Nine

Großer Zauber, der verpufft

Fast neun Mal so viel Aufhebens wie um einen normalen Film wurde um das Musical "Nine" gemacht - Grund dafür war der atemberaubende Cast. Doch lauter brillante Einzelauftritte ergeben kein magisches Ganzes

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Am Broadway war das Musical "Nine" ein Hit. Im US-Kino war die Filmadaption es nicht. Und dabei gibt ein atemberaubender Cast sich wirklich jede Mühe: , und sind nur einige der Darstellerinnen, die der männlichen Hauptrolle von schöne Augen machen. Doch vielleicht ist gerade die Viel-Starerei das Problem.

Daniel Day-Lewis spielt den gehetzten, depressiven Frauenheld Guido Contini mit Hingabe

Daniel Day-Lewis spielt den gehetzten, depressiven Frauenheld Guido Contini mit Hingabe.

"How do you begin this thing?" - "Wie fange ich hier bloß an?" ist die Frage, die sich am Anfang des Filmes Guido Contini (Daniel Day-Lewis) in einem schwarz-weißen Setting stellt. Er ist ein Starregisseur, er soll ein neues Meisterwerk produzieren, Manager und Medien setzen ihn unter Druck. Doch Guido hat nichts in der Hand, keine Idee im Kopf, kein fertiges Skript. Außerdem "nichts zu sagen" und das Gefühl, der weltgrößte Lügner zu sein.

Geschichte ist die, die in "Nine" erzählt wird. Und zwar gleich drei Mal.

Traum dieses Mannes: Streicheleinheiten von Ehefrau Luisa (Marion Cotillard) und Geliebter Carla (Penélope Cruz)

Traum dieses Mannes: Streicheleinheiten von Ehefrau Luisa (Marion Cotillard) und Geliebter Carla (Penélope Cruz).

Was ihm im Leben hinter der Kamera zustößt, ist eine Geschichte. In dieser zerren Presse und Manager an ihm, um mehr über seinen neuen Film zu erfahren. Er flieht aufs Land, nimmt seine Geliebte Carla (Penélope Cruz) mit, vermisst seine Ehefrau Luisa (), bekommt weise Ratschläge von seiner Garderobiere Lilli (). Die amerikanische Reporterin Stephanie (Kate Hudson) und seine liebste Hauptdarstellerin Claudia Jenssen (Nicole Kidman) verwirren den armen deprimierten Frauenhelden weiter. Und er muss eine Lügengeschichte nach der nächsten erzählen. Ein Freund bemerkt ganz treffend: "Kein Wunder, dass du noch kein Skript hast. Du bist zu sehr damit beschäftigt, dein Leben zu erfinden.".

Was vor seiner Kamera passiert, wenn er beginnt, wahllose erste Szenen für den Film zusammenzuklauben, das ist die zweite Geschichte - die wird in schwarz-weiß erzählt.

Die Phantasien, Träume und Erinnerungen, die sich im Kopf des Medien-Lieblings tummeln, die bilden die dritte Geschichte. Dort wird getanzt und gesungen, dort spielen rosa Licht und knappe Kostüme eine beträchtliche Rolle. Hier tauchen Guidos längst verstorbene Mama (Sofia Loren) und die Dorfhure seiner Kindheit (Stacy Ferguson) auf. Dies Traumszenario ist es, dass die kluge Lilli als Kreativitätsquelle beschwört, wenn sie sagt: "Filme sind ihr Geld nicht wert, wenn nicht beim Küssen gesungen wird."

Guido muss auf die Couch - auch wenn die hier ein Ateliertisch ist. Im zur Seite steht mit Designerin Lilli (Judi Dench) die ein

Guido muss auf die Couch - auch wenn die hier ein Ateliertisch ist. Im zur Seite steht mit Designerin Lilli (Judi Dench) die einzige Frau, die ihm sagt, was Sache ist.

Niemand ist in diesem wunderbar vielfältigen Zirkusstück dabei, auf den man gern verzichten möchte. Die Damen werben mit der Macht von Körper, Herz und Kopf um ihren geliebten Guido. Und der weiß bei all dem Trubel gar nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Langfristig geht das leider auch dem Zuschauer im Kinosessel so. Die vielen schillernden kleinen Teile kann Regisseur nicht zu einem ebenso schillernden Ganzen zusammenfügen.

Der sehr theoretische schwarz-weiße Filmeinstieg irritiert die Musical-Fraktion. Das viele Singen in knappen Kostümen die Arthouse-Fraktion. Der Hintergrund mit 20 Jahren Broadway-Erfolg und die So-ähnlich-wie-Remake-Verknüpfung zum legendären alten Film "Achteinhalb" von Federico Fellini tun ein übriges, um beim Massenpublikum die Warnleuchten angehen zu lassen.

Der Dreh soll schon längst laufen - aber Guido Contini (Daniel Day-Lewis) kann sich einfach nicht konzentrieren.

Der Dreh soll schon längst laufen - aber Guido Contini (Daniel Day-Lewis) kann sich einfach nicht konzentrieren.

Die Kritiker sind sich im übrigen einig, dass der Vergleich mit Fellinis Werk eine Frechheit sei. Und das, obwohl sie Regisseur Rob Marshall ("Die Geisha", "Chicago") eigentlich ganz gut leiden können.

Die Linie zwischen Massengeschmack und Kunstfilm wurde hier zur Testlinie, auf der ein von der puren Starpower berauschter Regisseur einfach nicht gerade und gefasst laufen kann. Letztlich hängt der Kinobesucher, erschlagen von Stars und Pathos und Glitzer, nicht erst nach den 118 Minuten Laufzeit irgendwie erschlagen in seinem Sitz. Bei den Oscars konnte man das Werk aber dennoch nicht übergehen - ganz zu Recht gab es Nominierungen für die Inszenierung, das Kostümdesign, die Musik und auch für Penélope Cruz in ihrer fulminanten Darbietung einer sexy-zickigen Bilderbuchgeliebten.

Zu Beginn von "Nine" sagt die Figur des Guido Contini auch: "Manchmal passiert etwas Geheimnisvolles, wenn du im Schneideraum bist. Du legst ein Bild an das andere und plötzlich geschieht ein Wunder." Manchmal passiert das. Hier ist es leider nicht passiert.

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