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NY Minute Die haben doch alle einen Vogel

In New York ist die Weihnachtszeit nicht nur friedlich und besonnen. Den Tauben soll es an den Kragen gehen

Man sollte ja annehmen, dass die Weihnachtszeit eine besonnene und friedliche Zeit ist. Wo alle nett zueinander sind - und miteinander auskommen. Nicht so bei Anna Dove. Die Vorsitzende des "New York Bird Clubs" hat eine Mission. Sie will die Tauben von New York retten. Anlass der Kriegerklärung: Stadtrat Simcha Felder schrieb einen Gesetzes-Entwurf, um die Anzahl der Tauben zu vermindern. Der Demokrat aus Brooklyn ist der Meinung, dass die Vögel Krankheiten verbreiten und mit ihrem Kot Gebäude und Brücken zerstören. Felder möchte daher mehr Falken (es leben zahlreiche Raubvögel im Central Park) am New Yorker Himmel sehen - die dann Jagd auf Tauben machen. Außerdem sollen die Vögel mit Verhütungspillen gefüttert werden. Ein "Pigeon Czar" (Tauben-Zar) - das ist kein Witz - soll das Programm überwachen. Und - was besonders ältere Anwohner schocken dürfte, die das bei ihren Spaziergängen regelmäßig tun - demjenigen eine Strafe von 1.000 Dollar aufbrummen, der die "Ratten mit Flügeln" füttert.

Anna Dover ist erbost. Nicht etwa über die übertrieben hohe Strafe, sondern über den Ausdruck, den Woody Allen schon in seinem Film "Stardust Memories" (1980) benutzte. "Tauben sind außergewöhnliche Tiere und wunderbare Vögel - keine Ratten", so die Gründerin des "New York Bird Clubs", die ihren Nachnamen von Kugelmas auf Dove (zu deutsch: Taube) zu Ehren ihrer zahmen Taube Lucy ändern ließ. Eifrig erinnert auch ihre Mitaktivistin Mary Beyerback an Cher Ami, die Brieftaube, die im Ersten Weltkrieg in Frankreich 194 Amerikanern das Leben gerettet haben soll. Die Tauben seien ihre Helden und hätten dies nicht verdient.

Gemeinsam mit dem "New York City Pigeon Rescue Center" wollen sie mit allen Mitteln verhindern, dass dieses ungeheure Gesetz im nächsten Jahr verabschiedet wird. Und so treffen sich Hunderte von Vogel-Liebhabern in "Starbucks"-Cafés quer durch die Stadt und tüfteln eine Strategie aus. Tauben-Experte Andrew Blechman, der sogar ein Buch über die wohl meistgehassten Vögel schrieb, sagt: "Tauben übertragen nicht mehr Krankheiten als du und ich." Sie aktivierten bereits Tierschutzorganisationen wie zum Beispiel PETA und rufen zu Demonstrationen vor dem New Yorker Rathaus auf.

Doch die Tierschutzorganisationen reagierten nicht wie erhofft. Sie sagen, die Vögel müssen nicht gefüttert werden, da sie sich sehr gut selbst versorgen. Und mit einer geschätzten Anzahl von einer Million in New York seien sie überdurchschnittlich gut vertreten. PETA unterstützte sogar ein ähnliches Programm in Los Angeles. Auch Stadtrat Felder nimmt's gelassen: "New Yorker sind ziemlich schlau. Sie wissen genau, ob etwas ein Problem ist oder nicht. Ich denke, die meisten sehen, dass mein Vorschlag Sinn macht."

Anna Dove will aber nicht locker lassen. Sie füttert die Tauben nach wie vor in den Parks: "Und wenn wir uns in Taubenkostümen einkleiden müssen, um alle wachzurütteln und diese Tiere zu retten - wir werden es tun." Und was sagen die Anwohner zu der "Kontroverse"? Ein kollektives Schulterzucken bei "Starbucks"-Mitarbeitern und Gästen: "Die haben doch alle einen Vogel."

Vanda Bildt