Die Überraschung naht nach Mitternacht und hat geschätzte 2000 Kalorien. Eine Frau mit Wohlfühlfigur bahnt sich - und ihrer Torte - im Museumsrestaurant "Le Georges" den Weg durch die Menge. Sie huscht an der Absperrkordel vorbei, und plötzlich steht sie strahlend vor jenem Mann, dessen Silhouette ihr süßes Gebäck nachzeichnet. Karl Lagerfeld präsentiert hier, ganz oben im Centre Pompidou, gerade eine von ihm gestaltete Coca-Cola-Light-Flasche. Über die Torte, die ihm seine Anhängerin überreicht, freut er sich professionell. Er lässt sich auf ein gemeinsames Foto ein, reicht das Geschenk dann an seinen Leibwächter weiter. So laufen Lagerfeld-Events derzeit ab. Spätestens, seit KL in diversen Werbespots gleichzeitig auftritt, ist der Mann zu einem Massenphänomen geworden.

Wenige Tage später in einer Lagerhalle bei Paris: Hier zeigt Lagerfeld seine elitäre Seite. Sein Hummer-Geländewagen steht vor der Tür. Sebastien, der schöne Leibwächter, sitzt mit Dreitagebart und Tirolerhut in der Sonne. Drinnen geht es genauso entspannt zu: Lagerfeld fotografiert die neue Fendi-Kampagne. Das teuerste Model wurde engagiert, die beste Stylistin ist da, und die talentierteste Maniküre-Fachfrau wurde eigens eingeflogen. An nichts wird gespart. Lagerfeld begrüßt uns gut gelaunt. Er wolle sich gern Zeit nehmen - nur ab und zu müsse er "mal kurz ein kleines Foto machen".

Lagerfeld hat drei neue Coca-Cola-Light-Flaschen entworfen (ab Juni in ausgewählten Karstadt-Häusern). Außerdem wirbt er für Sky, Volkswagen und bald für Magnum-Eis.
Lagerfeld hat drei neue Coca-Cola-Light-Flaschen entworfen (ab Juni in ausgewählten Karstadt-Häusern). Außerdem wirbt er für Sky, Volkswagen und bald für Magnum-Eis.
(Foto: © WireImage.com)

Sie vermutlich noch nie gefahren, oder?

Doch, doch. Mein erstes Auto war ein Volkswagen. Ich liebe VW. Sonst hätte ich diese Werbung nicht gemacht. Es werden mir so viele Projekte angeboten. Ich lehne ab, wenn ich das Produkt nicht gut genug finde.

Sie sind zurzeit im Werbefernsehen so allgegenwärtig wie Verona Pooth. Warum lässt sich ein Elite-Designer auf Werbung für Massenprodukte ein?

Ich vernachlässige meine Arbeit als Designer ja nicht. Ich lebe aber auch außerhalb meines Berufs - was wenige meiner Kollegen tun. Ich bin im Grunde eine Puppe, die zufällig diesen Beruf ausübt. Ich bin kein Marketingprodukt, sondern echt. Das nehmen die Menschen wohl wahr. Ich las in der FAZ, dass mich 90 Prozent aller Deutschen kennen. Das ist allerhand, erst recht wenn man bedenkt, dass es ja auch Kinder unter den Deutschen gibt.

Angeblich findet Sie aber nur ein Drittel sympathisch ...

Das hat mich gewundert. Viele Menschen identifizieren mich komischerweise vor allem über das Visuelle. Aber ich bin natürlich nicht nur eine Silhouette. Vor allem bin ich total frei und kann sagen, was ich will.

Traurig, dass dies heute schon als etwas Besonderes gilt.

Stimmt. Die Menschen sind unsicher. Sie haben Angst, ihren Platz in der Gesellschaft zu verlieren. Das kann mir nicht passieren. Meine Verträge gelten lebenslang. Und ich bin nie fest angestellt gewesen. Ich muss niemanden fragen. Außerdem muss ich nichts mehr für Geld machen.

Sie sind also nicht pleite, wie es hier und da kolportiert wurde?

Das Geld, das ich verdiene, spende ich. Bei Werbung verlange ich absichtlich sehr viel. So kann ich den Leuten erlauben zu sagen, dass sie nicht bezahlen können. Dann muss ich nicht absagen. Das ist eleganter.

Um welche Summen geht es da?

Ich nenne nie Geldbeträge. Es gibt aber auch viele Projekte, die ich umsonst mache.

Ist Selbstironie für Sie ein Antrieb?

Ja, natürlich. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

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