Berlinale: Moritz Belibtreu
© Getty Images Moritz Belibtreu

Berlinale Buhrufe für deutschen Film

Mit laut geäußerter Empörung und mit stillem Schock reagierte das Berlinale-Publikum auf den deutschen Beitrag "Jud Süß - Film ohne Gewissen" mit Moritz Bleibtreu, Tobias Moretti und Martina Gedeck

Es kommt nicht oft vor, dass ein Film bei der Berlinale so laute, große Ablehnung erfährt, wie das neue Werk von Oskar Roehler ("Der alte Affe Angst") am Donnerstag Abend (18.02.). Das liegt nicht an der Leistung der Schauspieler, die eher Beifall findet. Das Problem liegt in der Natur des Filmes, und der Geschichte, die er erzählt.

Erzählt werden soll eine Geschichte um die Entstehung des Nazi-Propagandafilms "Jud Süß" 1939. Minister Josef Goebbels (Moritz Bleibtreu) wählt Ferdinand Marian (Tobias Moretti) als Hauptfigur für einen Film aus, der einen historischen Stoff über einen herzoglichen Finanzbeamten im 18. Jahrhundert, Joseph Süß Oppenheimer, neu erzählt. Und dabei die Hauptfigur zu einem Judenklischee im Nazidenken umgestaltet. Der echte Marian wurde damals durch die Rolle berühmt, aber nicht glücklich - er bekam nach dem Krieg ein Berufsverbot und starb 1946 unter nicht endgültig geklärten Umständen, bis heute heißt es offiziell bei einem Autounfall.

"Jud Süß - Film ohne Gewissen" will nun Marians Geschichte erzählen und seine Erlebnisse im Umfeld des Filmes. Goebbels will ihn bewegen, den Juden besonders mies erscheinen zu lassen. Marian selbst, dessen Frau (Martina Gedeck) nur in dieser Variante eine Halbjüdin sein soll, soll hingegen eher versuchen, den Süß nett und sympathisch zu spielen, um das Judenimage im Lande eher zu verbessern. Ein Spielfilm soll es sein, betont der Regisseur. Das auch im Film deutlich zu machen scheint misslungen. Kern der Kritik am Film ist die dokumentarische Anmutung in Szenen mit "Jud Süß"-Originalmaterial, das Schwanken zwischen Realität und Fiktion (familiärer Hintergrund der Frau, Selbstmord nach Unfall), zwischen Drama und Satire auch in der Anlage der schauspielerischen Rollen. Kitsch und Geschichtsfälschung, ruft es aus den Reihen der Kritiker - erst bei der Berlinale-Pressevorführung, hinterher auf Papier und Monitor. Er verherrliche den Marian zum Judenretter. Ein bisschen erinnert das auch an Diskussionen um das Thema Leni Riefenstahl, Filme und Bücher dazu. Die Deutschen tun sich einfach noch immer schwer mit Filmen um Personen aus diesem düsteren Kapitel Geschichte.

Einig ist man sich auf der Berlinale darin, dass hier jedenfalls kein Bär errungen wurde. Fast einig zumindest. Der Verleih, Concorde Film, schickt am nächsten Morgen jedenfalls eine Pressemitteilung herum, nach der der Film begeistert gefeiert und die Schauspieler von begeisterten Zuschauern bejubelt worden sein.

Wie das normale deutsche Kinopublikum den Film einschätzen wird, werden wir ab Herbst 2010 erfahren.

cfu