Raum: Brie Larson in "Room"
© PR/ Universal Brie Larson in "Room"

Raum Kleiner Raum, große Eindringlichkeit

Heißer Oscar-Anwärter 2016 ist die Geschichte über eine Mutter, einen Sohn und ihre ganz besonderen Lebensumstände. Ein Film mit verstörendem Doppeleffekt: Schaudern und Dahinschmelzen

Zwei Menschen auf neun Quadratmetern. Jack (Jacob Tremblay), der gerade fünf Jahre alt wird. Ma (Brie Larson), die in ihren Zwanzigern ist. Die sich um Jack kümmert, mit ihm spielt, mit ihm lernt, ihn wäscht, ihm essen gibt und mit ihm in einem Bett schläft. Die beiden sind immer zusammen. Es gibt sie - und "Raum", so nennen sie die vier fensterlosen Wände mit hoher Decke, in denen sie leben. Bett, Küchenzeile, Mikrowelle, Badewanne, Wandschrank, ein Teppich. Tisch und zwei Stühle. Wenn sie ihren täglichen Sport machen und von einer Wand zur anderen laufen wollen, dann müssen sie den Tisch und die Stühle vorher in der Badewanne verstauen.

Warum sie nicht raus gehen? Da ist eine dicke Metalltür. Ein Schloss. Und abends ein Piepen, wenn Jack schon im Wandschrank schläft. Dann gibt es eine dritte Person, einen Mann, "Old Nick" (Sean Bridgers), der ab und zu Tüten mit Lebensmitteln dabei hat und der mit Ma debattiert. Und mit ihr ins Bett geht. Und wieder verschwindet. Pieppiep.

Was aber passiert in einem Szenario, in dem Ma und Jack plötzlich nicht mehr allein mit sich in einem Raum sind?



Eine gut inszenierte Literaturverfilmung, begeisternde Darsteller

Regisseur Lenny Abrahamson ("Frank") orientiert sich stark an dem zugrundeliegenden Bestseller von Emma Donoghue, die selbst auch das Drehbuch verfasste. Besonders stark ist der Film in der Enge von "Raum", wo eine fast beängstigend enge, erstaunlich liebevolle und friedliche Atmosphäre zwischen Mutter und Sohn herrscht. Doch mit Jakes fünftem Geburtstag, seinem wachen Geist und zunehmender Neugier wird es schwieriger für die beiden. Wird Jack ewig glauben, die Leute auf dem unscharfen Fernsehbild seien erfundene Gestalten, die Welt aus dem TV nur ein Märchen? Die Leistungen der beiden Hauptdarsteller - die eine ein alter Hase, wenn auch ein bisher fast unentdeckter, der andere ein bezaubernder neunjähriger Beinahe-Newcomer - sind hier nicht zu hoch zu schätzen. Wenn man so wenig Licht und Platz und Umwelt hat und wenn die Kamera immer auf die Gesichter draufhält, um aus ihnen auch noch die kleinste Regung herauszupressen, dann ist das harte Arbeit für die Schauspieler. Hier klappt es hervorragend.

Schwächer wird der Film, sobald die Welt sich öffnet. Immer noch gut, aber mit einem Hang zum Klischee, fast schon zur Soap. Brie Larson bleibt herausragend in all ihrer Vergangenheitsbewältigung und Wut. Und auch die anderen Darsteller - insbesondere die Großeltern, die von wunderbaren Hollywood-Altstars wie Joan Allen, William H. Macy und Tom McCamus gespielt werden - versauen es nicht. Nur der Ton, der ist leicht off, zumindest im Vergleich zur intensiven ersten Stunde. Kleine Hürden, die den Film letztlich knapp am echten Meisterwerk vorbeischrammen lassen, der Nominierung als "Bester Film" zum Trotz.

Viel Lob von Kritikern und Zuschauern

Raum: Ma (Brie Larson) und Jack (Jacob Tremblay) zeigen uns glaubhaft ihre einzigartige Beziehung - und später auch ihre Konflikte
© PR/ UniversalMa (Brie Larson) und Jack (Jacob Tremblay) zeigen uns glaubhaft ihre einzigartige Beziehung - und später auch ihre Konflikte

Das alles ist natürlich Gejammer auf hohem Niveau - beim Kritikerportal "Rotten Tomatoes" erreicht "Raum" einen Zustimmungsgrad von 95 Prozent und auch die Zuschauerwertung liegt nur knapp darunter. Wie soll man ihn auch nicht mögen, einen Film, der so sehr an innige Liebe glauben lässt und an unvorstellbare Stärke, die daraus entstehen kann.

Ich musste schmunzeln beim erstaunlich friedlichen Zusammenleben dieser beiden Menschen auf engstem Raum und habe kurz versucht mir vorzustellen, wie es mir da wohl mit meiner wilden Kindermeute ergangen wäre. Denn allzeit verständnisvolle Koexistenz mit Vier- und Fünfjährigen halte ich ja für etwas, das es nur in Büchern und Filmen gibt. Ich war andererseits gepackt und tiefbewegt, als Ma und Jack sich darauf vorbereiteten, alles zu riskieren - das war so intensiv gespielt, wie man es gerne häufiger sehen möchte. Wie kriegt ein neunjähriger Knirps das bloß hin, will ich wissen!

Brie Larson wurde im Februar 2016 mit einem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Insgesamt war "Raum" bei den "Academy Awards" 2016 für vier Oscars nominiert und kommt am 17. März in die deutschen Kinos.

Von Claudia Fudeus, Digital-CvD bei GALA