High Society

Die Russen kommen

Die Moskauer High Society erfindet sich neu: Man gibt sich stilsicher, elegant - und sehr dezent

Natalia Vodianova, Dascha Schukowa

Natalia Vodianova, Dascha Schukowa

Die nächste russische Revolution hat begonnen!

Ein Klassenkampf, oder genauer: ein Kampf um Klasse ist entbrannt in Moskaus High Society. Man kämpft sich frei von Leopardenkleidchen, Logoprints und pinken Pelzen - und dem Vorurteil, dass der Russe an sich an permanenter Geschmacksverirrung leidet. Das neue Statussymbol der Reichen und Neureichen ist nicht mehr Geld, sondern Stil. Das beweist zum Beispiel Dascha Schukowa. Die Freundin des Oligarchen Roman Abramowitsch trägt sehr gern Dunkelgrau. Oder Beige. Überhaupt zeichnet sich ihr Kleidungsstil durch Eleganz und Dezenz aus.

Aliona Doletskaja, 54, ist die Chefredakteurin der russischen "Vogue"

Aliona Doletskaja, 54, ist die Chefredakteurin der russischen "Vogue"

Oder das Model Natalia Vodianova: aschblondes Understatement – betörend, dabei aber absolut unaufdringlich. Und dann wären da die Gorbatschow-Schwestern: Anastasia und Xenia Wirganskaja, die Enkelinnen des ehemaligen sowjetischen Präsidenten, bewegen sich seit Jahren so selbstverständlich über den Rasen von Ascot, als wären sie in Wahrheit britische Royals. Der neue russische Jetset ist ruhiger als seine Vorgänger-Generation, weniger schrill und überaus stilsicher. "Russland ändert sich. Natürlich sieht man das noch manchmal auf der Straße: zu viel Mascara, zu viel Lippenstift, zu viel Schmuck. Aber es ist viel seltener geworden", sagte die Chefredakteurin der russischen "Vogue", Aliona Doletskaja, in einem Interview mit der Schweizer "Weltwoche".

Das war eben damals so: Vom sozialistischen Einheitsgrau befreit, stürzten sich die Damen, die es sich leisten konnten, mit viel Freude auf alles Extrabunte, Extralaute, und jedes Stück, das extra betonte "Ich war sehr teuer". "Die russischen Frauen hatten so lange keinen Zugang zu schöner Mode und Beauty-Produkten", erklärt Doletskaja. Und dann war es ausgerechnet Gianni Versace, der als erster West-Designer 1992 eine Filiale in Moskau eröffnete, und mit seinen Medusenköpfen und schrillen Mustern den Geschmack vieler Russinnen für viele Jahre prägte.

Die Galeristin Dascha Schukova, 28 wuchs in Amerika auf, die Heimat ihres Herzen sei aber Moskau

Die Galeristin Dascha Schukova, 28 wuchs in Amerika auf, die Heimat ihres Herzen sei aber Moskau

Seit dem Ende der Sowjetunion und dem Beginn der Designer-Invasion sind nun aber bald zwanzig Jahre vergangen. Das heißt, auf den Partys im "Ritz-Carlton" und bei den Modeschauen im Luxuskaufhaus Gum trifft man immer häufiger auf Menschen, die den Sozialismus entweder gar nicht oder zumindest nicht bewusst miterlebt haben. Die zweite Generation der postsowjetischen Elite hat nichts nachzuholen, nichts zu beweisen, nichts auszuprobieren. "Stattdessen fangen die Russinnen an, ihren eigenen Geschmack zu entwickeln", sagt Designerin Anja Gockel im Gespräch mit Gala. Sie engagiert sich als Mitglied des "International Women's Forum" in Russland und pflegt auch privat enge Kontakte zu Moskaus Gesellschaft. "Sie wagen es jetzt auch mal, ein billiges Top mit einer Designerhose zu kombinieren. Vor ein paar Jahren wären sie dafür noch heftig kritisiert worden. Doch die neue Generation hat ein viel größeres Selbstbewusstsein und eine gewisse Ruhe. Man ist nicht mehr so abhängig von den Luxusmarken." Der russische Designer Slawa Zaitsew spricht sogar von einem "Anti-Glamour", der in Moskau um sich greift: "Diesen Anti-Glamour leben Frauen, die den modischen Luxus weiterentwickelt haben. Sie haben ihren ganz eigenen Stil und das bewundere ich sehr."

Ölmulti Roman Abramowitsch, 42, und Dascha Schukowa (hier mit Emma Watson) sind seit 3 Jahren ein Paar.

Ölmulti Roman Abramowitsch, 42, und Dascha Schukowa (hier mit Emma Watson) sind seit 3 Jahren ein Paar

Dabei ist das, was da gerade passiert, weit mehr als eine Mode-Revolution. Die neue High Society hat auch neue Interessen und Ziele. In einem Gespräch mit Gala berichtet Aliona Muchinskaja, Chefin der Agentur "Red Square PR" in London, die sich auf die Ausrichtung russisch-britischer Events spezialisiert hat: "Im Moment verändert sich alles. Früher haben wir mega-opulente Bälle ausgerichtet, Veranstaltungen für 'posh people', mit riesigem Entertainment-Programm und allem Pipapo. Dieses Jahr sind eher kulturelle Events gefragt. So etwas gab es noch nie: Bei diesen Feiern geht es nicht um Reichtum und Pomp. Da kommen keine Oligarchen, es wird nicht über Öl oder Gas geredet. Stattdessen stehen Kunst und Kultur im Vordergrund." Bestes Beispiel ist wieder einmal Dascha Schukowa. Die 27-Jährige ist so etwas wie die Sonne in der Nouveau-Chic-Galaxie des Ostens. Mit dem Museum "Garage - Center for Contemporary Culture in Moscow" wird sie genau diesem neuen Anspruch ihrer Generation gerecht: den Reichtum mit Inhalt füllen. Nicht mehr zeigen, was man hat, sondern etwas aus dem Geld machen. Etwas Sinnstiftendes, nicht nur Eigennütziges. "Ich fand, Moskau hatte einen Raum für zeitgenössische Kunst dringend nötig. Unter den jungen Leuten besteht ein großes Bedürfnis nach Wissen um moderne Kunst, aber bisher konnten sie sich nur über das Internet informieren", sagte Dascha Schukowa bei der Eröffnung im vergangenen Jahr.

Dascha ist die Vorzeigefrau des neuen Russlands. Stil-Ikone, Philanthropin, Mäzenin. Sophisticated, elegant, zurückhaltend. Sie spricht Englisch mit kalifornischem Slang und Russisch mit englischem Akzent. Keinesfalls ist sie nur das bildschöne Anhängsel eines der reichsten Männer Russlands. Abgesehen davon, dass sie aus einer wohlhabenden Familie stammt, kann sie selbst für ihren Unterhalt sorgen: Nach einem Studium der Homöopathie gründete sie das Modelabel "Kova & T". Ihre Jeans verzichten auf aufwendige Nähte und sichtbare Logos. Außerdem arbeitet sie seit Anfang des Jahres als Chefredakteurin des britischen Trend-Magazins "Pop".

Das Supermodel Natalia Vodianova, 27, kam vor 10 Jahren aus Gorky nach Paris und ist mit dem englischen Adligen Justin Portman v

Supermodel Natalia Vodianova kam vor zehn Jahren aus Gorky nach Paris und ist mit dem englischen Adligen Justin Portman

Moskau ist immer noch Daschas Lieblingsstadt. Und das hat viel damit zu tun, dass sich hier alles in Bewegung ist, die Metropole sich permanent neu erfindet. Allerorten gilt die Parole "Kampf dem Einheitsbrei!" – in der Kunst, der Mode, sogar beim Essen. "Die Gastronomie-Szene hat sich dramatisch verändert", erzählt der moskowiter Stargastronom Stepan Michalkow. "Achtzig Jahre lang gab es in allen sowjetischen Restaurants die gleiche Speisekarte. Überall! Man hatte einfach keine Auswahl. Heute dagegen gibt es keine kulinarische Richtung, die nicht in Moskau vertreten wäre." Aktuell gehe der Trend zu "pan-asian cuisine", Fusionfood aus europäischen, asiatischen und orientalischen Gerichten.

betreibt sieben Lokale in Moskau. Das Erfolgsrezept ist einfach: "Wenn ein guter Name hinter dem Geschäft steht, kommt auch die entsprechenden Kundschaft." Hat man Glück, kommt sogar Supermodel Naomi Campbell mit ihrem Million Dollar Babe Wladislaw Doronin mal vorbei: "Ich liebe Russland", schwärmt sie im Gala-Interview. "Ich finde das ein atemberaubendes Land, so erfinderisch, so dynamisch, so aufstrebend, in allen Bereichen."

Die Krise passt der neuen Elite perfekt ins Programm. "Der neue Luxus, das ist die Zurückhaltung", frohlockte bei der letzten Millionärsmesse Xenia Sobtschak, die sich als Paris Hilton aus St. Petersburg präsentiert. Das Boulevardblatt "Moskowski Komsomolez" formuliert es anders: "Die Oligarchen reduzieren die Zahl ihrer Mätressen nun von drei auf zwei. Sie werfen sich statt Viagra angesichts ihrer Aktienverluste lieber Beruhigungsmittel ein." Aber: Ein paar Milliarden weniger auf dem Konto, was heißt das schon? Schließlich ist weniger doch manchmal mehr. Genau das beweist die neue Ost-Elite.

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