Max Raabe

"Ein Kater ist doch nur gerecht"

Von den elegantesten Konzertsälen der Welt in die Hamburger Kiezkneipe: Warum er sich auch dort wohlfühlt, verrät Sänger Max Raabe im Gala-Interview

Max Raabe

Max Raabe

Der Herr im Frack sticht schon heraus.

Aber die Hamburger Kiez­kneipe, in der sich nachts Matrosen, Yuppies und St.-Pauli-Kicker tummeln, hat seit 1949 viele schräge Gestalten gesehen. Die Stammgäste blicken nur kurz auf, als an den Tresen tritt, dann widmen sie sich wieder ihrem Nachmittagsbier. liebt diesen Laden. Aus diesem Grund traf Gala den 47-jährigen Sänger, der gerade sein Solo-Album "Übers Meer" veröffentlicht hat, zu Bier und Schnack im "Silbersack".

Es muss nicht immer Champagner sein! Am Tresen des "Silbersack" wartet Max Raabe auf sein Bier.

Es muss nicht immer Champagner sein! Am Tresen des "Silbersack" wartet Max Raabe auf sein Bier.

Wieso kennt ein gestriegelter Frackträger wie Sie den "Silbersack"?
Das erste Mal war ich Ende der Achtziger hier. Als ich im "Schmidts Tivoli" meine Solo-Abende hatte, lag meine Künstlerwohnung gleich um die Ecke. So kam’s, dass ich öfter in solchen Kneipen landete. Herrlich!

Wir haben vorhin auf der Reeperbahn ein paar Leute gefragt, was sie gern von Ihnen erfahren möchten. Jacky, 45, nach eigenen Angaben "Freudenmädchen", will wissen, "wie Herr Raabe es schafft, seine Haare so akkurat zu stylen".
Mit nassen Haaren fahren. Wenn ich das Haus verlasse, kämme ich mich, und kurz vor einem Konzert auch. Sonst nichts.

Jackys Kollegin Jutta fragt, ob Sie Erfolg bei den Damen haben - mit der Frisur.
Ich habe nicht so viele Haar-Alternativen. Deswegen nehme ich es hin, wie es ist. So geht es dann auch dem weiblichen Gegenüber.

Von Hans Albers über Ich + Ich bis Tocotronic: An der Jukebox zeigt Max Raabe die ganze Bandbreite seines Musikgeschmacks.

Von Hans Albers über Ich + Ich bis Tocotronic: An der Jukebox zeigt Max Raabe die ganze Bandbreite seines Musikgeschmacks.

Türsteher Mike interessiert, warum Sie so schlank sind.
Ich habe wenig Zeit zum Essen, außerdem bewege ich mich viel. Ich gehe möglichst oft zu Fuß und fahre sehr gern Fahrrad. Diäten lehne ich ab. Das ist mir traurig.

Alexander, Schlosser von Beruf, wüsste gern, wie viel Max Raabe denn so verträgt ...
Ich trinke eigentlich alles, aber kaum die ganz harten Sachen. Allerdings interessieren mich die lokalen Biersorten überall auf der Welt. Die Amerikaner etwa können gar kein Bier machen, nur dieses dünne Gebräu. Da geht es nicht ums Betrunkenwerden.

Dabei ist ein leichter Glimmer nicht zu verachten ...
Das stimmt, beim sind mir die ersten drei Gläser immer am liebsten. Alles andere ist schon zu viel.

Zumal die Regenerationsphase im Lauf der Jahre immer länger wird, oder?
Daran denkt man im entscheidenden Moment nicht, das muss man billigend in Kauf nehmen.

Haben Sie ein verlässliches Katerrezept?
Ich finde, ein Kater ist doch nur gerecht. Wäre unfair, wenn man sich am Morgen nach einer durchzechten Nacht mit einer Pille reinwaschen könnte.

Haben Sie gar kein Vorsorgeprogramm?
Ich versuche in solchen Fällen vor dem Zubettgehen noch einen Liter Wasser zu trinken. Das ist manchmal recht kompliziert, weil man ja genau dann weniger in der Lage ist, diszipliniert zu sein.

Candlelight-Knolle: Max Raabe beim gepflegten Bier mit GALA-Redakteurin Sarah Lau.

Candlelight-Knolle: Max Raabe beim gepflegten Bier mit GALA-Redakteurin Sarah Lau.

Mit Ihrem Palast Orchester gehen Sie weltweit auf Tour, Sie treten in Los Angeles, und auch in den Metropolen Asiens auf. Was beeindruckt Sie auf Ihren Reisen besonders?
Vollkommen verrückt war China. Wir hatten ein Konzert in Chengdu, einer Provinzstadt - zehn Millionen Einwohner. Jedenfalls wurden wir von zehn Studenten mit dem Kleinbus abgeholt. Da wurden alle Musiker reinverfrachtet, dann das Gepäck in die unteren Luken, und als die voll waren, kam der Gang dran. Uns packte man die restlichen Koffer auf den Schoß, dann stapelten sich die Chinesen selbst auf den Gang. Überall klemmten Leute, in den Fußräumen, an den Scheiben. Und so sind wir mit großem Hallound den ersten chinesischen Bier-Testläufen in Richtung Hotel gerollt. Tolle Stimmung und viele große rote Schriftzüge, die uns willkommen hießen. Ich habe in meinem Repertoire ja auch ein chinesisches Lied - da geht es um ein Mädchen und einen Jungen, die nicht zueinander kommen können. Als ich das sang, hat das Publikum vor Vergnügen regelrecht geschrien. Das war sehr beeindruckend.

Verstehen oder sprechen Sie diese Sprache?
Nicht die Bohne. Aber die Herzlichkeit versteht man auch ohne Kenntnis der Sprache. Wenn einem mannshohe Blumenbouquets auf die Bühne gestellt werden, wie man sie sonst nur von der Landesgartenschau kennt, dann hat das was. Das Essen war natürlich auch eine Erfahrung wert.

Inwiefern?
In den Restaurants kann man sich vorher alles ansehen, wie es noch rumkrabbelt. Sogar Krokodile mit zugebundenem Maul, die scheinbar nur darauf warten, in den Topf zu wandern. Bei den großen Bassins mit Wasserflöhen bin ich dann eigensinnig geworden und habe gekniffen. Allerdings war alles, was ich gegessen habe, sehr lecker. Da muss sich so manch eine Nordseekrabbe warm anziehen.

Asiaten feiern ihre Stars frenetisch. Was flog bei Ihnen denn schon alles auf die Bühne?
Blumen, Tücher, Schals. Auch kleine Figuren - und Reisgebäck. Das mag ich besonders, kunstvoll verpacktes Reisgebäck.

Wie fühlt es sich an, wenn Tausende Menschen Schlange stehen und geduldig auf ein Autogramm warten?
Ich frage mich dann immer: Was wollen die von mir? Aber es ist natürlich rührend.

Bestand irgendwann mal die Gefahr, dass Sie angesichts Ihres Erfolgs sonderbar werden?
Das war auf der Rückreise von New York, nach meinem ersten großen Konzert in der Carnegie Hall. Ungefähr eine Viertelstunde lang habe ich mir Größenwahn gegönnt. Ich hab mich dann aber wieder beruhigt. Es ist alles in Ordnung, solange mein Freundeskreis, den ich größtenteils noch aus Schulzeiten habe, sagt, dass ich mich nicht verändert habe.

In Hamburg sagt man Tschüss – und bis bald! Max Raabe ist gerade auf Tournee, steht im April unter anderem in München, Düsseldor

In Hamburg sagt man Tschüss - und bis bald! Max Raabe ist gerade auf Tournee, steht im April unter anderem in München, Düsseldorf und Leipzig auf der Bühne. Alle Daten auf www.maxraabe.de

Neben all den schönen Erlebnissen: Gibt es etwas, das Sie an dem vielen Reisen stört?
Die Sicherheitskontrollen am Flughafen. Besonders wenn man die Schuhe ausziehen muss. Nicht nur, dass man schnell ein kleiner Kasper ist, wenn man ohne Schuhe dasteht. Man muss auch noch auf demselben Pfad trampeln, auf dem vorher Tausende mit ihren Schweißsocken langgeschlichen sind. Das finde ich unangenehm. Ich bin sehr für den Nacktscanner. Einmal durchleuchten - und gut. Außerdem müsste ich den goldenen Rasierapparat kriegen. Ich glaube, dass die Rasierapparat-Industrie nur davon lebt, dass ich alle vier Tage einen neuen kaufen muss, weil ich den alten wieder im Hotel habe liegen lassen. Und wie eine Stachelbeere will ich ja nicht herumlaufen.

Dekorieren Sie Ihre Hotelzimmer? drapiert immer Duftkerzen und weiße Lilien ...
Um Gottes willen, nein! Die Sachen, die mir lieb und teuer sind, möchte ich gar nicht mit auf Tour haben. Ich lasse auch möglichst viel in den Koffern, sonst drohen die Sachen ausgepackt, aber vergessen zu werden.

Ihre neue CD heißt "Übers Meer". Haben Sie Seemanns-Tattoos?
Das ist nichts für mich. Ich finde sie in den seltensten Fällen attraktiv. Das Behängen des Körpers mit Metall ist auch nichts, was mir erotische Impulse setzen würde. Da muss man auch ein bisschen an die Zukunft denken.

Könnten Sie sich als arrivierter Musiker vorstellen, in Zukunft mal Juror in einer Casting-Show zu werden?
Nein. Das Drama dort liegt gar nicht so sehr an den unbegabten Teilnehmern, sondern an den Leuten, die diese vorführen. Das wiederum ist wohl von den Sendern so gewünscht. Ich würde das weder wollen, noch hätte ich den Mut, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er kein Talent hat. Es würde mir nicht gefallen, dass dann ein junger Mensch weinend nach Hause geht, weil man zu ihm gesagt hat: Du kannst nicht singen.

Geht Ihnen Musik irgendwann auch mal auf den Geist?
Wenn ich zu Hause bin, höre ich sehr wenig Musik, gerade wenn ich von einer Tournee komme. Trotzdem liebe ich sie natürlich. Das ist so, wie wenn man von einer Geburtstagsfeier kommt: Da hat man auch erstmal keine Lust mehr, Kuchen zu essen.

Sarah Lau

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