Castingshows

Zwei Gewinner packen aus

Zwei ehemalige Castingshow-Gewinner sprechen in einem neuen Buch zum ersten Mal ganz offen über Drogen, Sex und die Abzocke im Musikbusiness

Markus Grimm, Martin Kesici

Markus Grimm, Martin Kesici

Einmal der ganz große Ruhm und zurück. Martin Kesici und Markus Grimm haben das erlebt: Beide gewannen eine Castingshow, beide hatten Nummer-1-Singles, verkauften tausende von CDs und kosteten ihren Erfolg voll aus - doch das ist jetzt vorbei. In dem Buch "Sex, Drugs und Castingshows" (432 Seiten für 17,90 Euro, riva Verlag) erzählen die beiden Ex-Stars offen darüber, was hinter den Kulissen von Castingshows wirklich passiert.

Die beiden Ex-Popstars heute: Links "Nu Pagadi"-Sänger Markus Grimm und rechts "Starsearch"-Rocker Martin Kesici

Die beiden Ex-Popstars heute: Links "Nu Pagadi"-Sänger Markus Grimm und rechts "Starsearch"-Rocker Martin Kesici

Jetzt fragt man sich natürlich: Warum braucht die Welt so ein Buch, nachdem mittlerweile jeder Castingshow-Fünftplazierte seine Memoiren veröffentlicht hat? Aber im Gegensatz zu "Ehrlich", dem Buch von , wo der Titel schon das Enthüllenste ist, lassen einen die beiden Musiker wirklich hinter die Kulissen des ganzen Casting-Zirkus schauen und sind dabei auch kritisch mit sich selbst.

Markus Grimm

25 Jahre alt ist der Musikjournalist und Gelegenheitsmusiker, als er für wenige Monate ein Star in Deutschland wird: Ende 2004 gehört Markus Grimm zu den vier Gewinnern der vierten Staffel von "Popstars" auf "Pro Sieben", aus denen dann im Eiltempo die Rockband Nu Pagadi geformt wird. Es folgten eine Nummer-1-Single ("Sweetest Poison") und ein Nummer 1-Album - danach der Absturz. Schon die zweite Single kratzt nur noch an den Top 20, die Band verkracht und trennt sich schließlich. Das große Geld hat Markus in dieser Zeit nicht gemacht: "Am Ende blieb für uns kaum was übrig, der Spruch 'Außer Spesen nichts gewesen' trifft es ziemlich genau", erzählt er in dem Buch.

Der Grund dafür sind die Knebelverträge (in dem Buch abgebildet), die die damaligen Casting-Kandidaten schon vor dem Gewinn der Show unterschreiben mussten. Millionär ist trotz tausender verkaufter Platten und einer Tournee keiner der vier "Nu Pagadi"-Mitglieder geworden. In den neun Monaten, in denen es die Band gab, habe jeder knapp 45.000 Euro verdient, davon gingen dann aber noch die Management-Gebühren, die Videokosten, Fahrtkosten, Geld für Klamotten usw. ab, listet Markus in dem Buch auf. Außerdem sei die Band von ihrem Manager über den Tisch gezogen worden - so sollen angeblich von Grimms' Kreditkarte unter anderem Mietwagen für andere Bands des selben Managements bezahlt worden sein.

Nu Pagadi 2005 auf der Höhe ihres Erfolges: (von rechts) Markus Grimm, Doreen Steinert, Kristina Dörfer, Patrick Boinet

Nu Pagadi 2005 auf der Höhe ihres Erfolges: (von rechts) Markus Grimm, Doreen Steinert, Kristina Dörfer, Patrick Boinet

Offen und ehrlich erzählt der Sänger von dem schwarzen Loch, in dem er nach dem Ende der Band fiel: Die Schulden, die Selbstzweifel und dass er immer wieder angepöbelt wurde, sogar Schläge wurden ihm angedroht: "Es gibt Tage, an denen ich mit meiner Vergangenheit nichts zu tun haben will. […] manchmal beneide ich die Menschen, die einfach so auf die Straße gehen können, ohne sich Sorge machen zu müssen, ob sie gleich vielleicht auf asoziales Pack treffen oder gleich wieder Prügel einstecken müssen." Mittlerweile ist aber wieder mit sich im Reinen und macht auch wieder Musik - vor weitaus weniger Publikum.

Martin Kesici

Ein richtig harter Rocker, längst dem Teeniealter entwachsen, gewinnt eine Casting-Show und wird zum Mädchenschwarm. Klingt nach Hollywood, ist aber die Geschichte von Martin Kesici. Der Berliner Junge setzt sich 2003 als Sieger der ersten Staffel der "Sat.1"-Show "Starsearch" durch und landet mit seiner Single "Angel of Berlin" direkt auf der Nummer 1 in den deutschen Charts.

Martin Kesici 2008 auf dem roten Teppich in Berlin

Martin Kesici 2008 auf dem roten Teppich in Berlin

Mit dem Gewinn kommen der Ruhm, die Fans und 150.000 Euro Siegprämie, für einen arbeitslosen Bauarbeiter natürlich eine krasse Erfahrung. Besonders die großen Auftritte bei Events wie "The Dome" vor 15.000 schreienden Fans sind Martin im Gedächtnis geblieben - die belohnten nämlich jede einzelne Bewegung des Rockers mit unglaublich lautem Kreischen. Heute sieht der Sänger all das humorvoll: "Wahrscheinlich hätte ich auch einfach ins Mikro furzen können und die hätten da unten immer noch eine 110-Dezibel-Geräuschkulisse erzeugt".

Musikalisch dagegen war die Casting-Erfahrung für ihn ein Reinfall, denn die Produzenten wollten ihn in ein fertiges Schema pressen: Die Songs für sein erstes Album waren schon ausgesucht - Mitspracherecht gab es keins. Als Martin Kesici sich zum Beispiel weigerte, ein besonders schnulziges Lied zu singen, bekam er nur zu hören. "Deine Stimme gehört uns und du musst singen, was wir dir sagen".

Richtig angekommen ist Martin in der Glitzerwelt der Schönen und Reichen nie - dafür war er wohl nicht kompromissbereit genug. Als der Erfolg dann irgendwann weniger wird, ist der störrische Rocker der Plattenfirma dann eines Tages zu unbequem, und er wird rausgeschmissen. Von 0 auf 100 und wieder zurück - keine einfache Erfahrung. Heute singt der mittlerweile 35-Jährige mit seiner Band in kleinen Hallen, aber dafür macht ihm die Musik zumindest endlich wieder richtig Spaß.

Fazit

Das Buch ist ein echter Blick hinter die Kulissen und keine geschönte Promi-Biographie. Martin Kesici und Martin Grimm nehmen kein Blatt vor den Mund und sparen auch nicht an Selbstkritik: Wie kann es dazu kommen, dass zwei gestandene Musiker sich vor den Casting-Karren spannen lassen und wie geht man damit um, wenn einen auf einmal keiner mehr will?

Markus Grimm & Martin Kesici: "Sex, Drugs & Casting-Shows"  (432 Seiten für 17,90?, riva Verlag)

Markus Grimm & Martin Kesici: "Sex, Drugs & Casting-Shows" (432 Seiten für 17,90€, riva Verlag)

Natürlich erzählt das Buch nichts, was man als kritischer Zuschauer nicht zumindest geahnt hätte, trotzdem ist man doch immer wieder schockiert über die Unmenschlichkeit in dem Business. Markus Grimm zum Beispiel erzählt über ein Fitness-Training bei "Popstars": "Für gute Bilder wird fast alles getan. Wir joggten mit D! durch unbefestigtes Gelände. Ich war so fertig, dass ich mich an meinem Getränk verschluckte und mich mitten im Laufen übergeben habe. Der Kameramann hielt drauf, und der Redakteur schrie: 'Nimm das mit, das ist gut!' Ich kam mir vor wie ein Stück Dreck!"

Das Buch liest sich spritzig und vor allem voller Galgenhumor. Martin und Markus lassen nichts aus, von Drogen über Sex mit Groupies oder einer ordentlichen Portion Promi-Bashing (, DJ Ötzi und natürlich ). Auch der Vater von "DSDS"-Zicke Annemarie Eilfeld darf in einem Gastkommentar ordentlich vom Leder ziehen und wirft "Deutschland sucht den Superstar" vor, "eine billige Boulevard-Show" mit vorher festgelegtem Drehbuch zu sein.

Kurzum - "Sex, Drugs & Castingshows" liest sich spannend und sehr unterhaltsam, ist also für jeden Casting-Fan und vor allem für Kritiker von Formaten wie "DSDS" und "Popstars" Pflichtlektüre.

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