Eros Ramazotti
© WireImage.com Eros Ramazotti

Eros Ramazotti Aufreißer? Das war einmal ...

Nach vier Jahren Pause geht Eros Ramazzotti wieder auf Welttournee. Gala traf den italienischen Superstar bei seinem Konzert in Brüssel

Knapp zehn Minuten vor dem offiziellen Beginn

kippt die Stimmung im Brüsseler "Forest National": Die Fans, die bislang entspannt plauderten und sich darüber wunderten, warum die Bühne mit den neun Frachtcontainern aussieht wie ein Hafenterminal, beginnen rhythmisch zu klatschen, "Eros, Eros"-Rufe werden laut und lauter.

Live gibt der Italiener seinen Fans alles - irgendwann sogar sein Hemd.
© Getty ImagesLive gibt der Italiener seinen Fans alles - irgendwann sogar sein Hemd.

Lange lässt ihr Star sie nicht warten. Kurz nach 19 Uhr betritt Eros Ramazzotti die Bühne, grüßt nach links - hysterisches Kreischen, grüßt nach rechts - hysterisches Kreischen. Dann spielt er den ersten von insgesamt 22 Songs. Es ist "Appunti e note" vom aktuellen Album "Ali e radici", aber das spielt eigentlich keine Rolle. Alte wie neue Hits werden an diesem Abend lauthals mitgesungen, die Fans sind Teil der Show. Kein Problem, dass Ramazzotti seine Ansagen auf ein gelegentliches "Brüssel!" beschränkt - das wird ebenso frenetisch bejubelt wie jede seiner Gesten. Auf der monumentalen Bühne wirkt der Italiener leicht verloren. Wie er sich etwas linkisch in immer denselben Posen übt, das ist angesichts des Gigantismus der Show (zwölf Menschen sind nur für Videos und Licht zuständig) erfrischend menschlich. Als Performer ist Ramazzotti das Gegenteil von Michael Jackson. Ein Arbeiter, kein Genie. Er hat die Kraft und er hat den Willen, das genügt.

Wenige Stunden zuvor: keine Spur von Dolce Vita. Der Wind peitscht Regen durch Brüssel und vertreibt so die meisten der knapp 100 Fans, die sich vor dem Luxushotel "Amigo" eingefunden haben, um einen Blick auf ihr Idol zu werfen. Der Popstar sitzt sowieso längst in seinem schwarzen Minivan und lässt sich zum "Forest National" chauffieren, einem ovalen Zweckbau in einem Vorort, wo er an diesem Abend zum dritten Mal hintereinander auftreten wird; zweimal hat er die 8000er-Halle ausverkauft, heute werden etwa 7000 Zuschauer erwartet.

Um 17 Uhr ist noch nicht viel los: Vielleicht 1.000 Fans sind schon da, die meisten sitzen auf dem Hallenboden vor der Bühne, um später ihrem Star so nah wie möglich zu sein. Unter der Bühne, inmitten des Gewirrs aus Kisten und Kabeln, schlummern die Roadies. Auch Eros Ramazzotti wirkt kurz vor seinem Auftritt noch ein wenig schläfrig. In der Kantine isst er schweigsam einen Teller Pasta mit gehackten Tomaten, frisch zubereitet von dem Koch, der ihn auf seiner ein Jahr dauernden Welttournee begleitet (in Deutschland spielt er im März 2010). Das Interview mit Gala findet in einem gemütlichen Backstageraum statt. Es duftet nach Räucherstäbchen, Eros zupft ein paar Töne auf seiner Gitarre. "Sind Sie müde, Herr Ramazzotti?", wollen wir wissen. "Nein", antwortet er, "nur sehr entspannt." Gleich nach unserem Gespräch wird er noch eine Massage erhalten und ein wenig dösen. Kraft tanken für die zwei Stunden auf der Bühne. Er trägt kunstvoll zerrissene Jeans, T-Shirt, Sneaker, spricht ruhig, aber bestimmt, seine Augen blicken sanft, aber wachsam.

Als Mensch ist Ramazzotti das Gegenteil seines Landsmanns Luca Toni. "Der italienische Super-Aufreißer, das ist doch ein Relikt aus der Vergangenheit", sagt er. Und versichert, dass er sich schon lange nicht mehr mit Groupies einlässt: "Das war nie Liebe, nur Instinkt. Und am Ende war man einsamer als vorher." Ein richtiger Mann zu sein, das hat für ihn heute eine ganz andere Bedeutung: "Man muss nach seinen Prinzipien leben, versuchen ein gutes Leben zu führen und die Welt zu verbessern." Ob er glaubt, mit seiner Musik die Welt verändern zu können? "Nein", sagt er und lacht. "Aber eine Welt ohne Musik, die wäre unvorstellbar." Seine Songs seien für ihn die Möglichkeit zu kommunizieren, mitzuteilen, was er denkt und fühlt. "Ich bin ein glücklicher Mensch, ich leide nicht. Ich möchte einfach nur Geschichten erzählen, ganz normale Geschichten aus meinem ganz normalen Alltag." Den verbringt Ramazzotti nicht in seiner Geburtsstadt Rom, sondern in Mailand. Weil man ihn dort zwar erkennt, aber in Ruhe lässt. Und vor allem, weil dort Aurora lebt, die zwölfjährige Tochter, die aus seiner Ehe mit Michelle Hunziker stammt. "Wäre ich heute nicht auf Tour, wäre ich bei Aurora", sagt er sanft. "Der Sonntag gehört nur ihr."

Vier Jahre hat Eros Ramazzotti Pause gemacht vom Pop-Business, nur sporadisch Konzerte gegeben. "Ich brauchte Zeit für mich, Zeit mich auszuruhen." Denkt er jemals daran, sich zurückzuziehen? "Nein, aber eine so lange Tour wie jetzt werde ich mit 60 sicher nicht mehr machen." Und was sind die Alternativen? "Ich möchte Wein anbauen." Als Popstar ist Ramazzotti das Gegenteil von Robbie Williams. Keine Neurosen, keine Allüren, keine Skandale. Obwohl: Direkt nach dem Konzert versammelt sich ein halbes Dutzend sehr junger, sehr geschminkter Mädchen vor seiner Umkleide. Etwa doch Groupies? Nein, antwortet sein Manager Bruno Bugiani, nur gute Freunde. Man glaubt es sofort.

Marcus Müntefering