Selbstversuch - Ein Tag als Victoria Beckham
© Uwe Böhm/ Getty Images Selbstversuch - Ein Tag als Victoria Beckham

Selbstversuch Mein Tag als Victoria B.

"Gala Style"-Redakteurin Nicola König ist in die Rolle und vor allem die High Heels von Designerin und Spielerfrau Victoria Beckham geschlüpft. Was für ein Balanceakt!

Normalerweise brauche ich fünf Minuten im Bad:

Kajal, Wimperntusche, Rouge und fertig. Heute dauert es eineinhalb Stunden! Nude-Ton auf den Lippen und Smoky Eyes, die dank falscher Wimpern riesig aussehen. Ich bin begeistert! Die Haare glänzen verlockend. Ich zwänge mich in mein erstes Outfit und meine Füße betreten die passenden Ankle-Boots und wundern sich, dass es schon so früh so hoch hinausgeht. Fertig gestylt stöckele ich dann durch meine Wohnung und vier Stockwerke die Treppen runter, das Geländer immer fest umklammert. Ich brauche eine Ewigkeit, bis ich sturzfrei unten ankomme, obwohl ich mehrmals mit der Schnalle meiner Schuhe hängen bleibe. Meine größte Sorge gilt allerdings der sündhaft teuren Kelly-Bag von Hermès, die in meiner Armbeuge baumelt.

Fotoshooting am Flughafen
© Uwe BöhmFotoshooting am Flughafen

Ab geht's zum Flughafen, Jet-Set-Leben eben. Und da stehe ich nun in der Halle von Terminal 1, mitten in der Ferienzeit, auf 14 Zentimeter hohen Absätzen, mit Bleistift-Rock und schwarzer Zottelweste. Die Leute tuscheln, aber außer neugierigen Blicken passiert nicht viel. Eine Gruppe Japaner geht kichernd an mir vorbei, doch keiner knipst und ich bin irgendwie enttäuscht. Frau Beckham hat ihre Assistenten, ich muss mich um meinen Koffer selber kümmern. Also ziehe ich ihn vor dem Terminal hin und her, laufe ladylike mit XXL-Sonnenbrille im Gesicht umher und habe meinen Spaß. Doch den darf ich leider nicht zeigen, denn lachen ist an diesem Tag tabu! Schließlich existieren kaum Bilder von Victoria Beckham, auf denen auch nur der Ansatz eines Lächelns zu sehen ist. Der Presse-Betreuer vom Flughafen bittet mich zum Abschied um ein gemeinsames Bild, er ist zwei Köpfe kleiner als ich und stolz wie Bolle. Und ich fühle mich ein ganz kleines bisschen so, als hätte jemand ein Autogramm von mir verlangt.

Die Füße fangen an zu schmerzen. In meinem Schrank gibt es außer den obligatorischen schwarzen Pumps keine hohen Absätze. Ab und zu bleibe ich stehen und pose, was das Zeug hält, das habe ich in mühevoller Kleinarbeit vor dem Spiegel geübt. Ein Bein nach vorne, rechte Hand an der Hüfte, linken Arm anwinkeln und den Rücken leicht nach hinten schieben. Dafür braucht man, wie ich feststelle, starke Bauchmuskeln. In einem Café versuche ich, mich ein wenig zu erholen, doch dank zahlreicher Touristen habe ich keine ruhige Minute. Plötzlich steht eine Gruppe um uns herum, verstohlen werden Handys gezückt, um zu fotografieren. Ich fühle mich beobachtet und bekomme eine Ahnung davon, was es bedeutet, ein VIP zu sein.

Sehr anstrengend: Shoppen, gut aussehen und Kind im Arm.
© Uwe BöhmSehr anstrengend: Shoppen, gut aussehen und Kind im Arm.

Dann kommt Stella Marie ins Spiel, die elf Monate alte Tochter einer Freundin. Wenn Victoria Harper Seven durch die Gegend trägt, sieht das mühelos aus, selbst auf den höchsten Heels. Ich bin einfach nur überfordert: In der linken Hand die Tasche, drei Shoppingbags und rechts Stella Marie, die es so gar nicht lustig findet bei der Tante auf dem Arm. Meine 17-Zentimeter-Absätze geben mir wenig Standfläche, ich bin jetzt exakt 1,96 Meter groß und balanciere mit einem Kleinkind auf dem Arm. Mir bricht der Schweiß aus. Was, wenn ich stürze und dem Baby was passiert? Ich mache Minischritte, drücke mein Kreuz durch, spanne meinen Körper an und alles geht gut! Nach diesem Motiv falle ich sprichwörtlich in mich zusammen, ich finde es wahnsinnig anstrengend.

Eine weitere Herausforderung ist das damenhafte Aussteigen aus dem Auto, wovon ich Krämpfe in den Oberschenkeln bekomme. Ich staune über Victorias Leidensfähigkeit! Nach diesem Tag bin ich jedenfalls geschafft. Zwei Gesichtswäschen, fünf Abschminktücher und drei mit Augen-Make-up-Entferner getränkte Wattepads später bin ich wieder ich selbst. Meine Augen brennen vom Reiben und plötzlich sehe ich ganz nackt aus, ohne das Dunkel in meinem Gesicht. Ich schicke an den Papa meines dreijährigen Patenkindes ein Bild von mir als Victoria. Zwei Minuten später die Antwort: "Lenny will nach Hamburg, er glaubt, ihr habt schon Fasching." Mein Fazit: Es fühlt sich toll an, mal Dior, Hermès und Versace zu tragen, perfekt geschminkt zu werden, aber immer auf hohen Absätzen durch die Welt zu spazieren, auf den Geschmack bin ich nicht gekommen.