Stil-Ikonen

Ritter des schrägen Geschmacks

Popstars lieben seine Mode ebenso wie Politiker, die Queen hat ihn sogar zum Ritter geschlagen: ein Besuch bei Englands erfolgreichstem Designer Sir Paul Smith

Sir Paul Smith

Sir Paul Smith

Alles an Sir Paul Smith ist very British.

Sein Stil, seine Manieren, vor allem aber sein Humor. Und so dauert es keine zwei Minuten, bis der Designer uns erst eine elektrische Hand ("Falls die Konferenzen mal langweilig sind") und dann eine Mini-Eisenbahn im Koffer ("Falls die Konferenzen mal sehr langweilig sind") vorgeführt hat.

Das Büro des 65-Jährigen im Londoner Stadtteil Covent Garden ist prallvoll mit solchen Kuriositäten, nennt es "Museum of Madness", den Ort, an dem er auf die oft schrägen Ideen für seine Mode und Design objekte kommt: "Mein Büro ist wie das Meer, die Flut spült neue Sachen herein, die Ebbe alte heraus." Paul Smith bestellt Kaffee für sich, Tee für seinen Gast, serviert werden die Getränke natürlich in Tassen, die er selbst mit seinem berühmten Multi-Streifen verschönert hat.

Und was hat der Modemacher, der pro Jahr 26 Kollektionen entwirft, wohl an? "Ich trage ausschließlich Paul Smith", sagt Paul Smith, schiebt flüsternd nach: "Kostet mich nichts." Und dann lacht er dieses unwiderstehliche Paul-Smith-Lachen, das zu sagen scheint: "Hey, das Leben ist ein großer Spaß!"

Sie machen Mode für Männer, Frauen und Kinder, designen außerdem Objekte vom Fahrrad bis zur Teetasse... verlieren Sie da nicht manchmal den Überblick?

Smiths aktuelle Frauenkollektion.

Smiths aktuelle Frauenkollektion.

Nein, mir war zum Beispiel schon im Fahrstuhl aufgefallen, dass Sie unter Ihrem Pulli ein Hemd aus meiner aktuellen London-Kollektion tragen.

Also eigentlich...

Stopp, sagen Sie nichts! Das Hemd ist aus der PS-Kollektion, die haben die kleineren Kragen. Sie sehen, ich weiß über alles Bescheid, was unter meinem Namen verkauft wird.

Bei 26 Kollektionen im Jahr und Shops überall auf der Welt: Wie organisieren Sie Ihre Termine?

Ach, das ist kein Problem. Schließlich habe ich den hier. (zeigt auf einen kleinen handgeschriebenen Zettel) Jeden Morgen tragen meine Assistentinnen auf solche Zettel meinen Tagesplan ein.

Der erste Termin schon um acht: Ist das nicht sehr früh?

Ich bin ein Frühaufsteher, gehe morgens um 5.15 Uhr schwimmen und sitze um sechs am Schreibtisch.

Der ist aber ziemlich vollgerummelt...

Stimmt, aber das war ja auch nicht wörtlich gemeint. An meinem Schreibtisch habe ich eigentlich noch nie gesessen. ( lacht)

Ihr Terminzettel ist ziemlich eng beschrieben. Wann machen Sie Feierabend?

Im November 2000 wurde Paul Smith von der Queen zum Ritter geschlagen. Am selben Tag heiratete er seine Freundin Pauline, mit de

Im November 2000 wurde Paul Smith von der Queen zum Ritter geschlagen. Am selben Tag heiratete er seine Freundin Pauline, mit der er inzwischen seit mehr als vierzig Jahren zusammen ist.

Meistens so gegen 18 Uhr. Die Abende und das Wochenende sind heilig, die gehören meiner Frau Pauline, ihren Kindern und unseren drei Enkeln. Was die vielen Termine angeht, das fühlt sich gar nicht wie Arbeit an. Ich bin zwar ständig auf Achse, aber es macht einfach wahnsinnig viel Spaß. Vor ein paar Tagen hatte ich eine ganze Schulklasse hier, gestern ein Filmteam aus Frankreich, heute Sie... es wird nie langweilig.

Hier stehen Tausende Bücher, CDs, DVDs, dazu Roboter, Fahrräder, Fotos, Blumen. Woher haben Sie das alles?

Vieles wird mir tatsächlich zugeschickt. Eines der großen Rätsel meines Lebens ist es, dass mir jemand seit Jahrzehnten immer wieder Sachen schickt, ohne Absender, nicht verpackt. Schauen Sie hier, diese Plastik-Ostereier sind heute gerade gekommen.

Sie nennen Ihr Büro "Museum of Madness". Hat der Wahnsinn auch Methode?

Aber ja, ich finde alles wieder, oder zumindest fast alles. (springt auf und läuft kreuz und quer durch den Raum) Hier ist die Abteilung Kunst, hier stehen die Fotobücher, hier das japanische Spielzeug, hier die Kiste mit den Fotos der prominenten Besucher, , , ...

Okay, okay, ich glaube Ihnen ja. Fotografieren ist ein Lieblings-Hobby von Ihnen, oder?

Ja, seit meiner Kindheit, mein Vater schenkte mir die erste Kamera, als ich elf war. Er war Mitgründer des Fotoclubs in Beeston, wo ich aufgewachsen bin. Eine meiner liebsten Erinnerungen an ihn ist, wie er in der Dunkelkammer wirkte, die er sich auf dem Dachboden eingerichtet hatte. Es war so aufregend zu sehen, wie die Bilder ganz langsam sichtbar wurden.

Was den Designer inspiriert, zeigt das Buch "Paul Smith A - Z" von Olivier Wicker (Knesebeck, 192 S., 29,95 Euro)

Was den Designer inspiriert, zeigt das Buch "Paul Smith A - Z" von Olivier Wicker (Knesebeck, 192 S., 29,95 Euro)

Warum sind Sie nicht Fotograf geworden?

Das hätte passieren können. Aber immerhin: Ich fotografiere meine Anzeigenkampagnen selbst und mache regelmäßig Bilder für Magazine, überall auf der Welt. Nächste Woche zum Beispiel geht es nach Japan.

Wo Sie ja seit den frühen Achtzigern verehrt werden wie ein Gott. Dort arbeiten 2000 Menschen für Sie, etwa doppelt so viele wie in Europa. Wie kam es dazu?

Wie ich sind damals viele junge Designer nach Japan expandiert, haben sich allerdings nicht die Mühe gemacht, das Land wirklich zu verstehen. Mir hingegen war von Anfang an klar, dass Erfolg nichts mit Harry-Potter-Hexerei zu tun hat, sondern mit harter Arbeit und damit zu versuchen, ein Land und seine Kultur, die Menschen also, zu verstehen.

Und wie sind Sie mit der japanischen Mentalität klargekommen?

Am Anfang gab es da strenge Hierarchien, die ich nach und nach aufgelöst habe. Das ist mir, glaube ich, gelungen, weil die Japaner meine Art respektieren. Sie mögen es, wenn jemand freundlich und höflich ist.

Waren Sie nach der Katastrophe von Fukushima noch einmal dort?

Ja, etwa zehn Tage nach dem Tsunami bin ich nach Japan geflogen. Das war sehr seltsam, das Flugzeug war fast leer und ich war der einzige Nicht-Japaner. Aber ich musste einfach hin, um die Menschen dort in den Arm zu nehmen.

Wenn man mit Ihren Angestellten spricht, mit Ihren Designern und Verkäufern, hat man das Gefühl, es mit einem Fanclub zu tun zu haben, so sehr schwärmen die von Ihnen.

Gehirnwäsche! ( lacht) Nein, ich bin eben sehr entspannt und fröhlich, das mögen die Menschen, und das ist ansteckend. Vor allem möchte ich nicht, dass es bei mir zugeht wie in anderen Designer-Läden, wo man einen starken Drink und eine neue Frisur braucht, bevor man sich überhaupt reintraut.

Ihre Läden sind ja sehr gemütlich, jeder sieht anders aus, überall stehen Bücher herum, hängt Kunst an den Wänden. Eine Angestellte Ihres Flagshipstores in Notting Hill erzählte mir, dass man alles, was man in dem Laden sieht, auch kaufen könne.

Ein Sessel-Oldie, von Paul Smith mit der psychedelischen Version seiner Streifen verziert.

Ein Sessel-Oldie, von Paul Smith mit der psychedelischen Version seiner Streifen verziert.

Na ja, fast alles. Das Mädchen ist unverkäuflich. ( lacht) Aber ansonsten haben Sie recht. Ich mag Shops, die Spaß machen, wo es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Ich verstehe schon, warum die Läden anderer großer Modemarken überall auf der Welt gleich aussehen, aber das entspricht nicht meinem Wesen.

War das schon immer so?

Ich habe vor über vierzig Jahren angefangen, mit einem winzigen fensterlosen Shop in Nottingham, der nur freitags und samstags geöffnet hatte. Obwohl es eigentlich keinen Platz gab, hatte ich schon damals immer Sachen rumstehen, die ich von irgendwoher hatte. Über die kommt man dann ins Gespräch, das bricht das Eis.

Sie haben damals einfach so losgelegt, nie Mode studiert.

Dafür hatte ich meine spätere Frau Pauline, die ich kennenlernte, als ich etwa 21 war. Sie war studierte Modedesignerin und brachte mir alles über das Thema bei, schneiderte auch meine ersten Kollektionen.

Hatten Sie sofort Erfolg mit Ihrer Mode?

Ich war gleich in der Szene unterwegs, habe meine Sachen an die Jungs von Led Zeppelin verkauft und an Pink Floyd. Auch heute gehören viele Popstars zu meinen Kunden. Razorlight, , Kasabian...

Und Politiker. Es heißt, das halbe englische Parlament trage Ihre Anzüge.

Na ja, trägt Paul Smith, und der Chef der Bank of England. Vielleicht ist das unsere Stärke, dass unsere Mode alle anspricht, vom Banker bis zum Studenten.

Und was ist mit den Frauen? Sie sind ja immer noch vor allem als Herrenausstatter bekannt.

Ich habe mich lange dagegen gewehrt, Frauensachen zu machen. Aber als "Vogue" & Co. anfingen, immer wieder Models in meinen Männersachen zu zeigen, konnte ich nicht mehr anders. Ich habe aber keine ausgeprägte weibliche Seite, entwerfe bis heute nur die maskulinen Teile der Frauenkollektion selbst.

In diesem Jahr feiert die Queen ihr 60. Thronjubiläum. Was würden Sie ihr modisch raten?

Wir haben gerade für das Schaufenster von "Harrods" eine Krone gebastelt, die wir mit allem Möglichen behängt haben, mit Knöpfen, Fähnchen, Fotos. Die wäre doch absolut perfekt für sie.

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