Kinotipp

"The Kids Are All Right"

Was kann an einem Film unter der Führung von Annette Bening und Julianne Moore schon schiefgehen? Genau, nicht viel. Augen auf für einen der überzeugendsten, authentischsten Filme des Jahres

Annette Bening, Julianne Moore in "The Kids are all right"

Annette Bening, Julianne Moore in "The Kids are all right"

Da sitzen zwei Frauen mittleren Alters auf dem Sofa, in bequemen Klamotten und die Arme weit ausgestreckt, um den auf dem Sprung befindlichen Teenie-Kindern schnell noch eine Umarmung abzuringen.

Da liegen zwei Frauen im Bett und beobachten zwei muskulöse Männer per DVD dabei, wie sie kitschigen Schulenporno-Sex haben. Kichernd kriecht die eine unter die Decke der anderen, die andere allerdings hat den Kopf nciht frei und Lust schon gar nicht.

Da wird eine Familiengeschichte erzählt, die auf dem prestigereichen Sundance-Filmfestival Anfang des Jahres für Begeisterung unter Kinofans, Kinokritikern und Schauspielkollegen sorgte. Einen Berlinale-Preis bekam sie auch. Denn "The Kids Are All Right" ist in seiner Kombination aus Offenheit und feinem Ton, aus Verzweiflung und Humor, aus wirklich guten schauspielerischen Leistungen und attraktiven Stars ein Kinohighlight des Jahres.

Liebe ist veränderlich, eine Familie mit all ihren Beziehungen erst recht: Annette Bening, Julianne Moore, Josh Hutcherson, Mia

Liebe ist veränderlich, eine Familie mit all ihren Beziehungen erst recht: Annette Bening, Julianne Moore, Josh Hutcherson, Mia Wasikowska und Mark Ruffalo erkunden das in "The Kids Are All Right"

Die Story:

Nic (Annette Bening), eine erfolgreiche Ärztin, und Jules (Julianne Moore), eine wenig zielstrebige Freiberuflerin, sind seit vielen Jahren ein Paar. Und nicht nur das: Mit ihrer Tochter Joni (Mia Wasikowska), die nach dem Sommer ins College ziehen soll, und ihrem Sohn Laser (Josh Hutcherson) sind sie auch eine Familie. Eine mit Streit übers Telefonieren beim Abendbrot, mit Lob für gute Schulleistungen und Tadel für schlechte Freunde. Ein Vater? Fehlanzeige, fehlt auch nicht. Nic und Jules trugen je ein Kind selber aus und ließen sich zuvor mit Samen des gleichen Spenders befruchten.

So wenig das im Alltag eine Rolle spielt, so sehr kreist die Neugier doch im Kopf des 15-jährigen Laser. Er bitte die bereits volljährige Joni um Unterstützung bei der Suche nach dem "Bio-Vater". Und der lässt sich auch finden: Paul (Mark Ruffalo), Biobauer und Restaurantbesitzer, ein entspannter Typ, der nach einem vorsichtigen ersten Treffen den Kontakt zu den Kindern gerne intensiviert. Schließlich bleibt ein Aufeinandertreffen von Müttern und Bio-Vater nicht aus.

Wie Paul mit am Familientisch sitzt, die Kinder gegen den Willen der Mütter auf dem Motorrad mitnimmt, mit Jules lachen und mit Nic alte Hits singen kann, das verändert die Beziehungen der Familie fundamental. Und das gleich mehrfach, denn aus einem Job, den Paul an Jules vergibt, entwickelt sich plötzlich eine heiße Affäre, die das Leben aller Beteiligten erst so richtig auf den Kopf stellt.

Stars:

Großes Hollywood im kleinen Indiefilm: Der wunderbaren Julianne Moore wurde ihre Rolle als kreative, zarte, harte und gefühlvolle Jules auf den Leib geschrieben, verriet Regisseurin und Drehbuchautorin Lisa Chodolenko. Das merkt man, das sieht man, das passt genau. Seit 2005 sprachen beide über das Projekt, vier Jahre lang hielt sich die gefragte Schauspielerin bereit, bis das Projekt tatsächlich umgesetzt werden konnte.

Annette Bening ist als Nic der organisierte, kühl operierende, kluge, aber eben doch nicht unverletzliche Gegenpol und darin großartig. Sie wurde von Chodolenko und Moore aus einer kurzen Liste in Frage kommender Schauspielerinnen ausgewählt und einfach per Mail gefragt, ob sie nicht Lust auf das Projekt habe. Auch sie nahm in etlichen Drehbuch-Treffen noch Einfluss auf ihre Figur, berichtet das Filmteam. Vielleicht ist die Tatsache, dass beide Schauspielerinnen durch die Arbeit an der Rolle diese so sehr verinnerlicht haben, der Grund dafür, dass sie im Film so echt und lebensnah wirken, wie man es nur ganz selten sieht. Und glaubwürdig das alte Ehepaar geben können, mit all seinen kleinen Scherzen und winzigen Gesten und der großen Verletztheit.

Auch die Teenager-Rollen sind gut besetzt. Mia Wasikowska, die Anfang des Jahres als "Alice im Wunderland" zu sehen war, macht sowieso durch ihre gute Rollenwahl und gute Leistungen von sich reden - so auch hier. Ihre Joni ist ein ernster kleiner Besserwisser, der durch den Vaterkontakt auf ganz berührende Weise ein bisschen aufgelockert wird. Josh Hutcherson als Laser bleibt gegenüber den überragenden Frauengestalten ein wenig blass, das mag aber dem Drehbuch so sehr wie dem Schauspieler geschuldet sein. Immerhin verkörpert der 28-Jährige glaubwürdig einen 15-jährigen Milchbubi, das allein ist Anerkennung wert.

Sie stellen Fragen und wollen Antworten: Joni (Mia Wasikowska) und Laser (Josh Hutcherson). All Right.

Sie stellen Fragen und wollen Antworten: Joni (Mia Wasikowska) und Laser (Josh Hutcherson). All Right.

Mark Ruffalo, der kernige Typ, für den Frauen von Jennifer Aniston bis Cameron Diaz schwärmen, spielt hier vielleicht die Rolle, für die er geschaffen wurde. Paul ist cool, Paul ist sexy, er ist klug und interessiert und ein Freigeist. Und Ruffalo präsentiert sich sowohl auf dem Acker als auch in den ausgiebigen Sexszenen mit Julianne Moore viril und schön wie ein griechischer Gott. Gute Wahl!

Fazit:

Wer an diesem Film herummäkelt, weil er eine Lesbe Spaß beim Sex mit einem Typen haben lässt, wie es im Internet mancherorts geschiet, der hat den Film nicht verstanden. "The Kids Are All Right" ist kein Film über die Probleme einer lesbischen Beziehung, über Mann-Frau-Konflikte oder die Frage, ob Kindern bei zwei Müttern noch ein Vater fehlt. Und schon gar nicht Hollywoods Angriff auf die Glaubwürdigkeit einer Frau-Frau-Beziehung. Sondern ein Familienfilm mit Allgemeingeltung. Ein Film über allerlei, das passieren kann, weil Menschen in einer Familie nun einmal für immer miteinander verstrickt sind - ganz egal, ob sie, ihr Leben oder die Beziehungen zueinander sich verändern, wachsen und sich anpassen müssen.

Genau dies Gefühl, einfach mitten im Leben und bei echten Menschen zu sein ist es, das diesen Film zu etwas Besonderem macht. Die Einschnitte und Verletzungen bei den Helden rufen Mitgefühl hervor und verleihen den Figuren Tiefe. Der Humor sorgt dafür, dass es trotz allem kein Problemfilm wird. Und die Schauspieler lassen ihre Charaktere so sehr aufleben, dass man sie einfach ins Herz schließen muss. Ein Film, nach dem man das Kino mit einem Lächeln verlässt - am liebsten heim zur abenteuerlichen Familie.

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