Oktoberfest

Wie im Rausch

Bier und Brezn, Sex und Skandale: Zum Wiesn-Jubiläum erklärt Gala-Autorin Tatjana Detloff, warum gerade VIPs Bayerns großes Volksfest so sehr lieben

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Natürlich ist es albern

, sich als Nicht-Bayer in Janker und Krachlederne zu zwängen, und natürlich wirkt es erst mal seltsam, wenn sich norddeutsche Deerns in Dirndl schnüren. Abgestandenes Bier aus Maßkrügen zu trinken und sich schunkelnd mit sternhagelvollen Japanern, Amis oder auch den eigenen Landsleuten zu verbrüdern - besonders reizvoll klingt das nicht. Aber man macht's. Freiwillig.

Wie cool der Trachtenlook sein kann, beweisen Fußballer Bastian Schweinsteiger und seine Modelfreundin Sarah Brandner 2009.

Wie cool der Trachtenlook sein kann, beweisen Fußballer Bastian Schweinsteiger und seine Modelfreundin Sarah Brandner 2009.

Das Oktoberfest, ein Phänomen. Es erklären? Schwierig. Es erleben? Ein Muss. Mehr als sechs Millionen Besucher kommen jährlich. Auch für Stars und solche, die sich dafür halten, ist die Wiesn ein Magnet. Ob Firmenchef oder Filmsternchen, Promicoiffeur oder Popdiva: Alle pilgern zum Volksfest auf der Münchner Theresienwiese, das sich zu einem Society-Hotspot entwickelt hat. Doch schon vor 200 Jahren, bei der ersten Wiesn, feierten prominente Gäste mit, wie Chroniken und Aufzeichnungen belegen. Von der Königsfamilie mal ganz abgesehen - schließlich begründete die Hochzeit von Bayerns Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen am 12. Oktober 1810 die Tradition des rasch wachsenden Spektakels. Hauptattraktion des fünftägigen Fests: ein Pferderennen.

Dem Charme der Kirmes erlag Komponist Johann Strauss 1835 genauso wie im Jahr darauf Philosoph Friedrich Hebbel oder später die Schriftsteller Carl Zuckmayer und Guillaume Apollinaire. Opernsänger Enrico Caruso amüsierte sich 1912 so sehr, dass er zwölf Monate später wiederkam, und US-Schriftsteller Thomas Wolfe zeigte sich 1928 trotz - oder wegen? - der Massenschlägerei, in die er verwickelt wurde, schwer beeindruckt vom "bayerischen Nationalrausch".

Auch Verona Pooth gehört zu den Oktoberfest-Stammgästen.

Auch Verona Pooth gehört zu den Oktoberfest-Stammgästen.

Fanden einst auffällig viele Dichter und Denker Gefallen am seichten Amüsement, so ist das Publikum heute bunter, von über bis zu , von langjährigen Stammgästen wie Carolin Reiber bis zum Wepper- oder Herzsprung-Nachwuchs. Die Gäste sind gediegen wie die Begum, schräg wie Verona Pooth, international wie Salma Hayek. Ebenso vielseitig die Möglichkeiten, als Prominenter zu feiern: "Jeder kann ungestört sein, wenn er will", sagt Gesellschaftsreporter Michael Graeter. Er unterscheidet zwischen "Namhaften" und "Nieten". Während sich Erstere diskret in ihre Boxen zurückziehen, etwa im "Augustiner", legen es die anderen auf Publicity an. "Das Oktoberfest ist zum Maskenball verkommen!", beklagt Graeter. Er wird in diesem Jahr trotzdem "drei- oder viermal" hingehen. Die Münchner PR-Lady Andrea Schoeller betrachtet die Entwicklung neutraler: "Beim Oktoberfest zählt sehen und gesehen werden. Für die Gesellschaft verbindet es traditionelles Brauchtum und ausgelassenes Feiern."

Adel ist willkommen: Fürst Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe hatte vor fünf Jahren seine heutige Frau Nadja (r.) auf der Wiesn

Adel ist willkommen: Fürst Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe hatte vor fünf Jahren seine heutige Frau Nadja (r.) auf der Wiesn kennengelernt.

So viel Klatsch und Tratsch wie auf der 40 Hektar großen Theresienwiese gibt es jedenfalls nirgendwo sonst. Genauer gesagt: Fast alles fokussiert sich auf die angesagtesten Zelte, das "Hippodrom" von Sepp Krätz und Michael Käfers "Wiesn-Schänke". Wer das Glück hat, überhaupt eingelassen zu werden - jeder der 14 Wirte erteilt jährlich 10.000 Absagen -, der erlebt ein Spektakel der besonderen Art. Bierzelte als Bühnen für jene, die Inszenierungen lieben und brauchen. Da lässt Claudia Effenberg an ihrem 44. Geburtstag kreischend die Champagnerkorken knallen. Heidi Beckenbauer tanzt auf dem Tisch. Oliver Pocher übt das Schuhplattln, mit geringem Erfolg. Und Cora Schumacher löst 2008 mit ihrer eigenwilligen Trachtenkreation (schwarzer Totenkopf auf rotem Tuch) ein "Dirndl-Gate" aus.

Übungssache: Carsten Maschmeyer traut sich 2009 noch nicht, bei Veronica Ferres fest zuzupacken. Doch bei der bekennenden Wiesn-

Übungssache: Carsten Maschmeyer traut sich 2009 noch nicht, bei Veronica Ferres fest zuzupacken. Doch bei der bekennenden Wiesn-Anhängerin muss er das lernen¿

Dass Bayerns damalige First Lady Marga Beckstein sich im gleichen Jahr gegen ein Dirndl entschieden hatte und stattdessen ein Brokat-Kostüm trug, brachte ihr Buhrufe ein und machte die Kleiderfrage zu einem Politikum. Was beweist, dass manche Bayern in Sachen Oktoberfest doch noch nicht so liberal sind. Immerhin ist man stolz auf den ersten Wiesnsonntag im "Bräurosl", wo seit 30 Jahren der "Gay Sunday" stattfindet. Ein Vergnügen des Münchner Löwenclubs, bei dem die Zeltleitung darauf hinweist, dass sie keine "sexuellen Handlungen und nackten Ärsche" duldet.

Blanke Busen hingegen ist man in den Zelten längst gewohnt. Da verspricht ein Blick zur Promi-Box viel mehr Spannung: Wie macht sich Carsten Maschmeyer bei seinem Debüt an der Seite von Veronica Ferres? Mit welchen Frauenzeigen sich die Womanizer Oliver Kahn, Boris Becker und Lothar Matthäus? "Prominente sind für das Oktoberfest das Salz in der Suppe", erläutert "Hippodrom"-Wirt Sepp Krätz, der am Eröffnungstag zusammen mit PR-Dame Birgitt Wolff zu einem der Party-Highlights einlädt. Doch lange nicht jeder, der bekannt oder sogar berühmt ist, bekommt bei ihm einen Platz. Dass Joe Jackson kurz nach dem Tod seines Sohnes Michael um eine Reservierung bat, fand Krätz geschmacklos.

Auf dem Oktoberfest ist Produktwerbung tabu. So darf Paris Hilton, hier noch mit Kim Kardashian, 2006 zwar das goldene Dirndl vo

Auf dem Oktoberfest ist Produktwerbung tabu. So darf Paris Hilton, hier noch mit Kim Kardashian, 2006 zwar das goldene Dirndl von Lola Paltinger präsentieren, das sie trägt, nicht aber eine gleichfarbige Prosecco-Dose.

Willkommen ist ihm immer der Adel, der echte Adel. Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe etwa, der auf der Wiesn vor fünf Jahren seine heutige Frau Nadja kennenlernte. Oder Fürst Albert von Monaco, der die Käfer-Brezn liebt und deshalb immer wieder nach München kommt. Wirt Michael Käfer wiederum wird speziell das Oktoberfest 2003 wohl nie vergessen. Durch einen Computerfehler überbuchte er sein Zelt hoffnungslos – strapazierte Nerven und Häme der Kollegen waren ihm sicher. Käfer: "Die Stadt München hat uns unbürokratisch aus der Patsche ge- holfen und wir konnten das Zelt erweitern."

Es sind amüsante und absurde Geschichten, die Jahr für Jahr die Runde machen. Arnold Schwarzenegger verlangte im Weinzelt ein Bier - es wurde unter einigen Schwierigkeiten von der Konkurrenz nebenan geholt. Und Helmut Kohl entpuppte sich als wahrer Nimmersatt: Im "Winzerer Fähndl" schmeckte es ihm dermaßen gut, dass er erst eine Kalbshaxe und dann eine Schweinshaxe verspeiste, um anschließend noch "saure Zipferl" zu bestellen, eingelegte Bratwürste. Danach habe er immer noch Hunger gehabt, heißt es.

Irgendwie scheint diese Anekdote auch ein Sinnbild für das Oktoberfest und seine Gäste zu sein. Denn viele hier kriegen beim Feierneinfach nicht genug. Deshalb kommen sie jedes Jahr mit großem Partyhunger wieder.

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