Neverland Wo Michael Jackson wohnte

Sie war das Stück Kindheit, das er als Kind nie hatte: Nach dem Missbrauchsprozess verließ Michael Jackson die Neverland Ranch für immer. Jetzt will ein Investor dem verödeten Anwesen zu neuem Glanz verhelfen

Die Giraffen sind schon lang fort.

Ein Privatgehege irgendwo in der Wüste von Arizona ist ihr neues Zuhause geworden. Mit ihnen sind auch all die anderen Tiere verschwunden: die Tiger, die Elefanten, die Krokodile, die Orang-Utans. Die exotischsten Geschöpfe auf Michael Jacksons verlassener Neverland Ranch sind derzeit die Fledermäuse, die kopfüber vom Eingang der Spielhalle hängen. Was einst das magische Refugium des King of Pop gewesen ist, ist heute eine verwaiste Stätte, auf deren Treppenstufen sich Vogelkot anhäuft. Nimmerland ist abgebrannt.

Dass die Ranch wieder aus ihrer Asche aufersteht, ist der feste Wille von Thomas Barrack. Der US-Milliardär war lange Zeit Nachbar von Jackson. Sein Anwesen grenzt an das gut 1000 Hektar große Neverland-Grundstück, und im Mai vergangenen Jahres kaufte er Jackson die Ranch quasi ab: Der klamme Popstar konnte einen Kredit nicht bedienen, die Zwangsversteigerung des Anwesens drohte. Barracks Investmentgesellschaft Colony Capital sprang mit 23,9 Millionen Dollar ein - und bildete ein Joint Venture mit dem Popstar. Was wie Nachbarschaftshilfe der oberen Zehntausend aussieht, soll sich nun in klingender Münze auszahlen: Barrack will Neverland auf Vordermann bringen und dann mit Gewinn wieder losschlagen.

"Wir denken, wir haben einen sehr smarten Immobiliendeal gemacht, der sich für Michael und Colony auszahlen wird", wird er im "Wall Street Journal" zitiert. Tatsächlich passt die Ranch haargenau ins Portfolio des Selfmademans aus Los Angeles: Er investiert dort, wo andere ihr Geld abziehen, und der Kauf von Neverland ist das Geschäft mit einem Mythos der Popkultur, der zum Skandal wurde.

Neverland - das Anwesen ist auch ein Symbol für Jacksons Realitätsflucht: Benannt nach dem Ort aus "Peter Pan", in dem Kinder nicht erwachsen werden, hatte die Ranch alles zu bieten, was Jackson, der ebenfalls nie erwachsen werden wollte, sich wünschte: eine Achterbahn, ein Indianerdorf, eine Eisenbahn, ein Kino, einen Privatzoo. Neverland - das ist Jacksons verkitschte Scheinwelt, die ebenso Teil der Kunstfigur Michael wurde wie die bröckelnde Nase in seinem gebleichten Gesicht. Neverland - das ist der Ort, den er sich geschworen hat, nie wieder zu betreten. Weil ihn Dutzende Polizisten "entweihten" bei ihrer Suche nach Beweisen für den Kindesmissbrauch, dessen er 2003 angeklagt wurde. Jackson wurde freigesprochen, erholt hat er sich nie.

Wie riskant der schmale Grat ist zwischen dem Nimbus der Poplegende und dem Stigma des Missbrauchs weiß man auch bei Colony Capital: Anfragen zur Ranch werden derzeit nicht beantwortet, und nach dem Kauf wurde das Anwesen im kalifornischen Santa Ynez Valley erst einmal diskret in Sycamore Valley Ranch umbenannt. Weil die Postboten die neue Adresse nicht mehr zuordnen konnten, firmiert das Grundstück jetzt fast verschämt unter Sycamore Valley/Neverland.

Ein etwas deutlicheres Bekenntnis zu Jacksons einstiger Märchenhofstatt sind dagegen die drei Millionen Dollar, die Colony Capital bislang in Landschaftspflege und Reparaturarbeiten gesteckt hat. Der viktorianische Bahnhof des Anwesens ist bereits restauriert, weitere der Attraktionen sollen folgen. Am Ende soll Neverland für 70 bis 90 Millionen Dollar einen neuen Käufer finden, hofft Barrack.

Um Interessenten auf der verlassenen Farm ein wenig mehr Leben vorführen zu können, soll demnächst eine kleine Herde Clydesdale-Pferde freigelassen werden. Keine Giraffen. Aber immerhin ein Anfang.

Matthias Oden und Carla Quick

Hier geht es zur Financial Times: www.ftd.de
© Freitext<link adr="http://www.ftd.de/">Hier geht es zur Financial Times</link>