschicht. Sein Vater Jerry ist gesundheitlich angeschlagen, Mutter Cathy hält den Laden zusammen. Um die Kaution von 110000 Dollar aufzubringen, mussten sie und Jerry das Haus belasten, die Familie (Chaney hat noch zwei Brüder und eine Schwester) hat nicht viel Geld - und fiel aus allen Wolken, als sie erfuhr, dass ihr Chris im Internet unter den Namen "anonygrrl" oder "jaxjaguars911" Unrechtes tat.
Seine Methode: Er ging auf die Seiten von öffentlichen Mail- Providern und probierte einfach alle möglichen Passwörter und Adressen aus, die für einen Schauspieler oder eine Sängerin infrage kommen könnten. Mal tippte er Filmtitel, dann Namen von Freunden oder Hunden ein. Tage, Wochen puzzelte er herum - und hatte schließlich Erfolg. Ihre Naivität war das Pech vieler Stars. "Ich sage meinen Klienten immer: Alles, was ihr ins Netz stellt oder übers Handy versendet, ist nicht sicher!", so Hollywood-PR-Agent Edward Lozzi. Christina Aguilera war da schlechter beraten, sie gehörte zu Chaneys ersten Opfern. Er kopierte ihre Adressbücher, hackte sich bei Freunden und Mitarbeitern ein und installier te überall Weiterleitungs-Funktionen, sodass alles auf seinem Rechner landete: Nachrichten, Drehbücher, Fotos, PasswortÄnderungen. Es war wie ein unzensierter Celebrity-Blog.



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