Bitte lächeln! Die aktuelle "Lindenstraßen"-Crew auf einem Bild
© WDR/Thomas Rabsch Bitte lächeln! Die aktuelle "Lindenstraßen"-Crew auf einem Bild

Lindenstraße Zwölf Fakten zur Kultserie

Am Sonntag feiert die Kultserie "Lindenstraße" im Ersten ihr 30-jähriges Jubiläum. Hier zwölf Fakten, die Sie vielleicht noch nicht wussten.

Am Sonntag um 18:50 Uhr ist es wieder soweit: Ein wilder Streicherauftakt kündigt im Ersten die "Lindenstraße" an. Es folgt eine heimelige Mundharmonika-Melodie, die beinahe jeder Deutsche kennt. Doch ist der 6. Dezember kein gewöhnlicher Ausstrahlungstermin für die "Lindenstraße" - die Mutter aller deutschen Seifenopern feiert ihr 30-jähriges Jubiläum. Zur Feier des Tages gibt es eine Live-Folge. Die Jubiläumsausgabe "Hinter der Tür" wird am Nikolaus-Tag live im Studio in Köln gespielt und gesendet.

Trotz der massiven Kritik, die der ersten "Lindenstraße"-Folge am 8. Dezember 1985 folgte, produzierte der Erfinder Hans W. Geißendörfer immer weiter und weiter. Mittlerweile gehört die ausufernde Melange aus täglichen Konflikten und Dramen um Aids, Sterbehilfe, Alkohol- und Drogensucht, Kernkraft, Krankheit, Fremdenangst, Rechtsradikalismus, Sekten und Mafia zur deutschen Alltagsbefindlichkeit. Der 2010 verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief, 49, der bei der Serie von 1986 bis 1987 Aufnahmeleiter war, nannte seine Erfahrungen "grauenvoll".

Die anfangs gewaltige Einschaltquote von über zehn Millionen Zuschauern hat zwar deutlich nachgelassen, doch die Serie kann sich über zahlreiche treue Fans freuen. Treffend beschrieb ein Zuschauer seine Gefühle für die "Lindenstraße" auf Facebook: "Ich liebe diesen Scheiß einfach. Ich bin damit groß geworden."

Die wahre Lindenstraße

Geißendörfers Vorbild ist ein Mehrfamilienhaus im mittelfränkischen Neustadt an der Aisch, wo er seine Kindheit verbrachte. Die Serie ist nach der real existierenden Lindenstraße in Ummendorf (bei Biberach) in Oberschwaben benannt. Drehbuchautorin Barbara Piazza wohnte selbst mehrere Jahre in der Lindenstraße. Geißendörfer wurde außerdem von der britischen Erfolgssoap "Coronation Street" inspiriert. Die deutsche "Lindenstraße" spielt in München, gedreht wird aber in den WDR-Studios in Köln-Bocklemünd, wo für die Außenkulisse eine 150 Meter lange Fassadenattrappe mit Cafés, Bioladen, Arztpraxis, Friseursalon, Reisebüro "Träwel und Iwends" und dem Restaurant "Akropolis" gebaut wurde.

Die ewigen Stars

Topstar des Formats ist Marie-Luise Marjan, 75, als Mutter Helga Beimer. Sie ist seit dem Start vor 30 Jahren dabei. Ebenfalls von Anfang an mit von der Partie sind weitere sieben Schauspieler: Andrea Spatzek (56, Gabi Zenker), Joachim Hermann Luger (72, Hans Beimer), Moritz A. Sachs (37, Klaus Beimer), Ludwig Haas (82, Dr. Ludwig Dressler), Hermes Hodolides (52, Vasily Sarikakis), Sybille Waury (45, Tanja Schildknecht gesch. Dressler) und Amorn Surangkanjanajai (62, Gung Pham Kien).

Von Kindheit an dabei

Julia Stark, 28, und Johannes Scheit, 26, spielen die Figuren Sarah Ziegler und Tom Ziegler, seit sie Babys waren. Scheit hatte seinen ersten Auftritt in der Serie, als er sieben Monate alt war, Julia Stark wurde mit einem Jahr im Casting ausgewählt. Moritz A. Sachs spielt die Rolle des Klaus Beimer, seit er sieben Jahre alt ist. Er wuchs quasi mit der "Lindenstraße" auf. Auch Sontje Peplow (34, Lisa Dagdelen) und Rebecca Siemoneit-Barum (38, Iffi Beimer) spielen ihre Rollen seit ihrer Kindheit.

Wo Til Schweigers Karriere begann

Nach seiner Ausbildung an der Schule des Theaters in Köln und einem Engagement am Contra-Kreis-Theater in Bonn, 1989, wurde Til Schweiger (51, "Honig im Kopf") 1990 für die "Lindenstraße" verpflichtet. Zwei Jahre lang spielte er den Jo Zenker. Nach seinem ersten großen Kinoerfolg mit "Manta, Manta", 1991, verließ Schweiger zwar 1992 die "Lindenstraße", doch seine Figur blieb präsent. Sie tauchte immer wieder in Dialogen auf, wenn es hieß, dass "der Jo in Hollywood" sei. Und Schweigers spätere Ehefrau Dana Carlson spielte in den Folgen 489 und 490 als Pat Wolfson mit.

Die Toten der "Lindenstraße"

Wenn eine TV-Serie bald 30 Jahre andauert, gibt es natürlichen Schwund zu beklagen. 19 Darsteller, die in Hauptrollen mitspielten, sind im Laufe der Serie gestorben. Darunter unter anderem Annemarie Wendl, bekannt als Else Kling, Herbert Steinmetz (Joschi Bennarsch), Johanna Bassermann (Philomena Bennarsch), Fritz Bachschmidt (Gottlieb Griese), Stefanie Mühle (Christina Barnsteg), Raimund Gensel (Franz Schildknecht), Tilli Breidenbach (Lydia Nolte), Ursula Ludwig (Nachfolgerin von Tilli Breidenbach als Lydia Nolte), Robert Zimmerling (Hubert Koch), Guido Gagliardi (Enrico Pavarotti), Inga Abel (Dr. Eva-Maria Sperling) und Ute Mora (Berta Griese).

Am 4. Oktober 2012 starb überraschend Wolfgang Frank, der in 132 "Lindenstraße"-Folgen von 2000 an Regie geführt hatte, und am 28. Juli 2014 stürzte Philipp Brammer, der in 128 Folgen als Lehrer Jan Künzel zu sehen war, in den bayerischen Alpen tödlich ab. Im Juni starb der Hamburger Schriftsteller, Schauspieler und Übersetzer, Harry Rowohlt. Er verkörperte in der Serie Penner Harry.

Mord und Totschlag

In der "Lindenstraße" gab es in 30 Jahren 46 Todesfälle. Die meisten starben an Krankheit, sechs begingen Selbstmord, und einige mussten auf dramatische Art und Weise das Zeitliche segnen. So tappte der Maler Franz Schildknecht völlig betrunken in den Hinterhof und brach dort zusammen. Eine Woche lag er dort unentdeckt und erfror schließlich. Richtig blutig wurde es in Folge 774 (1.10.2000): Mary Kling entmannte ihren ungeliebten Mann Olaf mit einer Geflügelschere. Und in Folge 507 (20.8.1995) erschlug Lisa Hoffmeister den Ex-Priester Matthias Steinbrück mit der Bratpfanne. Anschließend legte sie den Toten mit Hilfe von Olli Klatt auf Bahngleise und ließ ihn von einem Zug überrollen. Die Tat wurde nie aufgeklärt.

Die Nackten der "Lindenstraße"

Immer wieder mal werden die Darsteller auch nackt gezeigt. So zogen beispielsweise Susanne Gannott als Beate Flöter und Ulrike Tscharre als Marion Beimer blank. Ines Lutz zog sich in Folge 824 (16.9.2001) als Franziska Brenner aus, in der gleichen Folge protestierten fünf splitternackte Frauen gegen "Pelz und Leder", was die scharfzüngige Hausmeisterin Else Kling (Annemarie Wendl) mit "so a Sauerei!" kommentierte. Lilian Büchner zeigte sich als Chantal Löhmer bei einer Liebesszene sehr freizügig.

Und als in der Serie ein Freund von Adi Stadler (Philipp Sonntag) an Prostatakrebs starb, ließen Vater Beimer (Joachim Luger), Ben, der Biker (Valentin Schreyer), Dr. Ludwig Dressler (Ludwig Haas) und Gastwirt Vasily Sarikakis (Hermes Hodolides) für eine Werbekampagne zugunsten der Prostatakrebsvorsorge für einen Kalender alle Hüllen fallen. Auch der "Playboy" hatte die Schönheiten der "Lindenstraße" entdeckt und präsentierte 1998 Anna Novak (spielte die Urszula Winicki) und 2006 Jacqueline Svilarov (Nina Beimer) nackt. Umgekehrt hatte ein "Playboy"-Chefredakteur, ein glühender "Lindenstraße"-Verehrer, einen Gastauftritt in der Seifenoper.

Der erste Schwulenkuss im TV

In Folge 225 (25.3.1990) küssen sich Dr. Carsten Flöter (Georg Uecker) und der Fiesling Robert Engel (Martin Armknecht) vor der Kamera - der erste Schwulenkuss in einer deutschen Serie. Ein Skandal! Der BR will eine Wiederholung der Folge nicht senden. Martin Armknecht erinnert sich in der Zeitung "Tagesspiegel": "Was für ein Wirbel. Ich hatte daraufhin ja auch um eine Kündigung bei der "Lindenstraße" gebeten, wollte den Robert-Engel-Strang nicht mehr weiter spielen. Die Reaktionen auf diesen Kuss waren mir einfach zu heftig, das ging bis zu Morddrohungen. Sätze wie "Du gehörst ins KZ" und so was."

Sticheleien gegen die Politik

Produzent Hans W. Geißendörfer hat seine "Lindenstraße" immer gern zu einem polarisierenden Debattenforum gemacht, wenn es um unbequeme Themen ging. In Folge 208 (26.11.1989) ließ er in der "Lindenstraße" über einen Anti-Kernkraft-Protest vor dem Privathaus von Umweltminister Töpfer berichten. Tatsächlich demonstrierte die Umweltbewegung Robin Wood zur selben Zeit wirklich mit einem Atommeiler-Modell vor dem Töpfer-Haus - mit Geißendörfers Wissen und trotz Verbots durch den WDR. Der Sender drohte Geißendörfer mit der sofortigen Absetzung der "Lindenstraße".

In der Folge vom 14.9.2014 wurde der Bau einer Moschee in München thematisiert. Die Konsequenz: "Wir haben nach der Folge Droh-Mails bekommen. Ich persönlich bin sogar als Salafist beschimpft worden", berichtet Geißendörfer in der "Bild am Sonntag". Und in Folge 149 (9.10.1988) nannte die "Lindenstraße"-Figur Chris Barnsteg (Stefanie Mühle) den damaligen bayerischen Umweltminister Peter Gauweiler (CSU) einen "Faschisten", weil er Aids-Kranke ghettoisieren möchte. Gauweiler klagt durch drei Instanzen - und verliert.

Berühmte Gäste

1994 traten die "Tatort"-Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit einer UNICEF-Spendendose in der "Lindenstraße" auf. Zitat der "Lindenstraße"-Grande Dame Amélie von der Marwitz (Anna Teluren): "Aber Sie gehören doch gar nicht in diese Straße. Sie sind doch die Kommissare Leitmayr und Batic." Und in Folge 1055 (19.2.2006) taucht sogar ein sardonisch lächelnder Larry Hagman alias "J.R. Ewing" auf: Er bucht im Reisebüro einen Flug nach Dallas.

Wie feiert die "Lindenstraße" ihr Jubiläum?

Um zu zeigen, dass die sonntägliche TV-Institution auch nach drei Jahrzehnten noch modern ist, wird die Jubiläumsfolge am Sonntag live aus dem WDR-Studio Köln-Bocklemünd gesendet. Wie der Sender mitgeteilt hatte, sollen tagesaktuelle Ereignisse spontan in die Handlung eingeflochten und das Ganze multimedial vernetzt werden.

Blick in die Zukunft

Die ARD hatte den Vertrag zuletzt bis 2016 verlängert - trotz stark rückläufiger Zuschauerzahlen. Ob die "Lindenstraße" auch ihren 40. Geburtstag noch erlebt, ist also nicht sicher. Das sieht auch Produzent Geißendörfer so, der anlässlich der 1500. Folge in einem Interview mit der Zeitung "HNA" sagte: "Ich finde es wichtig, die Quote zu verfolgen. Sie ist unser Maßstab. Die "Lindenstraße" wurde entwickelt, um ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Wir machen kein elitäres Nachtprogramm für Akademiker."