Arthur Cohn
© laif Arthur Cohn

Arthur Cohn Ein Mann mit System

Genie? Strippenzieher? Menschenfreund? Wer ist Arthur Cohn wirklich? "Gala" zeigt den Hollywood-Produzenten in einer Nahaufnahme

Oscars 2013

Jeder in Hollywood kennt ihn und seine besonderen Filme, jeder weiß von seinen legendären Dinnern - und den Uhren, die er verschickt. Aber wer ist dieser Arthur Cohn, der gelbe Krawatten zu seinem Markenzeichen gemacht hat, wirklich? Ein genialer Produzent? Ein berechnender Strippenzieher? Oder gar der beste Freund der Welt, für den ihn viele halten? Wohl von allem ein bisschen. "Gala" hat den Mann aus Basel über die Jahre immer wieder getroffen und dabei viele Facetten kennengelernt. Den Gastgeber, der umsorgender nicht sein könnte, den Filmemacher, der mit seinen Werken ("American Dream", "Ein Tag im September") die Herzen berührt. Und auch den Mann, der die Kontrolle niemals aus den Händen gibt, der nach Perfektion strebt und sich selbst - wie anderen - Fehler nur selten vergibt.

Seine Unerbittlichkeit hat Arthur Cohn als Filmproduzenten zum Meister seines Fachs gemacht. Wie er in die Oscar-Nacht 2013 startet? Fragen wir ihn einfach selbst:

Herr Cohn, schlägt Ihr Herz auch vor der 85. Oscar-Verleihung wieder schneller - obwohl Sie diesmal keinen Film im Rennen haben?

Ich würde sagen, wenn ich wie dieses Mal keinen Film im Rennen habe, schlägt zwar mein eigenes Herz nicht unbedingt schneller. Dafür höre ich besser, wie die Herzen der anderen Filmemacher und Schauspieler, die im Oscar-Rennen sind, höherschlagen. Wenn ich selbst im Rennen bin, dann übertönt das Pochen meines eigenen Herzens jegliche Töne von ringsherum.

Arthur Cohn: Arthur Cohn verteilt gerne Küsschen - hier bekommt Uma Thurman einen Kuss auf die Wange.
© CorbisArthur Cohn verteilt gerne Küsschen - hier bekommt Uma Thurman einen Kuss auf die Wange.

Sie haben inzwischen sechs Oscars entgegennehmen dürfen. Was bedeutet diese Trophäe für Sie?

Für mich persönlich bedeutet der Oscar vor allem eine Würdigung für die ungeheure Menge an Zeit, Energie und Hoffnung, die ich in ein Filmprojekt investiert habe. Aber auch auf der Marketing-Ebene ist der Wert eines Oscars immens. Nicht wenige meiner Filme konnten zunächst keinen Verleiher finden. Sie gelangten erst durch die Oscar- Auszeichnung der Academy zu Filmverleihern und kamen so in das Bewusstsein des Filmpublikums. Insofern ist der Oscar auch ein Gütesiegel, welches allen mitteilt, dass es sich unbedingt lohnt, diesen preisgekrönten Film anzuschauen.

Was macht die Verleihung so besonders?

Die Oscar-Verleihung ist wie ein Märchen, in welches jedes Jahr rund eine Milliarde Menschen hineingesogen werden wollen. Die große Menge an sogenannten Stars und das beinahe unwirkliche Glitzern an diesem Event beflügelt unsere Fantasie.

Wer sind dieses Jahr Ihre Favoriten?

Alles andere als eine hochverdiente Auszeichnung für Ang Lee und seinen wunderbaren Film "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" wäre für mich eine riesige Enttäuschung. Was die Schauspieler betrifft, würde es mich überraschen, wenn Danny Day-Lewis, der im Spielberg-Film "Lincoln" den Präsidenten verkörpert, nicht schon jetzt seinen dritten Oscar einheimsen würde. Das haben vor ihm bei den Männern zwar nur Walter Brennan und Jack Nicholson geschafft, und die Academy ist ein bisschen zaghaft bei der Verleihung eines dritten Oscars an denselben Schauspieler. Aber ich sehe ehrlich gesagt nicht, wer von Lewis’ Mitstreitern ihm das Wasser reichen könnte. Punkto Schauspielerin: Das Rennen wird eng, obwohl bei manchen Jennifer Lawrence als Favoritin gehandelt wird. Ich jedenfalls wünsche meinem wunderbaren Freund Michael Haneke, dass die Hauptdarstellerin von "Amour", Emmanuelle Riva, den Oscar bekommt. Das wäre für einen fremdsprachigen Film sicher eine Sensation.

Sie sind selbst Mitglied der Academy, die über die Awards entscheidet. Wie ernst nehmen Sie diese Aufgabe, und was bedeutet sie konkret?

Ich nehme diese Aufgabe sehr ernst, so wie es die anderen Academy-Mitglieder ernst nehmen, wenn sie über meine Filme urteilen müssen. Das bedeutet, über die neuen Filme informiert zu sein und eine ehrliche Stimme abzugeben, welche ausschließlich auf professionellen filmtechnischen Erwägungen basiert. Grundsätzlich sollen Filme geehrt werden, die es redlich verdient haben, weltweit gesehen zu werden.

Wie hat sich der Oscar über die Jahrzehnte verändert?

Die Oscar-Verleihungen früher waren viel bescheidener, menschlicher, stiller, und sie fanden auch in kleinerem Rahmen und mit bedeutend weniger Rummel statt. Heute ist diese Zeremonie zu einem verrückten Mega-Event geworden. Es wird heute mehr über die Kleiderwahl der Stars als über die Filme geredet. Da müssen wir schon ein bisschen aufpassen, dass wir die Hauptsache dieser Preisverleihung nicht aus den Augen verlieren, nämlich die Würdigung denkwürdiger Filme und talentierter Filmemacher vor und hinter der Kamera.

Arthur Cohn: Cover Nr. 30
Service
Hier finden Sie das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe von Gala. Das Heft ist ab Mittwoch, 16. Juli, am Kiosk erhältlich Zum GALA-Abo Passendes Angebot auswählen und bestellen

Welches sind Ihre nächsten Projekte?

Ich arbeite gerade an zwei besonderen Büchern, die ich in naher Zukunft verfilmen möchte: "Das etruskische Lächeln" von José Luis Sampedro und "Der wiedergefundene Freund" von Fred Uhlman. Letzteres werde ich mit Simon Verhoeven verfilmen. Es ist für mich etwas Besonderes, mit Simon diesen Film zu machen, zumal ich mit seinem Vater Michael und seiner Mutter Senta Berger seit vielen Jahren eng befreundet bin. Simon hat viele eindrückliche Eigenschaften seiner Eltern geerbt. Zudem ist er brillant, hat immer wieder neue Ideen und ist loyal. Ich freue mich auf diese Zusammenarbeit.

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