Karl Lagerfeld

"So schlecht bin ich gar nicht"

In Paris präsentiert Karl Lagerfeld seine besten Bilder. Gala sprach mit ihm über die Anfänge als Fotograf, faule Kollegen und seine Muse Baptiste

Karl Lagerfeld

Karl Lagerfelds Agentin Caroline Lebar ist zuversichtlich

. "Er kann jede Sekunde eintreffen", sagt sie. Immerhin, im Pariser "Europäischen Haus der Fotografie" hat sich bereits an jeder Ecke Sicherheitspersonal postiert. Aber erfahrungsgemäß muss man bei dem Modezar, der in Frankreich nur "le kayser" genannt wird, mindestens eine Stunde Wartezeit einplanen.

Überraschung: Keine fünf Minuten später ist Lagerfeld da und lädt Gala zu einem Rundgang durch die Ausstellungsräume ein. Bestens gelaunt plaudert er über seine Fotografien aus den vergangenen 20 Jahren. Beeindruckend sind vor allem die Porträtaufnahmen. Jack Nicholson, Nicole Kidman, Gérard Depardieu - Lagerfeld hat fast jeden fotografiert, der Rang und Namen hat. "Es ist das beste Porträt, das jemals von mir gemacht wurde," wird der Regisseur David Lynch später erzählen. Er ist extra für die Vernissage angereist. Ebenfalls dabei und omnipräsent wie immer: Lagerfelds Schützling Baptiste Giabiconi. Er posiert noch unermüdlich für die Presse, als der Meister längst im VIP-Bereich verschwunden ist.

"Es ist das beste Porträt, das je ein Fotograf von mir gemacht hat. Ich finde, ich sehe richtig gut aus", sagt Regisseur David L

"Es ist das beste Porträt, das je ein Fotograf von mir gemacht hat. Ich finde, ich sehe richtig gut aus", sagt Regisseur David Lynch über sein Porträt von 2007.

Sie haben 1987 angefangen, als Fotograf zu arbeiten. War das immer schon ein Traum von Ihnen?

Ganz und gar nicht, es war ein Albtraum! Wir wurden kurz vor einer Chanel-Show mit einem Pressedossier nicht fertig, weil ich die Fotos so schlecht fand. Wir mussten damals immer mit Anfängern oder Has-beens arbeiten, da berühmte Fotografen so etwas natürlich nicht machten. Nach drei Versuchen sagte Eric Pfrunder, der Kreativdirektor von Chanel, zu mir: Also, wenn du so schwierig bist, dann mach es doch einfach selbst! Ich war damals ein blutiger Anfänger. Genau wie die Leute heute, die mit ihren Mobiltelefonen Fotos schießen.

Zum Fotografieren gehört viel technisches Know-how. Wie haben Sie sich das angeeignet?

Na, so dumm bin ich ja nun nicht. Mode und Zeichnen habe ich schließlich auch gelernt, ohne je auf einer Modeschule oder Kunstakademie gewesen zu sein.

Viele Ihrer Bilder erinnern an Malerei.

Ursprünglich wollte ich Illustrator werden. Ich schaue also durch die Augen eines Illustrators. Oder eines Stummfilm-Regisseurs. Ich liebe Stummfilme, es gibt nichts Ermüdenderes als Menschen, die zu viel reden. Aber ansonsten hat das mit Malen nichts zu tun! Einige Fotos habe ich mit Lidschatten bearbeitet, er wird Millimeter für Millimeter aufgestempelt.

Sie benutzen zur Bearbeitung Lidschatten für die Augen?

Richtig. Wenn man das so will, muss man es eben so machen. Die Eyeshadows hole ich mir aus Japan. Nirgends sonst gibt es so viele Farben.

Karl Lagerfeld zeigt im Pariser "Europäischen Haus der Fotografie" rund 300 seiner Bilder. Die Ausstellung "Parcours de travail"

Karl Lagerfeld zeigt im Pariser "Europäischen Haus der Fotografie" rund 300 seiner Bilder. Die Ausstellung "Parcours de travail" ist noch bis zum 31. Oktober zu sehen.

Arbeiten Sie auch mit dem Computerprogramm Photoshop?

Für Mode schon, aber so wenig wie möglich. Denn wissen Sie, Photoshop ist etwas für Faule. Wenn man sich Mühe gibt mit dem Licht und all dem, dann braucht man das eigentlich kaum. Neulich habe ich mich mit Claudia Schiffer darüber unterhalten. Sie hatte gerade Bilder mit einem sehr bekannten Fotografen gemacht, den ich hier jetzt nicht nennen will. Sie erzählte, sie habe ganz hässliche Augenringe gehabt und die Fotos seien grauenhaft geworden. Aber das Ergebnis nachher war toll. Sie meinte, er müsse den Kopf da und das Bein dort hergenommen haben, sie habe sich gar nicht wiedererkannt. Am Ende sieht mit Photoshop doch alles gleich aus

Gibt es eine unverkennbare Lagerfeld-Handschrift?

Ach, so was ist mir egal. Ich arbeite mit meinem Instinkt, und der reflektiert zwangsläufig das, was ich bin. Wenn ich anfange, meinen Stil zu beschreiben, verliere ich jegliche Spontanität. Ich gebe mir selber einen Fußtritt, um nicht zu sehr an meinen eigenen Ideen zu hängen. Nur so sieht man, was hinter der Tür noch passieren kann.

Karl Lagerfeld scherzt mit seinem Lieblingsmodel Bap­tiste Giabiconi (r.). Die Serie mit dem Franzosen fotografierte er 2010 für

Karl Lagerfeld scherzt mit seinem Lieblingsmodel Bap­tiste Giabiconi. Die Serie mit dem Franzosen fotografierte er 2010 für den Band "The Beauty Of Violence".

Betrachten Sie Modefotografie als Kunst?

Ich mache überhaupt keine Kunst! Ich mache Fotos. Die Leute können nachher selber entscheiden, was es ist. Aber ich bin sehr dagegen, Modefotografie zum armen Verwandten der Kunst zu machen. Mode ist der Ausgangspunkt bei mir, und ich habe da gar keine Komplexe. Es gibt berühmte Fotografen, bei denen man sich nie an etwas anderes erinnern wird als an ihre Modefotos. So wie zum Beispiel Richard Avedon immer für "Dovima mit Elefanten" in Erinnerung bleiben wird.

Für welches Bild würden Sie gern in Erinnerung bleiben?

Das ist eine Frage, die ich mir nicht stelle. Weil ich das gar nicht beurteilen kann. Außerdem soll man sie ja alle lieben. Sonst wäre man wie eine Mutter, die ihr krankes Kind abgibt.

Baptiste Giabiconi haben Sie sogar eine ganze Wand in der Ausstellung gewidmet. Warum?

Baptiste verkörpert meine Ästhetik, was Männer angeht - so wie das für Freja Beha oder Inès de la Fressange bei den Frauen gilt, die ich ebenfalls immer wieder inszeniere. Er ist eine Art Idealisierung. Aber ich lege im Allgemeinen keinen besonderen Wert darauf, mit vielen Männermodels zu arbeiten. Wenn ich ein gutes Mannequin habe, bleibe ich dabei. So einfach ist das.

Baptiste erzählte, die Beziehung zwischen ihnen sei undefinierbar. Wie sehen Sie das?

Man kann ihn ruhig meine Muse nennen oder meinetwegen Adoptivkind. Aber ich bin nun mal nicht sein Vater oder seine Familie. Er wohnt auch nicht ständig bei mir. In Paris hat er sein eigenes Appartement. Von all den Jungs hat er schließlich das meiste Geld verdient. Aber ich finde ihn witzig, ich habe ihn gern um mich.

Er soll ja bald eine Sängerkarriere starten. Unterstützen Sie ihn dabei?

Nein, damit habe ich nichts zu tun! Will ich auch nicht. Das soll er mal alleine machen. Ehrlich gesagt finde ich seine Entourage auch eher mittelmäßig. Ich hatte nicht mal Lust, das CD-Cover zu machen. Außerdem sollte er jetzt langsam mal Englisch lernen! Aber Monsieur ist da ein bisschen faul.

Im Gegensatz zu Ihnen. Sie sind unglaublich diszipliniert.

Das kostet mich aber überhaupt keine Anstrengung. Mein größtes Hobby ist arbeiten. Es ist wie eine Art Bulimie, im positiven Sinne.

Die Ausstellung heißt "Parcours de travail", zu deutsch "Karrierepfad". Was haben Sie gegen die Bezeichnung Retrospektive?

Was mich am meisten beschäftigt, ist das Foto, das ich als nächstes mache. Ich interessiere mich nicht für das, was vergangen ist. Sonst läuft man Gefahr, Dinge einfach noch mal zu machen. Um die Ausstellung habe ich mich im Übrigen überhaupt nicht gekümmert. Ich habe sie gestern zum ersten Mal gesehen.

Wie finden Sie das Ergebnis?

Ich finde das ganz hübsch. So schlecht bin ich gar nicht.

Estelle Marandon

Claudia Schiffer + Karl Lagerfeld

20 Jahre Zusammenarbeit

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